Bundestagswahl : Steinbrücks Beliebtheitswerte sacken ab

Noch 32 Prozent sind mit der Arbeit von Steinbrück zufrieden – der schlechteste Wert seit acht Jahren. Äußerungen zum Sportunterricht für Muslime sorgen für neue Kritik.

Im Rennen um das Kanzleramt verliert SPD-Kandidat Peer Steinbrück den Rückhalt in der Bevölkerung – und sorgt mit Äußerungen erneut für Diskussionen: Der SPD-Politiker, mit dessen Arbeit laut ARD-Deutschlandtrend nur noch 32 Prozent der Deutschen zufrieden sind, hat sich für getrennten Sportunterricht von muslimischen Mädchen und Jungen ausgesprochen.

"Wenn die Schulen es einrichten können, sollten sie da Rücksicht auf die religiösen Gefühle nehmen und getrennten Sportunterricht anbieten", zitiert die Bild-Zeitung Steinbrück, der sich dermaßen auf einer Veranstaltung in Berlin geäußert haben soll. Anlass war die Frage eines Schülers, wie weit Toleranz gehen soll. Wie das Blatt weiter berichtet, habe der Junge von einem muslimischen Vater erzählt, der sich gegen gemeinsamen Sportunterricht seiner Tochter mit Jungen gewehrt hatte. Steinbrück habe daraufhin von einem "schwierigen Thema" gesprochen, zu dem alle "eine andere Meinung" hätten.

Berlins langjährige CDU-Ausländerbeauftragten Barbara John nannte Steinbrücks Äußerungen rückwärtsgewandt. "Die Diskussion über eine Trennung ist von gestern", sagte sie. "Kinder und Eltern müssen sich daran gewöhnen, dass die Geschlechter bei uns gemeinsam aufwachsen und gleichberechtigt leben." Getrennter Unterricht sei "der falsche Weg". Der FDP-Innenpolitiker Serkan Tören sprach von einem ganz falschen "Signal für die Integration von Muslimen in Deutschland".

Deutsche unzufrieden mit Steinbrück

Der SPD-Kanzlerkandidat rühmt sich selbst für seine unverblümte Sprache und seine Direktheit und betonte immer wieder, dass er sich nicht verbiegen lassen will – und stand in der Vergangenheit wegen diverser Äußerungen mehrmals in der Kritik. Unlängst irritierte er mit seiner Wortwahl zum Thema Demokratie und Menschenrechten in Russland, die er in einem Interview mit ZEIT ONLINE verwandt hatte.

Den Wähler kann Steinbrück damit offenbar nicht überzeugen. In der Umfrage der ARD verliert er an Zustimmung und kommt in der Bewertung der wichtigsten Spitzenpolitiker auf den niedrigsten Wert seit seinem Wechsel in die Bundespolitik vor acht Jahren. Noch unzufriedener als mit seiner Arbeit sind die Deutschen nur noch mit der Leistung von Linken-Fraktionschef Gregor Gysi, FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle und dem FDP-Vorsitzenden Philipp Rösler.

Bundeskanzlerin Angela Merkel kam dabei auf eine Zustimmung von 68 Prozent und blieb damit an der Spitze der Liste. Auch im Fall einer Direktwahl fällt der Abstand zwischen Merkel und Steinbrück so groß aus wie nie: Könnten die Deutschen den Kanzler direkt wählen, würden sich 60 Prozent für Merkel entscheiden (plus zwei im Vergleich zum Vormonat). Nur 25 Prozent würden Steinbrück wählen (minus eins).

48 Prozent wollen CDU-geführte Regierung

In der Sonntagsfrage legte die Union gegenüber der Vorwoche um zwei Punkte zu und erreichte 41 Prozent. Die SPD sank um einen Punkt auf 27 Prozent. Die FDP erreichte wie in der Vorwoche vier Prozent. Die Grünen verloren einen Punkt und kamen auf 14 Prozent. Unverändert blieben die Linke mit acht und die Piraten mit drei Prozent.

48 Prozent der Deutschen waren der Ansicht, die nächste Bundesregierung sollte wieder von der Union geführt sein – dies entspricht einem Punkt mehr als im Vormonat. Die Präferenz für eine SPD-geführte Regierung nahm deutlich ab und erreichte 37 Prozent – nach 45 Prozent im Vormonat.

Merkel vor Schäuble und Kraft

Die Pläne der SPD, nach der Wahl die Steuern für höhere Einkommen anzuheben, fand bei der Mehrheit der Befragten Anklang: 58 Prozent fanden diese Pläne richtig. 37 Prozent hielten sie für falsch.

Auf der Liste der beliebtesten Politiker landete Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hinter Merkel auf Platz zwei. Den dritten Platz teilten sich NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, die beide auf eine Zustimmung von 54 Prozent kommen. Schlusslicht der abgefragten Parteipolitiker bleibt FDP-Chef Philipp Rösler.
 

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Kommentare

142 Kommentare Seite 1 von 20 Kommentieren

Radikal?

Die Frage, ob es radikaler ist eine Währungsreform durchzuführen, oder eine europäische Transferunion und einen Umverteilungsmechanismus vom Otto-Normalverbraucher zu gescheiterten Investoren und reichen Steuerhinterziehern unter Missachtung europäischer Verträge, europäischer Grundrechte (Kapitalverkehrsfreiheit) und demokratischer Prinzipien wie von rot/grün/schwarz/gelb propagiert ins Leben zu rufen, stellen Sie sich besser noch einmal!

Auch das Bild Deutschlands als alleinigem Profiteur des Euros ist- na ja zumindest stark vereinfacht. Und das der Euro ein Projekt für den Frieden unter den europäischen Völkern ist, glauben ohnehin nur noch die letzten Illusionisten...

Schwierige Wahlentscheidung

Das lustige ist, dass ich auch zwischen SPD und AfD schwanke. Insgesamt erscheint mir die SPD auch mit Steinbrück vernünftiger. Aber was hilft einem die "Insgesamt"-Betrachtung, wenn die zunehmende Islamisierung Deutschlands zu einem ernsten Problem entwickeln sollte? Gleiches gilt für das Festhalten der SPD an der Euro- und EU-Mitgliedschaft. Da werden offen undemokratische Strukturen angepriesen und zum Teil sogar die Vereinigten Staaten von Europa gefordert.

Die Äußerung Steinbrücks zur religiös motivierten Geschlechtertrennung in Schulen ist wieder einmal von dem Unwillen oder dem Unvermögen geprägt, sich realen Problemen zu stellen. Derartige Zugeständnisse sollen nach Auffassung der Protagonisten das Bild vermitteln, dass man sich für unterdrückte Randgruppen einsetzt und so die Integration fördert. Ist es nicht auch tolerant, wenn in Kieler Kitas auf Schweinefleisch verzichtet wird? Kann man nicht auch zugunsten der Kinder mit Migrationshintergrund auf Schnitzel und Würstchen verzichten? Kann man muslimische Schülerinnen nicht vor den Blicken und Sprüchen der Jungs schützen?

In Wirklichkeit sind die Signale, die dadurch gesetzt werden, verheerend. Es wird mal eben klammheimlich der gesamte Prozess der Aufklärung außer Kraft gesetzt. Alles wird der Religion untergeordnet. Siehe auch die menschenverachtende Entscheidung zur Beschneidung von Jungen.