Am Ende demonstriert das potenzielle Traumpaar  Zuneigung mit Geschenken. Auf der Parteitagsbühne übergibt Sigmar Gabriel  einen roten und einen grünen Rucksack an Cem Özdemir und Claudia Roth. Bionade und Biobier sind darin – vorgesehen wohl für einen langen Marsch: "Wahlkampf muss auch Spaß machen", sagt der SPD-Vorsitzende und lacht kehlig.  

Zum Dank bekommt er eine grüne Kaffeetasse und einen grünen Stoffkermit geschenkt – für Töchterchen Marie. Wenn sie irgendwann den grünen Frosch küsst, wird da ein grüner Prinz draus, witzelt Grünen-Chef Özdemir. "Oder eine Prinzessin", schiebt er nach. Bei den Grünen wird großer Wert auf die Gleichberechtigung gelegt, auch in der Liebe. Die Delegierten johlen.

Das gab es noch nie, dass der Parteichef der Sozialdemokraten auf einem Delegiertentreffen der Grünen eine Rede hält. Es ist auch ein Novum, dass die Grünen bereits am Freitag folgenden Passus in das Vorwort des Wahlprogramms genommen haben: "Wir kämpfen in diesem Bundestagswahlkampf für starke Grüne in einer Regierungskoalition mit der SPD." Der Lagerkampf ist somit hochoffiziell eröffnet: Rot-Grün gegen die "Baroness Angela von Münchhausen" und den "Hotte Pinoccio Seehofer", wie es Grünen-Chefin Claudia Roth formuliert. 

Roth bekommt für ihre feurige, authentische Rede lautstarken Jubelapplaus, ganz anders als die müden Spitzenkandidaten Katrin Göring-Eckardt und Jürgen Trittin am Freitag. "Und ich arme Sau muss nach ihr sprechen", kommentiert Sigmar Gabriel die hohe Messlatte, die Roth gesetzt hat. 30 Minuten spricht er zu den Delegierten und bekommt fast genauso viel Beifall.

Aus Gerhard-Schröder-Zeiten sind die Grünen Lob nicht gewohnt. Jetzt ruft Gabriel de Delegierten zu: "Ihr seid wirklich eine besondere Partei. Ihr habt die Gesellschaft in den letzten Jahrzehnten mitgeprägt und entscheidend verbessert".

Umfragewerte sind schlecht

Rot-Grün werde sicher nicht nur eine "gemeinsame Liste von Dingen abarbeiten und ein paar Ministerien aufteilen", sagt Gabriel. Es gehe darum, den "Kapitalismus ein zweites Mal zu bändigen und ihm gemeinsame ökologische Regeln zu geben". Da horchen die Delegierten auf. Die Sozialdemokraten und Ökologie, gerade in der deutschen Industrie, das war bisher eher ein schwieriges Thema.

Großes, vielleicht auch Neues haben die potenziellen Partner also vor. Das Problem ist nur: Die Umfragewerte reichen bisher einfach nicht. Angela Merkels CDU ist stark, und es sind nur noch fünf Monate bis zu Wahl.  Vor allem den Sozialdemokraten geht es schlecht. Demotiviert und defätistisch erlebe sie die Wahlkämpfer in den sozialdemokratischen Kreisverbänden, erzählt eine führende Grüne hinter vorgehaltener Hand. Das sei ein Problem. Trotz ihrem Bekenntnis zu einer gemeinsamen Koalition dürfe sich die Partei davon nicht herunterziehen lassen.

Nicht umsonst mahnte Katrin Göring-Eckardt in ihrer Parteitagsrede, die Grünen dürften sich nicht über "Fehler der SPD und Patzer von Peer Steinbrück ärgern".  Sie sollten lieber dafür kämpfen, dass die eigene Partei stark werde.