137 Menschen sollen beim Bombardement dieses Tanklasters auf deutschen Befehl im September 2009 gestorben sein. © AFP/Getty Images

Wenn es noch eines Beweises für die alte Floskel bedurfte, dass die Wahrheit als Erstes stirbt, wenn Waffen die Worte ersetzen: Das Bombardement von Kundus und vor allem der Umgang der deutschen Regierung damit, liefern seit mittlerweile dreieinhalb Jahren eindrückliches, umfassendes Anschauungsmaterial. Nun könnte allerdings ein deutsches Zivilgericht Licht in die hochbrisante und hochpolitische Sache bringen.

Darum geht es: Am 4. September 2009 gingen zwei von Taliban entführte Tanklaster am Kundus-Fluss in Afghanistan in Flammen auf. Amerikanische Piloten hatten auf Befehl des deutschen Obersten Georg Klein die Fahrzeuge angegriffen. Zwischen 91 und 137 Zivilisten sollen dabei gestorben sein – die genaue Todeszahl wird wohl nie feststehen. 

Sicher ist, dass unter den Opfern einige Kinder und Jugendliche waren, die Treibstoff aus den Tankern zapfen wollten oder nur neugierig waren. "Ein deutsches Verbrechen" titelte der Spiegel und traf damit die Meinung vieler Menschen im Land.

40.000 Euro Schmerzensgeld

Bis heute ist der Fall nicht aufgeklärt. Nun beschäftigt sich eine Zivilkammer des Landgerichts Bonn mit dem folgenschweren Bombardement. Das Gericht hat bei der Bundesregierung zahlreiche Informationen angefordert, unter anderem die Filmaufnahmen der amerikanischen Kampfflugzeuge und die Mitschnitte des Funkverkehrs zwischen Oberst Klein, dessen Untergebenen und den US-Piloten.

Das Gericht handelt nicht etwa auf Initiative deutscher Behörden. Es sind zwei afghanische Familien, die die Bundesrepublik auf Schadensersatz verklagen. Noch geht es nicht um große Summen. Ein Vater verlangt ein Schmerzensgeld von 40.000 Euro. Er gibt an, zwei Söhne beim Bombardement verloren zu haben. Eine Witwe und Mutter von sechs Kindern, deren Ehemann beim Luftschlag starb, will mit 50.000 Euro entschädigt werden. Weitere Angehörige wollen ebenfalls klagen.

Die Bundeswehr und damit der Staat seien als Dienstherr des damaligen Kommandeurs in Kundus zum Zahlen von Schadensersatz und Schmerzensgeld verpflichtet, sagen die Anwälte der Kläger. Um darüber zu urteilen, will das Gericht nun klären, ob bei dem Bombenabwurf das humanitäre Völkerrecht verletzt wurde. So wird aus dem Zivilprozess indirekt ein Prozess über große, politisch höchst brisante Fragen.

Abwiegeln, Mauern, Ignorieren

Die Bundesregierung hatte vergeblich beantragt die Klage abzuweisen. Sie hat offensichtlich kein Interesse an einer juristischen Aufarbeitung des Luftschlags. Die Wahlkämpfer in der Union dürften kein Interesse haben an einer Diskussion über ein deutsches Kriegsverbrechen in Afghanistan. Damit bleibt die Regierung ihrer Kundus-Strategie treu, die da heißt: Abwiegeln, Mauern, Ignorieren.

Dabei hatte der erst nach dem Luftangriff ins Amt gekommene, ehemalige Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg "größtmögliche Offenheit und Transparenz" versprochen. Doch von Anfang an wurde die Öffentlichkeit nur sporadisch informiert. Ein Untersuchungsbericht zum "Close Air Support Kundus" des Feldjägerführers im Einsatz hielt die Bundeswehr zunächst zurück. Die meisten anderen Dokumente bekamen so hohe Sicherheitseinstufungen, dass selbst Bundestagsabgeordnete diese nur in der Geheimdienststelle durcharbeiten durften. Offenheit und Transparenz gab es nie. Nicht nur der SPD-Bundeswehrexperte kritisiert, das Verteidigungsministerium habe den Angriff nicht aufgearbeitet.