Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) © Common Lens

Seit Langem beflügelt eine Farbenkombination die Phantasie von Journalisten und Parteistrategen: Schwarz-Grün! Früher kaum vorstellbar, da beide Parteien in den meisten inhaltlichen Positionen, aber auch im Politikstil, völlig konträr waren.

Diesmal wäre eine solche Konstellation nach der Bundestagswahl durchaus denkbar. Gut möglich nämlich, dass es diesmal wieder weder für Schwarz-Gelb noch für Rot-Grün reicht. Da trifft es sich, dass sich CDU und Grüne in der Vergangenheit einander angenähert haben.

1. Bürgerliche Grüne, grüne Christdemokraten

Die Grünen waren einst das Schreckgespenst für Konservative. Aber nach 30 Jahren sind sie selbst ziemlich bürgerlich geworden, inhaltlich wie habituell. Sie haben gelernt, Tugenden und Lebenshaltungen zu schätzen, die sie selbst noch vor einigen Jahren als spießig verachteten. Überdies haben sie die Union, ihre ehedem bevorzugte Gegnerin, verändert. Auch in bürgerlich-konservativen Kreisen pflegt man heute einen umweltbewussten Lebensstil, schickt die Kinder auf eine Ganztagsschule, Frauen gehen einem Beruf nach. Die CDU konnte sich dem nicht verschließen und hat gesellschaftspolitische Positionen, die zu ihrem Grundverständnis gehörten, unter Merkels Führung nach und nach aufgegeben. Selbst die Homo-Ehe ist für CDU-Anhänger kein Tabu mehr.

2. Weniger inhaltliche Differenzen

Die Union hat den Atomausstieg beschlossen; sie hat die Wehrpflicht abgeschafft und setzt sich neuerdings sogar für eine feste Frauenquote in Aufsichtsräten von Dax-Unternehmen ein, wenn auch halbherzig. Sie hat damit Positionen geräumt, die über Jahrzehnte zu ihrem Kern zählten und die sie von den Grünen trennten. Die Grünen hingegen haben manche ihrer pazifistischen und gesellschaftspolitischen Vorstellungen inzwischen revidiert. Beide Parteien haben in ihrer jeweiligen Regierungszeit ihre Programme der Realität angepasst – und sind in die Mitte gerückt. Manche ihrer alten Anhänger mag das verzweifeln lassen. Aber das schafft für Schwarz-Grün Brücken der Zusammenarbeit. In der Euro-Rettungspolitik zogen sie sowieso fast immer an einem Strang.

3. Die Chemie stimmt

Neuartige Koalitionen müssen nicht nur programmatisch vorbereitet werden. Auch zwischen den Akteuren muss vorher eine Atmosphäre des Vertrauens wachsen, damit es in einer Regierungszusammenarbeit nicht ständig zu persönlichen Reibereien und Konflikten kommt. Einige Christdemokraten und Grünen pflegen schon lange enge Kontakte; sie reichen zum Teil bis in die legendäre Pizza-Connection im Bonn der neunziger Jahre zurück.

Manche aufseiten der CDU, die damals dabei waren, haben heute führende Positionen in der CDU, wie Umweltminister Peter Altmaier und Generalsekretär Hermann Gröhe. Bei den Grünen steht Co-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt in dem Ruf, Schwarz-Grün nicht abgeneigt zu sein. Mit Angela Merkel würde sie sich sicherlich gut verstehen. Jürgen Trittin dagegen wäre wohl nicht Merkels Typ. Aber das war Guido Westerwelle auch nicht unbedingt. Dennoch hat sie mit ihm Schwarz-Gelb eingefädelt, und Trittin wäre wohl – obwohl er immer noch als Parteilinker gilt – pragmatisch genug, im Zweifel mit der Union zu koalieren, um nicht weitere vier Jahre in der Opposition zu verbringen.

4. Erfolgreiche Testläufe

CDU und Grüne haben die Zusammenarbeit bereits in Hamburg und im Saarland erprobt, an der Saar in einem Jamaika-Bündnis mit der FDP. In beiden Fällen stellten beide überrascht fest, dass sie miteinander zum Teil besser klarkamen als die CDU mit den Leuten von der FDP und die Grünen mit Sozialdemokraten, ihren jeweiligen Stammpartnern. Die Grünen konnten in beiden Ländern mehr Ziele mit der CDU durchsetzen, als sie gedacht hätten. Die jeweiligen CDU-Regierungschefs gingen äußerst höflich und kompromisswillig mit ihnen um. Und die CDU-Seite lernte, dass sie vom Grünen-Milieu keineswegs Welten trennen.

In beiden Ländern scheiterten die Bündnisse am Ende nicht an inhaltlichen Auseinandersetzungen, sondern an anderen Umständen: dem Rücktritt von Bürgermeister Ole von Beust und der desolaten Lage der FDP im Saarland.