Grünen-ParteitagSieben gute Gründe für Schwarz-Grün

Die Anhänger sind dagegen, die Funktionäre eigentlich auch. Und doch: Eine Koalition würde sich für Union und Grüne lohnen. Von Ludwig Greven von 

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU)  |  © Common Lens

Seit Langem beflügelt eine Farbenkombination die Phantasie von Journalisten und Parteistrategen: Schwarz-Grün! Früher kaum vorstellbar, da beide Parteien in den meisten inhaltlichen Positionen, aber auch im Politikstil, völlig konträr waren.

Diesmal wäre eine solche Konstellation nach der Bundestagswahl durchaus denkbar. Gut möglich nämlich, dass es diesmal wieder weder für Schwarz-Gelb noch für Rot-Grün reicht. Da trifft es sich, dass sich CDU und Grüne in der Vergangenheit einander angenähert haben.

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1. Bürgerliche Grüne, grüne Christdemokraten

Die Grünen waren einst das Schreckgespenst für Konservative. Aber nach 30 Jahren sind sie selbst ziemlich bürgerlich geworden, inhaltlich wie habituell. Sie haben gelernt, Tugenden und Lebenshaltungen zu schätzen, die sie selbst noch vor einigen Jahren als spießig verachteten. Überdies haben sie die Union, ihre ehedem bevorzugte Gegnerin, verändert. Auch in bürgerlich-konservativen Kreisen pflegt man heute einen umweltbewussten Lebensstil, schickt die Kinder auf eine Ganztagsschule, Frauen gehen einem Beruf nach. Die CDU konnte sich dem nicht verschließen und hat gesellschaftspolitische Positionen, die zu ihrem Grundverständnis gehörten, unter Merkels Führung nach und nach aufgegeben. Selbst die Homo-Ehe ist für CDU-Anhänger kein Tabu mehr.

2. Weniger inhaltliche Differenzen

Die Union hat den Atomausstieg beschlossen; sie hat die Wehrpflicht abgeschafft und setzt sich neuerdings sogar für eine feste Frauenquote in Aufsichtsräten von Dax-Unternehmen ein, wenn auch halbherzig. Sie hat damit Positionen geräumt, die über Jahrzehnte zu ihrem Kern zählten und die sie von den Grünen trennten. Die Grünen hingegen haben manche ihrer pazifistischen und gesellschaftspolitischen Vorstellungen inzwischen revidiert. Beide Parteien haben in ihrer jeweiligen Regierungszeit ihre Programme der Realität angepasst – und sind in die Mitte gerückt. Manche ihrer alten Anhänger mag das verzweifeln lassen. Aber das schafft für Schwarz-Grün Brücken der Zusammenarbeit. In der Euro-Rettungspolitik zogen sie sowieso fast immer an einem Strang.

3. Die Chemie stimmt

Neuartige Koalitionen müssen nicht nur programmatisch vorbereitet werden. Auch zwischen den Akteuren muss vorher eine Atmosphäre des Vertrauens wachsen, damit es in einer Regierungszusammenarbeit nicht ständig zu persönlichen Reibereien und Konflikten kommt. Einige Christdemokraten und Grünen pflegen schon lange enge Kontakte; sie reichen zum Teil bis in die legendäre Pizza-Connection im Bonn der neunziger Jahre zurück.

Manche aufseiten der CDU, die damals dabei waren, haben heute führende Positionen in der CDU, wie Umweltminister Peter Altmaier und Generalsekretär Hermann Gröhe. Bei den Grünen steht Co-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt in dem Ruf, Schwarz-Grün nicht abgeneigt zu sein. Mit Angela Merkel würde sie sich sicherlich gut verstehen. Jürgen Trittin dagegen wäre wohl nicht Merkels Typ. Aber das war Guido Westerwelle auch nicht unbedingt. Dennoch hat sie mit ihm Schwarz-Gelb eingefädelt, und Trittin wäre wohl – obwohl er immer noch als Parteilinker gilt – pragmatisch genug, im Zweifel mit der Union zu koalieren, um nicht weitere vier Jahre in der Opposition zu verbringen.

4. Erfolgreiche Testläufe

CDU und Grüne haben die Zusammenarbeit bereits in Hamburg und im Saarland erprobt, an der Saar in einem Jamaika-Bündnis mit der FDP. In beiden Fällen stellten beide überrascht fest, dass sie miteinander zum Teil besser klarkamen als die CDU mit den Leuten von der FDP und die Grünen mit Sozialdemokraten, ihren jeweiligen Stammpartnern. Die Grünen konnten in beiden Ländern mehr Ziele mit der CDU durchsetzen, als sie gedacht hätten. Die jeweiligen CDU-Regierungschefs gingen äußerst höflich und kompromisswillig mit ihnen um. Und die CDU-Seite lernte, dass sie vom Grünen-Milieu keineswegs Welten trennen.

In beiden Ländern scheiterten die Bündnisse am Ende nicht an inhaltlichen Auseinandersetzungen, sondern an anderen Umständen: dem Rücktritt von Bürgermeister Ole von Beust und der desolaten Lage der FDP im Saarland.

Leserkommentare
  1. dazu empfehle ich Cicero: http://www.cicero.de/berl...

    autoritär -etatistisch-regelungsverliebt..Greift gut Grund 1 auf.
    Sie schreiben ja, dass die Grünen die Lebensentwurfe als spießig verachteten.
    Das tun sie vermutlich immer noch, obwohl sie sich ihnen selbst hingeben.
    Gerade darin liegt ja der grüne Duktus der moralicshen ÜBerlegenheit mit denen gern das akademische "entre nous " beschworen wird.
    Dass die Mehrheit der Grünen WÄhler öffentlich angestellt ist und sogar noch verbeamtet ist, ist ja ein offenes Geheimnis.
    Natürlich kann dies Gruppe nur zu gut für Umverteilung zum Staat agitieren und sich dabei noch schrecklihc moralisch überlegen fühlen- quasi als Profiteure dieser Politik.
    Anyway.Schwarz grün wird sicher dann kommen ,wenn sich der alte Führungsflügel um Trittin ,der ja im Kommunistischen bund war und mit Joschka Fischer nicht spricht ( die 2 können isch nicht ausstehen), verabschiedet worden ist

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    • Conte
    • 26. April 2013 18:36 Uhr

    Die Empfehlung ist gutgemeint. Unwahrscheinlich, dass sie auf fruchtbaren Boden fällt. Andernfalls wäre der Artikel gar nicht entstanden.

  2. ...aber ich denke das die Bundestagswahl voller überraschungen sein wird.
    Schafft es die FDP doch noch? Schaffen es weitere Parteien ins Parlament?
    Wie hoch verliert die SPD?
    Mir wäre lieber wenn erst gewählt wird, dann sehen wir mal was der Wähler will und dann sehen wir wie es mit einer Koalition aussieht.

    8 Leserempfehlungen
  3. Die FDP lebt nicht zuletzt davon, dass sie bisher für Merkel-Anhänger als unbedingt notwendiges Übel angesehen wurde.

    Nachdem Steinbrück sicherstellt, dass mit ihm keine Mehrheit zu erzielen ist, kann durch die Wahl der Grünen Kanzlerin Merkel ebenfalls gerettet werden.

    7 Leserempfehlungen
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    es gibt auch Leihstimmen für die FDP ,weil man einfach RotGRün mit einem Exkommunisten und Steuerfanatiker verhindern will.
    Dazu auch mein Cicero link im KOmmentar 1..
    Insofern ist die FDP nicht nicht notwendig.
    außerdem kennen sie vermutlich den Slogan der "Öko-FDP" ,als die die Grünen häufig bezeichnet werden.
    Diese Klientelpartei bedient dann eben Beamte und Staatsdiener.
    Insofern besteht zwischen gelb und grün kein wirklicher Unterschied

    • siar
    • 26. April 2013 18:12 Uhr

    um noch einen Koalitionspartner in die Bedeutungslosigkeit zu verbannen.
    2017 kann die CDU dann die Alleinherrschaft übernehmen. Nach Katharina der Großen endlich wieder eine Diktatorin.

    21 Leserempfehlungen
  4. Koalition:

    Sie ist die einzige Konstellation, die als kleine Koalition eine regierungsfähige Mehrheit hätte. Eine Große Koalition (sofern man diese aufgrund der Größe der SPD überhaupt noch als solch eine bezeichnen möchte) bedeutet nur Minimalkonsens.
    Schwarz-Grün hätte zumindest den Vorteil, dass diese Parteien ausprobieren könnten, nicht in jeder Frage einen Kompromiss zu erzielen, sondern sich gegenseitig ihre Wünsche erfüllten.

    4 Leserempfehlungen
    • Ghede
    • 26. April 2013 18:15 Uhr

    Eine schwarz-grüne Koalition könnte eine Option sein. Die Grünen wären allerdings wahnsinnig, ließen sie sich auf eine gemeinsame Regierung unter einer Kanzlerin Merkel ein. Denn wenn die letzten beiden Legislaturperioden in dieser Hinsicht eines gelehrt haben, dann das: Während die CDU durch alle Pannen in der Regierungsarbeit und allen Skandalen und Skandälchen zumindest keinen Schaden davon trägt und aktuell sogar zulegt, leidet der Koalitionspartner und trägt die volle Wucht aller Unzufriedenheit mit der Regierungsarbeit - sofern die überhaupt stattfindet.

    Wenn die Grünen also Wert darauf legen, dass ausgerechnet ihnen beispielsweise eventuelle Folgen des Krisenmanagements in den nächsten 4 Jahren auf die Füße fallen, dann sollen sie ruhig mit Frau Merkel koalieren. Andernfalls sollten sie tunlichst die Finger davon lassen.

    30 Leserempfehlungen
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    .
    Sie fantasieren und spekulieren, welche Konstellation für welche Partei wohl das Beste wäre!

    Merken Sie eigentlich noch um wen, oder was es geht?

    Zum Wohle des deutschen Volkes? Schon lange nicht mehr!

    Diese Wirtschaftsprostitution um Posten und persönliche, wirtschaftliche Vorteile ist eine pseudo-demokratische Farce!

    Lobbyisten Diktatur!

    • RGFG
    • 26. April 2013 18:16 Uhr

    für den Bundeskanzler. Zum Schluss haben wir dann wieder 16 Jahre Merkel und am Ende gibt es keinen vernünftigen Nachfolgekandidaten, weil alle Herausforderer weggebissen wurden.

    Fünf Jahre Legislaturperiode, maximal zwei Amtszeiten* - dann muss man sich auch mal drum kümmern, einen Nachfolger aufzubauen.

    * egal, ob nacheinander etc. - Wladimir läßt grüßen...

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    • bierus
    • 26. April 2013 18:52 Uhr

    Welchen Zweck eine Beschränkung der Amtszeit des Kanzlers haben sollte erschließt sich mir nicht. Kohl hat sich ja seinerzeit nicht 16 Jahre lang im Weges des Putsches im Amt gehalten oder?

  5. 8. Lacher

    es gibt auch Leihstimmen für die FDP ,weil man einfach RotGRün mit einem Exkommunisten und Steuerfanatiker verhindern will.
    Dazu auch mein Cicero link im KOmmentar 1..
    Insofern ist die FDP nicht nicht notwendig.
    außerdem kennen sie vermutlich den Slogan der "Öko-FDP" ,als die die Grünen häufig bezeichnet werden.
    Diese Klientelpartei bedient dann eben Beamte und Staatsdiener.
    Insofern besteht zwischen gelb und grün kein wirklicher Unterschied

    3 Leserempfehlungen
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    ...jetzt x-mal angedient haben, bin ich doch neugierig geworden - so vom Hörensagen hatte ich immer die Vorstellung, CICERO sei sicher was für Intellektuelle, vielleicht sogar mit einem Schuss gepfefferter, kluger Satire garniert.

    Jetzt, nach Hineinlesen in Ihren Lieblingsartikel (und vor allem in die großenteils hochqualifizierten Online-Kommentare dazu) muss ich mich für den Erkenntnisgewinn bedanken. Der CICERO ist wohl doch eher was für Leute wie Sie.

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  • Schlagworte Angela Merkel | CDU | FDP | Grüne | SPD | Jürgen Trittin
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