US-KolumneDeutschland, werd' erwachsen

Das Gerangel um den NSU-Prozess schadet Deutschlands Image. Kolumnist Eric T. Hansen findet: Den türkischen Medien sollte man unbedingt Plätze anbieten – und heißen Tee.

Eingang zu Saal 101 im Oberlandesgericht München, wo der Prozess gegen Mitglieder der rechten Terrorzelle NSU stattfinden wird

Eingang zu Saal 101 im Oberlandesgericht München, wo der Prozess gegen Mitglieder der rechten Terrorzelle NSU stattfinden wird

Manchmal ist meine amerikanische Verwandtschaft einfach peinlich. Sie stellt die dämlichsten Fragen. Letztens wollte ein Cousin am abendlichen Esstisch wissen: "Gibt es noch Nazis in Deutschland?"

"Lest Ihr denn überhaupt keine Zeitung?", fragte ich zurück. "Natürlich gibt es Nazis in Deutschland. Sie laufen frei durch die Straßen, ermorden Ausländer unter der Nase des Verfassungsschutzes und sitzen sogar in zwei Landtagen. Hallo?"

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Der kleine Seitenhieb mit dem Zeitunglesen war vielleicht ein wenig unfair. Die Wahrheit ist: Die Presse im Ausland nimmt die Probleme Deutschlands mit seinen Neonazis nur begrenzt wahr. In der New York Times zum Beispiel gab es anfangs ein oder zwei bescheidene Artikel über den NSU und Beate Zschäpe, und dieses Jahr noch gar nichts. So spannend ist sie für uns einfach nicht. Bisher jedenfalls.

Denn seit Kurzem ist es nicht mehr nur eine Story über rechte Mörder, sondern eine Geschichte darüber, wie sich Deutschland auf der internationalen Bühne verhält. Bisher hat sich das plötzlich zur Weltmacht gewordene Land dort eher tapsig angestellt.

Eric T. Hansen

Eric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein neues Buch Planet America ist im September erschienen. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat.

Genau genommen hat Deutschland bereits seit dem Zweiten Weltkrieg ein Image-Problem. Faktisch gehört es zu den vorbildlichsten Ländern der Welt. Es ist eine stabile und faire Demokratie, verbindet erfolgreichen Kapitalismus mit großzügigen Sozialprogrammen und erhebt international immer wieder die Stimme der Vernunft. Im Ausland weiß man das übrigens. Doch all diese Errungenschaften verpuffen, sobald irgendjemand nur einmal das N-Wort flüstert.

Deshalb ist der NSU-Prozess so gefährlich für die Deutschen – und eine große Chance. Bis jetzt nahm ihn die Weltöffentlichkeit kaum wahr. Doch dann wurde türkischen Journalisten ein fester Sitzplatz im Gericht verweigert und auch eine Videoübertragung oder andere Lösungen kategorisch als unmöglich abgestempelt. Die türkische Zeitung Sabah will nun sogar eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe einlegen, Hürriyet denkt ebenfalls darüber nach.

Und schon rückt das Bild der Deutschen in ein neues Licht: sture, selbstgerechte, verbohrte Beamte, die bellen: "Ich führe nur Befehle aus!" Woran erinnert uns das bloß?

Leser-Kommentare
  1. 73. Aha...

    Aber was hat das jetzt mit meinem Kommentar zu tun?

  2. T. Hansen legt oft schön den Finger in die Wunde - etwas was deutsche Journalisten seit geraumer Zeit vergessen. Vor allem seine Sicht, dass Duetschland mittlerweile zu einer kleinen Weltmacht avanciert ist, damit aber nicht umgehen kann, teile ich. Die USA, Frankreich und England haben damit mehr Erfahrung und handhaben dies deutlich besser. Das soll nicht heißen, dass an deren Verhalten nichts zu kritisieren ist - im Gegenteil. Aber diese Länder wissen was es bedeudet auf internationaler Bühne Verantwortung zu übernehmen und dann auch die Konsequenzen daraus zu tragen. Da muss Deutschland noch lernen - wenn es sich weiterhin in Verhandlungen nur auf kurzfristige nationale Interessen pocht, wird das Image des machtsüchtigen Nazis schnell wiedr aufleben.

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    Das Problem ist nur, dass es erhebliche Widerstände gegen die Übernahme von tatsächlicher Verantwortung im internationalen Bereich im In- und Ausland gibt. Wobei in der Realität sowohl die USA als auch England oder Frankreich, Russland oder China nur ihre nationalen Interessen vertreten. Sie haben wohl mehr Erfahrung in der Tarnung.
    Jedesmal, wenn irgendwas auf internationaler Ebene bei Beteiligung der Deutschen nicht so läuft, wie es sich der ein oder andere im In- oder Ausland erträumt, wird die Verantwortung uns übertragen und die Nazikeule rausgeholt. Damit haben sie uns in den letzten 60 Jahren schließlich immer weich bekommen. Die Versuche erleben wir auch jetzt wieder. Sowohl beim Thema NSU-Prozess als auch bei den Finanzhilfen.

    Das Problem ist nur, dass es erhebliche Widerstände gegen die Übernahme von tatsächlicher Verantwortung im internationalen Bereich im In- und Ausland gibt. Wobei in der Realität sowohl die USA als auch England oder Frankreich, Russland oder China nur ihre nationalen Interessen vertreten. Sie haben wohl mehr Erfahrung in der Tarnung.
    Jedesmal, wenn irgendwas auf internationaler Ebene bei Beteiligung der Deutschen nicht so läuft, wie es sich der ein oder andere im In- oder Ausland erträumt, wird die Verantwortung uns übertragen und die Nazikeule rausgeholt. Damit haben sie uns in den letzten 60 Jahren schließlich immer weich bekommen. Die Versuche erleben wir auch jetzt wieder. Sowohl beim Thema NSU-Prozess als auch bei den Finanzhilfen.

    • Max Le
    • 04.04.2013 um 19:37 Uhr
    75. [...]

    Entfernt. Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/sam

    Antwort auf "[...]"
  3. ..."Weltmacht " Deutschland wird auch nicht durch ständiges wiederholen besser.

    Bevor nun über den Details der angeblich in Unmengen durch die Strassen ziehenden Nazis zu resümieren sollte der Autor (auch die NYT) eher in der Heimat an den Grundlagen arbeiten. Da wären:
    Wo liegt Europa eigentlich?
    Wo liegt Deutschland?
    Ist an den Gerüchten, der WW II sei vorbei, etwas dran.
    Die machen nicht Alles so wie wir und sind keine Bolschewiken, geht das?

    Dann könnte man auch mit weniger "vielleicht", "angeblich" und "wahr ist wohl" auskommen.

    Grüße

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  4. Gerade das Verhalten des Gerichtes zeigt es doch. Es gibt in diesem Land eben Spielregeln, die einzuhalten sind. Dazu gehört zum Beispiel Pünktlichkeit und Einhaltung von Termingrenzen. Wer das nicht hinbekommt, muss eben mit den Konsquenzen leben.

    Manch einer mag das kleinkariert nennen, oder Bürokratie, oder sturer Beamtenkopf und viele blächeln uns dafür. Doch es ist hier nun mal so.

    Ich denke, deswegen ist dieses Land bei Einwanderern auch so beliebt - weil es eben aus genau diesen Gründen hier relativ gut funktioniert - ökonomisch und freiheitlich gesehen.

    Was jedoch Herr Hansen als beliebtes Spiel wieder versucht - genau um Deutschland klein zu halten - ist, mit dem bösen N-Wort und der bösen N-Vergangenheit zu drohen. um seine Ideen und Interessen durchzusetzen. Ich bin glücklich und stolz darauf, dass es offensichtlich (hoffentlich) eine funktionierende Gewaltenteilung in Deutschland gibt.
    Und wenn die türkischen Medien und Politiker sich dieses vom Bundesverfassungsgericht erklären lassen wollen, bitte, sie sind herzlich eingeladen.

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    "Gerade das Verhalten des Gerichtes zeigt es doch. Es gibt in diesem Land eben Spielregeln, die einzuhalten sind."

    ... es gelten in diesem Land auch ein paar EU-/OSZE-Spielregeln, die da zum Bleistift lauten: Gewähre internationalen Prozessbeobachtern und Journalisten ungehinderten Zugang.

    Das fordern wir in Namen der Menschenrechte schließlich auch im Ausland ein.

    Mit einer sehr geringfügigen Ergänzung des Verfahrens hätte das OLG München dieser Spielregel wunderbar entsprechen können und diese ganze Debatte wäre gar nicht erst entstanden.

    "Gerade das Verhalten des Gerichtes zeigt es doch. Es gibt in diesem Land eben Spielregeln, die einzuhalten sind."

    ... es gelten in diesem Land auch ein paar EU-/OSZE-Spielregeln, die da zum Bleistift lauten: Gewähre internationalen Prozessbeobachtern und Journalisten ungehinderten Zugang.

    Das fordern wir in Namen der Menschenrechte schließlich auch im Ausland ein.

    Mit einer sehr geringfügigen Ergänzung des Verfahrens hätte das OLG München dieser Spielregel wunderbar entsprechen können und diese ganze Debatte wäre gar nicht erst entstanden.

  5. "Gerade das Verhalten des Gerichtes zeigt es doch. Es gibt in diesem Land eben Spielregeln, die einzuhalten sind."

    ... es gelten in diesem Land auch ein paar EU-/OSZE-Spielregeln, die da zum Bleistift lauten: Gewähre internationalen Prozessbeobachtern und Journalisten ungehinderten Zugang.

    Das fordern wir in Namen der Menschenrechte schließlich auch im Ausland ein.

    Mit einer sehr geringfügigen Ergänzung des Verfahrens hätte das OLG München dieser Spielregel wunderbar entsprechen können und diese ganze Debatte wäre gar nicht erst entstanden.

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    Sehe ich genau so wie Sie. Es ist ja nicht als ginge es hier um das Grundgesetz, sondern es geht um eine vom Gericht selbst aufgestellte Regel und eine solche ist EU-/OECD Richtlinien ohne wenn und aber unterzuordnen.
    Es ist doch einfach nur peinlich was heir betrieben wird; jede Schülerzeitung scheint einen Platz bei diesem Prozess zu kriegen aber wichtige ausländische Medien nicht. Selbst wenn bei der Platzvergabe alles fair gelaufen sein sollte (was ich mir nicht vorstellen kann, es gab schon genügend Stimmen, die meinten türkische Medien seien später informiert worden), ist die Unflexibilität der Behörden einfach daneben. Gerade in einem Prozess, in dem deutsche Behörden eh schon eine zweifelhafte Rolle gespielt haben sollte man jetzt nicht arrogant und kleinkariert auftreten.

    Sehe ich genau so wie Sie. Es ist ja nicht als ginge es hier um das Grundgesetz, sondern es geht um eine vom Gericht selbst aufgestellte Regel und eine solche ist EU-/OECD Richtlinien ohne wenn und aber unterzuordnen.
    Es ist doch einfach nur peinlich was heir betrieben wird; jede Schülerzeitung scheint einen Platz bei diesem Prozess zu kriegen aber wichtige ausländische Medien nicht. Selbst wenn bei der Platzvergabe alles fair gelaufen sein sollte (was ich mir nicht vorstellen kann, es gab schon genügend Stimmen, die meinten türkische Medien seien später informiert worden), ist die Unflexibilität der Behörden einfach daneben. Gerade in einem Prozess, in dem deutsche Behörden eh schon eine zweifelhafte Rolle gespielt haben sollte man jetzt nicht arrogant und kleinkariert auftreten.

    • Mika B
    • 04.04.2013 um 20:07 Uhr

    Uhren anders und man auch dort immernoch " Kruz die Türken!".
    Ob die USA nun aber gerade als ein Vorbild taufen oder erwachsen sind ist genauso Fraglich, dort ist sogar die NSDAP eine Legale Partei wie der Ku-Klux -Klan.

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