Alternative für Deutschland : Die Enttäuschten sind begeistert

Die Alternative für Deutschland meistert den ersten Parteitag. Chancen hat sie: Die Basis treibt die Wut, ihr Frontmann kommt als biederer Experte daher. Von C. Bangel
Parteigründer Bernd Lucke (Mitte) beim Gründungsparteitag der Alternative für Deutschland in Berlin ©Marc Tirl/dpa

In Berlin, nur wenige Hundert Meter von der CDU-Parteizentrale entfernt, ist heute das geschehen, was in der deutschen Politik schon seit einer Weile befürchtet wird: Eine Anti-Euro-Partei hat beschlossen, zur nächsten Bundestagswahl anzutreten. Oder besser: Sie hat es herausgebrüllt.

Aus dem Nichts heraus hat sich besonders für Union und FDP eine ernste Gefahr ergeben. Denn 24 Prozent der Deutschen sind laut einer Umfrage aus der vergangenen Woche bereit, dieser Partei erst einmal zuzuhören. Die Politik reagiert nervös: Nicht ernstzunehmen, keine Alternative, Populismus, heißt es aus den Parteien.

Seit die Alternative für Deutschland (AfD) sich vor wenigen Monaten das erste Mal zeigte, begleitet sie der Verdacht, sie sei rechtspopulistisch, zumindest latent. Doch die Menschen, die sich hier in dem etwas muffigen fensterlosen Sitzungssaal durch die nervenzehrenden Formalia eines Gründungsparteitages quälen, sind keine Neonazis. Auch nicht die bunten Vögel, die man von den Parteitagen der Piraten kennt. Es ist Bürgertum mit Lesebrille und Bundfaltenhose, das zusätzliche Anträge zur Geschäftsordnung genervt niederruft, um endlich anfangen zu können. Womit? Darauf gibt es zwei Antworten.

Die eine steht im eben beschlossenen Programm, sinngemäß: Schluss mit dem Rettungswahn – ein wahrer Europäer muss den Euro abschaffen – Union, Grüne, SPD und FDP haben jeden Realitätssinn verloren – die Regierenden gehören abgestraft.

Manwirddochwohlnochsagendürfen

Die andere, längere Antwort steht auf den Fluren und trinkt Filterkaffee. "Man kann in diesem Land nicht mehr öffentlich seine Meinung äußern", sagt ein Mann, der sich einen Hundertmarkschein ans Revers geheftet hat. Er war früher Pressesprecher größerer Unternehmen. Er berichtet von kriminellen osteuropäischen Banden und der Scheu, darüber zu sprechen, weil man nicht als rechts gelten wolle. Die Homo-Ehe, sagt ein anderer, sei ein Verrat an der Demokratie. Denn wer vertrete denn noch die schweigende Mehrheit, die so etwas für unnatürlich halte?

Christian Bangel

Christian Bangel ist Chef vom Dienst bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

Political Correctness, Gehirnwäsche, Duckmäusertum. Nun endlich Klartext, Volkswille und wahre Demokratie. Das ist die innere Spannungskurve der meisten hier. Ein Frühling des Manwirddochwohlnochsagendürfens.

Diese Stimmung ist unberechenbar. Das ist der Parteispitze um den Hamburger Wirtschaftswissenschaftler Bernd Lucke bewusst, die zwei Signale unbedingt vemeiden will: erstens rechtspopulistische Ausbrüche, zweitens chaotische Antragsverfahren und Endlosdiskussionen nach Art der Piraten.

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Kommentare

303 Kommentare Seite 1 von 35 Kommentieren

Abstimmungsverfahren

Zitat: "Mit dem Abstimmungsverfahren über das Programm haben sie sich für mich erledigt."
Man wird also ganz frisch Mitglied einer Partei und keinen Monat später kann man das Programm nicht mittragen ?
Dieses Programm ist schon länger bekannt und bildet einen guten Rahmen für die politische Arbeit. Wer hier starke Bedenken hat oder gleich alles ändern will, kann gerne auf eine Mitgliedschaft in dieser Partei verzichten. Das die Kernbotschaften dabei abgesichert werden, erscheint mir im Sinne eines vertrauensstiftenden Vorgehens durchaus folgerichtig.
Eine detaillierte Ausformulierung steht freilich noch aus - einen Hinweis auf die Richtung kann man aber in den Beiträgen der Protagonisten finden, die vor der Parteigründung z.B. in der Diskussion über den ESM veröffentlicht worden sind. Diese werden vielen Mitgliedern der AfD durchaus bekannt sein.