Wenige Tage vor Beginn des NSU-Prozesses hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) Sensibilität im Umgang mit türkischstämmigen Migranten angemahnt. Es habe sich gezeigt, "wie schnell Irritationen auftreten", sagte Merkel. "Wir tun alles, um solche Irritationen zu beseitigen", sagte sie. Den Streit um die Entscheidung des Münchner Gerichts, das den NSU-Prozess verhandelt, türkischen Medien keinen garantierten Sitzplatz für das Verfahren zu geben, erwähnte die Kanzlerin nicht.

Merkel rief dazu auf, "immer wieder deutlich zu machen", wie groß der Respekt vor den türkischstämmigen Menschen in Deutschland sei. Sie nahm am Mittwoch den Kybele-Preis entgegen, den ihr die Deutsch-Türkische Freundschaftsföderation (DTF) verliehen hatte. Außerdem sprach sie beim Festakt zum 60-jährigen Bestehen des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF).

Nach Merkels Worten muss Deutschland Zuwanderer stärker als bisher integrieren. "Es reicht nicht aus, ein Land zu sein mit einer hohen Migrationsquote, sondern wir müssen auch zu einem Integrationsland werden", sagte Merkel. Integration stärke nicht nur den gesellschaftlichen Zusammenhalt. "Zunehmende Vielfalt bedeutet auch eine Bereicherung", sagte die Kanzlerin. In Deutschland lebten etwa 16 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. "Für viele der Zuwanderer ist der Aufenthalt in Deutschland kein vorübergehendes Phänomen, wie wir das manchmal glaubten, sondern dauerhafte Realität." Darum  müssten die Integrationsanstrengungen verstärkt werden.  

Gute Ansätze sehe sie in den mehr als eine Million Integrationskursen, die das Bundesamt für Migration seit dem Jahr 2005 angeboten habe. Zugleich müsse sich Deutschland stärker für Einwanderer öffnen – die Herkunft dürfe bei ihrer Beurteilung nicht länger eine Rolle spielen. Stattdessen müsse im Vordergrund stehen, welche Erfahrung und welches Wissen sie einbrächten und in welcher Weise Deutschland von ihnen profitieren könne. Die Augen dürfen nicht "vor den Schwierigkeiten verschlossen werden, die sich auf diesem Wege ergeben", sagte Merkel.  

Offenheit gegenüber qualifizierten Zuwandern sei schon wegen des demografischen Wandels in Deutschland erforderlich, sagte die Kanzlerin: "Wir werden weniger, wir werden älter und die Bevölkerungsstruktur wird vielfältiger werden." Darum sehe sie auch Unternehmen mit ausländischen Stellenbewerbern verstärkt in der Verantwortung.

Die Flüchtlingshilfsorganisation Pro Asyl reagierte überrascht auf Merkels Forderung, Deutschland zu einem Integrationsland zu machen. Schließlich beende Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) gerade die Integrationsprojekte für Flüchtlinge mit unsicherem Aufenthaltsstatus, kritisierte die Organisation.