Genscher und LindnerDie Muppets von der FDP

Hans-Dietrich Genscher feiert Christian Lindner in einem gemeinsamen Buch als neuen FDP-Helden. Der wiederum kokettiert mit Rot-Gelb. Merkwürdig, findet A. Sirletschtov.

Ein bisschen aus der Zeit gefallen wirkt das Interviewbuch des FDP-Altvaters Hans-Dietrich Genscher, 86, und des nordrhein-westfälischen Jungstars Christian Lindner, 34, das dieser Tage erschienen ist (Hoffmann und Campe, 254 Seiten, 19,99 Euro). Doch so ist es manchmal in der Politik: Was gestern noch realistisch erschien, ist heute schon unmöglich. Die jüngere Geschichte des FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler, 40, und jene dieses Buches beweisen das einmal mehr.

Noch Anfang Januar wollte niemand mehr darauf wetten, dass Rösler im Sommer noch Chef der Partei ist. Auch Genscher nicht. Am Rande von Veranstaltungen stand der Mann mit dem ewig gelben Pullunder und pries das gemeinsame Buch mit Lindner an.

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"Der kann es", wusste Genscher und man sah ihm an, dass er Lindner bald an der Spitze seiner liberalen Partei sah. Doch dann kam das gute FDP-Ergebnis bei der Landtagswahl in Niedersachsen. Plötzlich stand Philipp Rösler wieder in der Gunst von Partei und Öffentlichkeit.

Und Lindner? Den strafte die FDP ab. Urplötzlich fühlte sich seine oft "nassforsche" Art (Lindner über Lindner) gar nicht mehr gut an. Die FDP feierte ihren Chef Rösler wie einen auferstandenen Star. Vielleicht hätten Lindner und Genscher den Erscheinungstermin des Buches "Brückenschläge" verschieben sollen. Auf einmal sehen sie aus wie Statler und Waldorf, die vom abseitigen Samtbalkon der Muppetshow das Geschehen auf der Bühne kommentieren.

Stichwortgeber und Altvater

Worum es in dem Buch geht? Auf 250 Seiten diskutieren die beiden Liberalen über deutsche Außenpolitik nach dem Zweiten Weltkrieg, über den Arabischen Frühling, die Rolle des Staates in der sozialen Marktwirtschaft und die Bedeutung von Europa in Vergangenheit und Zukunft. Über weite Teile wirkt Lindner als Stichwortgeber für Altvater Genscher, der seinen Weg durch die Politik ausbreitet.

Der Lohn: Genscher lobt seinen politischen Enkel immerfort für dessen Weitsicht und Abstraktionsvermögen. Überraschungen bietet das Buch keine, weder politisch noch persönlich. Über Genscher weiß die Öffentlichkeit bereits sehr viel, Lindner gibt kaum etwas preis, was ihn in Konkurrenz zum wiedererstarkten Rösler bringen könnte. Vielleicht nur so viel: Lindner bringt sich zum Schluss – ganz vorsichtig – als möglichen Architekten eines Regierungsbündnisses mit Rot-Grün ins Gespräch: "Ich habe in der SPD", sagt er, "genauso viele Gesprächspartner wie in der Union."

Erschienen im Tagesspiegel

 
Leser-Kommentare
    • dacapo
    • 04.04.2013 um 21:01 Uhr

    Sind Sie sich sicher? Wenn ja, verraten Sie doch mal, warum das so sein sollte.
    Und wie alt sind Sie jetzt, müssen Sie sich schon auf diesen Umstand vorbereiten. Oder könnte es sein, dass es diese Wahrnehmungsstörungen in jeder Altersklasse gibt?

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  1. Antwort auf "Noch ein Buch"
  2. F....ür welche Werte steht D....iese P.....artei?

  3. Der Lindner wird jede Regierungskoalition akzeptieren, Hauptsache mal Minister. So wie der, wie heisst der noch, ach ja Westerwelle. Vor den Wahl von Steuersenkungen, weniger Staat und bürgerliche Freiheit sprechen, und nach der Wahl einfach nur das Amt ausfüllen.So wie der Westerwelle sein Amt ausfüllt könnte der auch von den Linken sein. Politische Überzeugung wird nur vorgespielt.
    Das ist mein Problem, besonders mit der FDP. Politik wird nur simuliert. Was ist passiert nach ein paar Jahren Schwarz-Gelb?

    Ich zahle immer noch ca. 60% Steuern und Abgaben (inkl. MWSt), muss deswegen von einem Aufstieg in die Mittelschicht träumen, obwohl das Gehalt an sich schon reichen würde endlich mal ein Auto aus 2.er Hand zu kaufen. Das kann doch nicht sein, dass ich alleine mehr Lohnsteuer zahle, als meine Wohnung und Nebenkosten insgesamt hoch sind.
    Ich zahle als Vollzeit arbeitender Single soviel Steuern und Abgaben, als ob wir im Krieg wären. Sind wir aber nicht. Meine Hoffnung war die FDP, und die Frage ist, was jetzt?

  4. er hat als Innenminister "Muenchen" schlecht ausgesehen, er war dafuer verantwortlich, dass wir Schmidt gegen den verheerenden Ehrenwortkanzler Kohl erhielten, in Ex-Jugoslawienkonflikt hat er schwere Schlud auf sich geladen und die Wiedervereinigung ist sowohl auf ihn, als auch auf Kohl draufgefallen, die DDR war schlicht total Pleite.

    Nun geht der Taktierer her und will uns das Bambi Lindner, einen in der Privatwirtschaft mit 1,2 Millionen oeffentlichem Geld gescheiterten, Intenetunternehmer und anschliessend ebenso nicht erfolgreichen "Koenigsmacher" als Fuehrungsperson andienen. Langsam zweifle ich an seinem Verstand.

    Die FDP ist schon lange keine liberale Partei mehr, sie fungiert seit Genscher ausschliesslich als Mehrheitsbeschaffer um jeden Preise. Liberale das waren Heuss, Flach, Dahrendorf, Baum und Hirsch, solche Kaliber gibt es nicht mehr, sondern nur noch eine neoliberale Boygroup, die schon genug Schaden angerichtet hat. Es ist hoechste Zeit fuer ein Verschwinden dieser laecherlichen Splitterpartei.

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  5. 22. [...]

    Entfernt. Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Bitte äußern Sie sich sachlich zum konkreten Artikelthema. Danke, die Redaktion/sam

    Antwort auf "Sozialliberal"
  6. Zumal sich die einfache Frage stellt, wer von der Führungsriege die Rolle als Kermit Frosch, Miss Piggy, der große Gonzo oder Fossibär besetzen würde...

    • caym
    • 05.04.2013 um 0:05 Uhr

    lesen Sie doch mal bei Wikipedia, da ist doch Ihre Frage, Stichwort "Liberalismus", bereits beantwortet! Da bedarf es auch keiner weiteren Ergänzungen. Nur soviel sei noch gesagt: Für FDP ist doch "Liberalismus" die absolute Privatisierung meritorischer Güter: sei es Gesundheit oder Bildung; ach ja genau, in die Lohnfindung soll er möglichst auch nicht eingreifen der Staat, nä (Stichwort: Mindestlohn) !!! Ich bin gespannt auf den Sommer und der Neuausrichtung FDP und "Liberalismus", Oder warum denkt Lindner über Rot-Gelb nach. Wenn es um Umfragewerte und Ministerposten geht, ist morgen nix wie heute.
    Das Gossentheater nimmt seinen Lauf ...

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    Antwort auf "liberalismus"

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