Cemile Giousouf könnte der Durchbruch für die CDU sein. Die 34-Jährige wird im Wahlkreis Hagen als Bundestagskandidatin antreten. Sollte sie gewinnen, wäre sie dort die erste türkischstämmige Abgeordnete der CDU.

Die Partei von Bundeskanzlerin Merkel hat sich auf den Weg zu den Migranten gemacht. Deutschland solle ein "Integrationsland" werden, sagte jüngst die Kanzlerin. Und im Vorstand der CDU selbst sitzen seit dem Parteitag im vergangenen Dezember vier Politiker mit Migrationshintergrund. Auch im öffentlichen Dienst setzt sich die unionsgeführte Bundesregierung für mehr Menschen mit ausländischen Wurzeln ein.

Es scheint, als habe die Partei das riesige Wählerpotenzial der Migranten in Deutschland erkannt. Einerseits. Anderseits ist sie gegen die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft sowie gegen ein kommunales Wahlrecht für Ausländer aus Nicht-EU-Staaten. Zwei für Migranten und ihre Kinder sehr wichtige Anliegen. Der Unions-Fraktionsvorsitzende Volker Kauder etwa hatte erst vor einem Jahr im Vorfeld der Islamkonferenz seinen Standpunkt bekräftigt, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Ist das Werben um die Migranten also vor allem Kalkül, oder ein tatsächliches Umdenken? 

5,6 Millionen Wähler mit Migrationsgeschichte

Menschen mit Migrationshintergrund sind laut amtlicher Statistik alle seit 1949 Eingewanderten und deren Nachkommen. Dass diese Gruppe – inzwischen 16 Millionen Menschen – nicht nur die Zukunft des Landes mitbestimmen wird, sondern auch die der CDU selbst, hat die Union ganz offensichtlich erkannt: Knapp zehn Prozent der Wahlberechtigten, 5,6 Millionen, haben Migrationsgeschichte.

Besonders die Kinder und Enkel von Migranten sind heute eine ernstzunehmende Wählerklientel. Sie vertrauen sogar häufiger als Personen ohne Migrationshintergrund auf ihre Fähigkeiten zur politischen Meinungsbildung. Zudem engagieren sich 32 Prozent der Deutschen mit Migrationshintergrund in politischen Initiativen.

Bislang wählen viele aus dieser Gruppe, sofern sie keine Spätaussiedler sind, eher die Parteien links der Mitte. Vor der Bundestagswahl 2009 gaben laut dem Islamarchiv in Soest 35 Prozent der wahlberechtigten muslimischen Bevölkerung an, die SPD wählen zu wollen, 17,7 Prozent zogen die Grünen vor. Die CDU lag hingegen bei knapp vier Prozent.  

"Viele türkischstämmige sind konservativ"

Diese Schwäche hängt mit einem anderen Problem der Partei zusammen: Ihrem Absturz in den Großstädten. In den Städten mit 500.000 oder mehr Einwohnern liegt der Anteil von Familien mit Migrationshintergrund bei 43 Prozent. Genau dort haben die Konservativen in den letzten Jahren ihre größten Probleme. Die jüngsten Wahlverluste der CDU – sie konnte seit 2009 keine der 27 Bürgermeisterwahlen in den Großstädten mehr für sich entscheiden – dürften auch darin begründet sein, dass sich die Migranten nicht von der Partei angesprochen fühlen.   

Dabei stimmen die Voraussetzungen eigentlich. "Viele türkischstämmige Deutsche sind konservativ und stimmen mit dem Weltbild der Christdemokraten in vielem überein", sagt Bülent Arslan, der Vorsitzende des Deutsch-Türkischen Forums in der Partei, das es seit 2009 gibt.

Doch Arslan ist gleichzeitig auch das beste Beispiel für die Probleme. 2002 hatte er versucht, für die Bundestagswahl einen Wahlkreis in Hagen zu gewinnen. Dann entschied sich der Kreisverband aber doch noch gegen ihn als Kandidaten. Zu groß war die Skepsis, ob ein türkischstämmiger Muslim die CDU vertreten könne. " Um die Sympathien der Menschen zu gewinnen, braucht die Partei mehr türkischstämmige Abgeordnete", ist Arslan überzeugt. In den Spitzengremien sieht es noch dünner aus.