Ottmar SchreinerEin Kumpel der Kumpel

Ottmar Schreiner war Proletarier und Intellektueller, Beton-Sozi und Spitzbube. Auch für nächtlichen Lärm im Ehehaus Merkel war er verantwortlich. Von Peter Dausend von 

Wenn Ottmar Schreiner – das kam zuweilen vor – spätabends oder noch ein wenig später in seine Berliner Wohnung am Kupfergraben kam, stellte er erstmal Kartoffeln auf und den CD-Player an. Dann schälte er eine Zwiebel, schnitt Speck in Streifen, nahm einen Schluck Wein, pellte die Kartoffeln, schnitt sie in Scheiben, warf Speck, Zwiebeln und Kartoffeln in eine Bratpfanne und stellte die Musik noch ein wenig lauter. Kanzlers waren dann wenig amüsiert. Angela Merkel und ihr Ehemann Joachim Sauer wohnten im selben Haus wie Schreiner, einem Gründerzeitbau gegenüber der Museumsinsel. Es habe dann schon mal mitten in der Nacht jemand gegen seine Wand getrommelt, erzählte Schreiner einmal.

"Der Herr Professor Sauer", sagte er mit spitzbübischem Lächeln, "mag es eher leise. Er ist ist ja auch eher der ruhige Typ."

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Spitzbübisches Lächeln und spöttischer Humor sind Dinge, für die Schreiner weniger bekannt war. Wenn der Mann mit dem Schnauzer im medialen Rampenlicht erschien, dann leidend und mit heiligen Ernst. Schreiner war dann gefragt, wenn die SPD-Spitze den Kündigungsschutz lockerte, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes kürzte, Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammenlegte, das Renteneintrittsalter anhob, die Leih-und Zeitarbeit ausweitete oder sonst etwas lockerte, kürzte, anhob oder ausweitete, was Schreiner als Verrat am sozialdemokratischen Erbe und an der Person empfand, wofür Schreiber selbst mehr als 30 Jahre lang im Bundestag Politik gemacht und gekämpft hatte: dem kleinen Mann.

"Irrsinn des Neoliberalismus"

Schreiner, seit 1999 Vorsitzender der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen (AfA), tingelte dann durch die Talkshows der Republik. Er geißelte die Agenda-Politik des SPD-Kanzlers Gerhard Schröder ebenso wie die Rente mit 67 der Großen Koalition als Verelendungsprogramm für ohnehin sozial Benachteiligte, wetterte gegen den "Irrsinn des Neoliberalismus" und erschien dabei selbst vielen Sozialdemokraten so lange als Betonkopf, typischer Funktionärssozi oder schlicht aus der Zeit gefallen, bis die Zeit selbst eine andere wurde – und der Abweichler Schreiner plötzlich wieder im Zentrum der SPD stand. Indem Schreiner immer blieb, was und wie er war und stets das für richtig hielt, was er bereits zuvor für richtig gehalten hatte, durchwanderte er das sozialdemokratische Spektrum von der Mitte bis zum äußersten linken Rand und zurück, ohne sich je einen Millimeter bewegen zu müssen. Im Zeitalter der beschleunigten politischen Biegsamkeit eine ziemlich einmalige Leistung.

Die SPD setzt sich im Kern zusammen aus Erlebnis-Sozialdemokraten und Kopf-Genossen. Die ersten treten in die SPD ein, weil sie dem Arbeiter-Milieu entstammen und sozial aufsteigen wollen. Die zweiten, weil sie als Akademiker Willy-Brandt-Ostpolitik toll fanden, weil sie die SPD-Bildungsreformen oder das Versprechen vom sozialen Aufstieg schätzen. Schreiners Ausnahmestellung in der SPD rührt auch daher, dass er zwar zu den Kopfgenossen gehört, aber habituell wie inhaltlich stets wie ein Erlebnis-Sozialdemokrat daherkam: gänzlich unprätentiös und oft auch mit dem Fahrrad. Weniger Genosse der Bosse als Kumpel der Kumpel.

Den Verlockungen Lafontaines nicht erlegen

Das Proletarische an Schreiner bestimmte sein Image deutlich mehr als das Gelehrte. Dabei kannte Schreiner nicht nur jede neue – nationale oder internationale – wissenschaftliche Studie zur Sozial- oder Rentenpolitik sowie deren Verfasser. Zur politischen Philosophie und Ideengeschichte hielt Schreiner gern kleine Spontanreferate. Nachwuchskräfte gefielen ihm dann besonders, wenn sie, wie er gern sagte, "auch theoretisch" was mitbringen.

Das Saarland war für den gebürtigen Merziger und überzeugten Gesinnungs-Saarlouiser nicht nur Heimat, sondern auch politischer Zufluchtsort. In Zeiten politischer wie auch persönlicher Krisen, war es stets die Saar-SPD, die Schreiner auffing. Und so widerstand Schreiner den Verlockungen seines langjährigen politischen Weggefährten Oskar Lafontaine, ihm zur Linkspartei zu folgen, vergleichsweise mühelos. Für Schreiner, das unterschied ihn stets von Lafontaine, gab es Dinge, die wichtiger waren als er selbst. Und bei allem Leiden an seiner Partei: die SPD gehörte immer dazu. Ottmar Schreiner ist am vergangenen Samstag nach längerem Krebsleiden im Alter von 67 Jahren verstorben.

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Leserkommentare
  1. 1. Mager

    "Indem Schreiner immer blieb, was und wie er war und stets das für richtig hielt, was er bereits zuvor für richtig gehalten hatte, durchwanderte er das sozialdemokratische Spektrum von der Mitte bis zum äußersten linken Rand und zurück, ohne sich je einen Millimeter bewegen zu müssen."

    Das ist der einzig wertvolle Satz in dem ansonsten dünnen Artikel.

    Gut, dass wir nun auch den Seitenhieb auf Lafo noch unterbringen konnten, dem es zwar auch um sich geht, was er aber mit fast allen Spitzenfunktiären teilt - außer eben mit Ottmar Schreiner nicht. aha!

    "...gab es Dinge, die wichtiger waren als er selbst."

    Stimmt, aber das galt seinen politischen Überzeugungen und nicht in erster Linie der sPD. Und das machte diesen Mann so außgewöhnlich und ehrenwert.

    6 Leserempfehlungen
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  2. Ich mag es nachts, und "nachts" war es, so steht es im Artikel, nicht nur gerne leise, sondern ruhig.

    Alleine der Satz über Prof. Sauer sagt mehr aus über die Rücksichtslosigkeit dieses Betonsozialisten als alle Nachrufe!

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    "...Rücksichtslosigkeit dieses Betonsozialisten..."

    Gleich drei Kommentare nacheinander, um über einen Verstorbenen herzuziehen! Es gibt verschiedene politische Richtungen, die miteinander konkurrieren und die sich dabei auch heftig beharken sollen. Diese Hasstiraden auf einen Verstorbenen, der seinen Prinzipien, die niemand teilen muss, treu blieb, sprengen allerdings den Rahmen des Minimalanstands. Solche verbalen Entleisungen richten sich von selbst.

  3. 3. [...]

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    Antwort auf "Mager"
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    Über Tote nur Gutes, so viel Anstand darf man ruhig haben.

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  4. Kumpel der Kumpel? Der Kumpel, die im Bergbau tätig waren! Sicher, damit hat Schreiner den Holzweg dann auch so lange betoniert, bis überhaupt kein Fahrzeug mehr fahren konnte.

  5. Zitat: "Indem Schreiner immer blieb, was und wie er war und stets das für richtig hielt, was er bereits zuvor für richtig gehalten hatte, durchwanderte er das sozialdemokratische Spektrum von der Mitte bis zum äußersten linken Rand und zurück, ohne sich je einen Millimeter bewegen zu müssen. Im Zeitalter der beschleunigten politischen Biegsamkeit eine ziemlich einmalige Leistung."

    Das ist nicht nur eine präzise Beschreibung sozialdemokratischer "Himmelsmechanik" sondern auch eine angemessene Würding von Herrn Schreiner.

    Wenn er sich äußerte, argumentierte er immer sachorientiert und aufgrund einer politischen Wertvorstellung. Ich kann mich nicht erinner, von ihm die üblichen, gerade opportunen politischen Floskeln gehört zu haben.

    Seine Stimme wird im politischen Berlin fehlen.

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  6. Über Tote nur Gutes, so viel Anstand darf man ruhig haben.

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  7. 7. [...]

    Entfernt. Bitte richten Sie Äußerungen, die die Moderation betreffen, direkt an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/jp

    Antwort auf "[...]"
  8. "...Rücksichtslosigkeit dieses Betonsozialisten..."

    Gleich drei Kommentare nacheinander, um über einen Verstorbenen herzuziehen! Es gibt verschiedene politische Richtungen, die miteinander konkurrieren und die sich dabei auch heftig beharken sollen. Diese Hasstiraden auf einen Verstorbenen, der seinen Prinzipien, die niemand teilen muss, treu blieb, sprengen allerdings den Rahmen des Minimalanstands. Solche verbalen Entleisungen richten sich von selbst.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Angela Merkel | Oskar Lafontaine | SPD | Gerhard Schröder | Die Linke | Oskar Lafontaine
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