Die LinkeDie Stille nach Lafontaine

Oskar Lafontaine will nicht mehr für die Linke in den Bundestag. Ohne ihren Übervater dürfte die Partei endlich weniger streiten – aber wer kann ihn ersetzen? von 

Am Tag, an dem ihr Star Oskar Lafontaine sein Comeback absagt, herrscht eine merkwürdig unentschlossene Stimmung bei den Linken. Wen man auch fragt in der Partei, ob vermeintliche Gegner oder auch vermeintliche Anhänger. So richtig trauert niemand, so richtig freut sich aber auch niemand darüber, dass Lafontaine nicht mehr für den Bundestag kandidieren will. Zu gut wissen sie, dass er zugleich Trumpf und Übel für die Partei war: Übervater, Wahlkampf-Zugpferd, aber auch: Streithahn, Egomane. Und deshalb wissen sie jetzt nicht so recht, ob sie ohne ihn schlechter dastehen – oder vielleicht sogar besser.

Zum Beispiel Willi van Ooyen. Der 67-Jährige ist Spitzenkandidat der Linken in Hessen und soll am 22. September die letzte Landtagsfraktion der Partei in einem westdeutschen Flächenland retten. Bei vier bis fünf Prozent liegt die Linke zur Zeit in Hessen, da kommt es auf jeden guten Wahlkämpfer an. Und erst recht auf einen wie Lafontaine. "Ich hätte mir wirklich gewünscht, dass er noch einmal antritt", sagt also van Ooyen. "Mit ihm hätten wir den Unterschied zu SPD und Grünen noch einmal viel deutlicher machen können."

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Oskar Lafontaine ist als Marktplatz-Einpeitscher unersetzbar. In Wuppertal lockte er im vergangenen Jahr allein mehr Gäste an als Hannelore Kraft (SPD) und Norbert Röttgen (CDU) zusammen. Populistische Zuspitzung, große Welterklärungen, frontale Angriffe: Er beherrscht das alles. "Lafontaine ist einer der besten Wahlkämpfer der Republik", sagt Oliver Nachtwey. Der Sozialwissenschaftler von der Uni Trier beschäftigt sich seit Längerem mit dem einstigen Parteichef. "Wissenschaftliche Studien zeigen, dass allein die Person Lafontaine den Linken bei den Bundestagswahlen 2005 und 2009 viele Extra-Stimmen gebracht hat."

"Jeder soll sich um sich selbst kümmern"

Das müssen sogar seine erbittertsten Gegner eingestehen. Dietmar Bartsch wollte im vergangenen Jahr wie Lafontaine Parteichef werden, am Ende wurde es keiner der beiden. Bartsch ist der prominenteste Vertreter des ostdeutschen Reformer-Flügels, der schon immer Probleme mit Lafontaine hatte. "Ohne ihn hätten wir unsere Erfolge im Westen nicht gehabt", sagt Bartsch zu ZEIT ONLINE. Das war es dann aber auch an Lob. Zur Comeback-Absage selbst sagt Bartsch nur: "Ich will seine persönliche Entscheidung nicht kommentieren. Jeder soll sich um sich selbst kümmern, und dann ist gut."

Denn gerade Bartsch kennt Lafontaines andere Seite nur allzu gut: Seinen rücksichtlosen, egomanen Stil. So wie er einst spektakulär und im Streit sein Amt als SPD-Finanzminister hingeschmissen hatte, so unerbittlich stritt er später bei den Linken mit Gregor Gysi und eben Bartsch. Zuletzt hatte er versucht, seine Lebensgefährtin Sahra Wagenknecht an die Parteispitze zu bringen, erfolglos.

Leserkommentare
  1. Der Oskar kann nur durch eine soziale und demokratische Partei
    ersetzt werden.
    Die derzeitige SPD ist dazu nicht fähig.

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    Lafontaine hat wenigstens in Ansätzen so etwas wie eine tiefer gehende Kapitalismuskritik. Aber wie bei Sahra Wagenknecht geht diese Kritik nicht weit genug. Sie reklamiert wenigstens in Ansätzen so etwas wie das Recht der unmittelbaren Produzenten auf Teil am Gewinn, evtl. sogar auf das Eigentum am eigenen Betrieb. Aber Lafontaine fundiert diese Forderungen nach "Belegschaftssozialismus" nicht gründlich, wie es etwa der gerade verstorbene Robert K u r z in "Geld ohne Wert" versuchte: Dort spricht K u r z in einem Marx glücklich transformierenden Sinne davon, daß seit den 80.Jahren der Kapitalismus auf seine "innere Schranke" stößt(Stichwort globale "Mehrwertmassenschrumpfung"). D.h. es drohen seither Siechtum und sogar Zusammenbruch auf Raten. Solange die Partei die Linke ihren Kampf gegen Sozialabbau nicht mit dem für die Erhaltung der Gattung unerläßlichen Aufbau einer Art rätedemokratischen solidarischen n i c h t f e t i s c h i s t i s c h e n Gesellschaftsform als Praxisnotwendigkeit verbindet,. die -entgegen Adornos Diktum- n i c h t mehr "vertagt" werden darf, ist sie für viele radikalen linken Kapitalismuskritiker kaum wählbarer als die sich neuerdings als Gerechtigkeitspartei dressierende SPD!

  2. Das Lafontaine nicht mehr antreten will, hat er schon vor über 3 Jahren gesagt.
    http://www.lvz-online.de/nachrichten/topthema/oskar-lafontaine-uebr-sein...
    Dennoch schafft es jetzt schon der zweite Artikel darüber, das sich nichts ändert in die Zeit.

    Ein wenig schmunzeln muss ich schon.
    Der Mann ist sogar eine Meldung wert, wenn es gar nichts neues zu melden gibt.

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  3. Ich hab sowieso nie den Streit innerhalb der Linken verstanden "Ost Linke" vs. "West-Linke", was soll das sein, sind die Linken im Osten linker als im Westen, sind die Linken im Westen reicher als die Linken im Osten?
    Oder ist das nur ein ideologisches Gerangel, ob Sozialismus, Kommunismus, etc.

    Wenn Herr Lafontaine aufhören will, bitte, jeder muss selbst entscheiden wann für ihn Ende ist.

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    • tobmat
    • 23. April 2013 16:34 Uhr

    "Ich hab sowieso nie den Streit innerhalb der Linken verstanden "Ost Linke" vs. "West-Linke", was soll das sein, sind die Linken im Osten linker als im Westen, sind die Linken im Westen reicher als die Linken im Osten?"

    Es ist andersrum. Die Linken im Westen sind linker als die im Osten. Genauer gesagt sind sie radikaler und die im OSten pragmatischer und auf Reformen bedacht.
    Die im Osten haben 40 Jahre erlebt wie die Ideen in der Realität funktionierten welche die Linken im Westen als "Allheilmittel" verehren und entsprechend radikal verteidigen.

    • tb
    • 22. April 2013 21:07 Uhr

    möchte nicht von einer Landtagsfraktion aufgefordert werden.
    Der Platzhirsch möchte von der Parteispitze gebeten werden.
    Sollte dieser Ruf erfolgen wer weiß, ob er ihm widerstehen kann.

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  4. ...die Friedhöfe sind voller Menschen die sich für unersetzlich hielten.

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  5. ist die Linke steuerpolitisch ohnehin nicht,wenngleich ein Lichtblick.

    Aber das auch die Linke sich sträubt,nicht nur bei Millionären,sondern auch bei den oberen 10 Prozent ---und damit bei Einkommen deutlich unter 100 000 euro für singles---kräftig zuzulangen ,ist schwach.

    Jeder schiebt es auf den andern,keiner will zahlen.Irgendwann wird die ganze Welt an niedriger Bildung,geringer Produktivität und Inflation zugrunde gehen,nur im Gleichverteilungs-Bereich Skandinavien ,dort wo Akademiker ähnlich verdienen wie alle anderen,wird die Studierneigung hoch,die Luxussteuern und das Wirtschaftswachstum hoch sein.
    Was sich hier Linkspartei nennt,ist in Schweden mit bis zu 60 Prozent und mehr Belastung für Rentner dort eher konservativ bis mittig einzuordnen.

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  6. Es gibt genug Kompetenz in der Linken. Lafontaine war ein Polarisierer. Die Linke im Jahr 2013 will aber nichtmehr nur polarisieren. Sie will agieren. Sie will regieren. Irgentwann - wohl nicht 2013 aber irgentwann - wird die Linke gesellschaftlich etabliert sein. Weil ihre Forderungen Mehrheiten holen, die auch mit noch so heftigen rote Socken Kampagnen nicht unterdrückt werden können.

    Lafontaine ist ein Spitzenpolitiker. Aber er ist alt und müde. Nochmal durch die Hölle eines Wahlkampfes gehen? Nochmal als Vorwand für die angebliche Zersplitterung der Linken dienen?

    Nein Oskar. Die Linke schafft das auch ohne dich. Es gibt noch mehr kluge Köpfe in der Linken. Eine neue Generation, die pragmatisch und unideologisch agiert. Versucht mit Inhalten zu punkten.

    Am meisten wirst du den Medien fehlen, deren Lieblingsmotiv dein roter Kopf war. Hoffentlich schaffst du es zu dem ein oder anderen Wahlkampfaufritt. Aber lass die Drecksarbeit mal andere machen die jünger und fitter sind.

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  7. Leider wird DIE LINKE in den Medien gerne auf "zugkräftige" Einzelpersonen reduziert. Zudem werden (in einer einer basisdemokratischen Partei stinknormale) Querelen innerhalb der LINKEN gerne ausgeschlachtet. Es gibt keinen Personenkult innerhalb der LINKEN. Wenn Katja Kipping am gestrigen Sonntag in Nürnberg für ihre Rede zur Eröffnung der Aufstellungsversammlung der bayerischen LINKEN für die Reihung der Bundestagskandidatinnen und -kandidaten tosenden Applaus geerntet hat, lag das nicht an ihrer sympathischen Erscheinung, sondern an den Inhalten ihrer Rede.

    Deshalb gibt es nach Lafontaine auch keine Stille. In der LINKEN wird es auch zukünftig Streit geben. Ich freue mich darauf. Weil sich inzwischen eine zivilsierte und konstruktive Streitkultur entwickelt hat.

    Oskar Lafontaine zieht sich ja nicht komplett zurück. Er will nur nicht mehr für den Bundestag kandidieren. Als "Graue Eminenz" wird er der LINKEN noch erhalten bleiben.

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