Boston-AnschlagDeutsche Sicherheitsbehörden fordern mehr Videoüberwachung

Der Anschlag von Boston hat in Deutschland eine Debatte über Videoüberwachung ausgelöst. Innenminister und BKA verlangen mehr davon. Aus der FDP kommt Widerspruch.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich hat die Bombenanschläge von Boston zum Anlass genommen, eine erweiterte Videoüberwachung von öffentlichen Plätzen in Deutschland zu fordern. "Die Ereignisse in Boston zeigen erneut, wie wichtig die Überwachung des öffentlichen Raums durch Videokameras für die Aufklärung schwerster Straftaten ist", sagte er der Bild am Sonntag. "Deshalb arbeiten wir zum Beispiel mit der Bahn daran, die Videoüberwachung an den Bahnhöfen zu stärken."

Eine hundertprozentige Sicherheit für öffentliche Veranstaltungen gebe es aber nicht, sagte der CSU-Politiker. "Wir haben seit Jahren eine abstrakte Bedrohung für sogenannte weiche Ziele, also Veranstaltungen und Ereignisse, bei denen viele Menschen zusammenkommen." Absolute Sicherheit lasse sich nicht garantieren. 

Anzeige

Deutschland sei aber nicht konkret bedroht, sagte Friedrich. Der Verfassungsschutz ist aber besorgt darüber, dass nach vier Monaten der versuchte Anschlag auf den Bonner Hauptbahnhof noch nicht aufgeklärt ist. "Wir müssen davon ausgehen, dass ein oder mehrere Täter im Land sind, die abermals einen Versuch unternehmen und dann vielleicht eine funktionsfähige Bombe einsetzen", sagte der Präsident des Bundesamtes, Hans-Georg Maaßen, der Frankfurter Rundschau

BKA und Polizei für mehr Überwachung

Auch das Bundeskriminalamt forderte mehr Videoüberwachung. BKA-Chef Jörg Ziercke sagte dem Focus, sie könne abschrecken und entscheidend bei der Aufklärung von Straftaten helfen. "Der Anschlagsversuch der sogenannten Kofferbomber in Köln 2006, derjenige am Bonner Hauptbahnhof im Dezember 2012 sowie die aktuellen Ereignisse in Boston haben uns deutlich vor Augen geführt, welche große Bedeutung eine Videoüberwachung bei potenziellen Anschlagsgefahren haben kann", sagte Ziercke.

Der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Bernhard Witthaut, äußerte, bei großen Veranstaltungen, etwa Marathonläufen in Berlin, Hamburg oder München, könnten sensible Abschnitte wie Start und Ziel besonders überwacht werden. Witthaut verwies allerdings darauf, dass nach einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts "eine Videoüberwachung nur an gefährlichen Orten erlaubt ist".

FDP-Kritik

Die FDP sieht die Forderung nach mehr Videoüberwachung kritisch. "Die vorschnellen Forderungen nach mehr Videoüberwachung vor dem Hintergrund des feigen Anschlags in Boston sind nicht hilfreich", sagte die innenpolitische Sprecherin der FDP-Bundestagsfraktion, Gisela Piltz. "Wir sollten nicht versuchen, politisches Kapital aus diesem schrecklichen Vorfall in den USA zu ziehen."

Bei dem Bombenattentat auf den Marathon von Boston waren am Montag drei Menschen getötet und 176 zum Teil lebensgefährlich verletzt worden. Tatverdächtig sind zwei aus Tschetschenien stammende Brüder, von denen einer bei einem Schusswechsel mit der Polizei starb und der andere in der Nacht zum Samstag festgenommen wurde. Die US-Bundespolizei hatte sich bei der vorangegangenen Fahndung auf Videoaufnahmen der beiden gestützt.

Zur Startseite
 
Leserkommentare
    • doch40
    • 20. April 2013 13:41 Uhr

    In London gibt es wohl die dichteste Videoüberwachung überhaupt. Man geht dort keinen meter im öffentlichen Verkehrsraum, ohne aufgenommen zu werden. Und wo gab es einen Terroranschlag....in London. Ähnliche Befunde gibt es in Madrid.
    Friedrichs Forderung ist reister Populismus und suggeriert eine Scheinsicherheit, die es nicht gibt.

    52 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Selbst wenn die Sicherheit nicht erhöht würde, wird mit Sicherheit die Fahndung nach den Tätern erleichtert, wie die Ereignisse in Boston gerade auch gezeigt haben.

    Wird ein Terrorist gefasst, wird mit Sicherheit ein weiterer denkbarer Anschlag verhindert und dadurch die Sicherheit sicherlich erhöht.

    "Friedrichs Forderung ist reinster Populismus und suggeriert eine Scheinsicherheit, die es nicht gibt."

    Ob das Populismus ist weiss ich nicht.

    Was ich aber weiss, hätten wir eine verbesserte Video Überwachung, könnten wir vielleicht sehen, wie Herr "Bundestags-Praktikant" Bushido, Friedrich einen Stapel Autogramm Karten zuschiebt.

    Herr Friedrich hat nicht behauptet dass Videoüberwachung Sicherheit bringt. Dieser Populismus entstammt nur Ihrer videoüberwachungshassenden Feder.

    In der Sache haben Sie natürlich Recht. Weder eine Gewalttat noch ein Terrorakt kann durch Videoüberwachung verhindert werden. Für die Aufklärung ist sie jedoch sehr dienlich, was man just wieder sehen konnte. Einen verantwortungsvollen Umgang vorausgesetzt, ist Videoüberwachung durchaus sinnvoll.

    ...wird am Ende beides verlieren.
    Benjamin Franklin

    • EHR19
    • 20. April 2013 18:16 Uhr

    Erstens, hat H.-P. Friedrich nicht behauptet, die Videoüberwachung sei eine ausreichende Bedingung für die Vorbeugung der terroristischen Verbrechen. Das konnte man deutlich lesen in dem Artikel.
    Zweitens, und darum schreibe ich diesen Kommentar, fällt mir auf, dass viele Menschen mit dem Wort "populistisch" alles beschreiben, was ihnen nicht passt, was aber auf eine sachliche Weise zu diskutieren sie nicht bereit sind oder nicht können.
    Mir erschließt sich nicht, warum "populistisch" als Synonym für "schlecht" oder "falsch" ist.
    Ich würde eher sagen, dass es heute populistisch in den Foren ist, alles populistisch zu nennen.

  1. Selbst wenn die Sicherheit nicht erhöht würde, wird mit Sicherheit die Fahndung nach den Tätern erleichtert, wie die Ereignisse in Boston gerade auch gezeigt haben.

    Wird ein Terrorist gefasst, wird mit Sicherheit ein weiterer denkbarer Anschlag verhindert und dadurch die Sicherheit sicherlich erhöht.

    6 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • doch40
    • 20. April 2013 14:05 Uhr

    Wie wollen Sie das machen bei Selbstmordattentäter? Ihre Überlegung greift zu kurz.

    kamen die veröffentlichten Bilder nicht von staatlicher Gewalt, sondern aus privater, mithin zufälliger Quelle.

    100%-ige Sicherheit wird es nicht geben. Mich erschrickt, dass manche bereit sind, ihr Leben in der Öffentlichkeit für die Suggestion von Sicherheit staatlich angeordnet verfilmen zu lassen und das ich ausnahmsweise der hier zitiertsn Meinung der FDP zustimmen muss.

    Ich möchte nur darauf hinweisen, dass es hauptsächlich die Aussage eines Augenzeugen gewesen ist, die zur Identifizierung der Täter führte.
    Außerdem machen Smartphones eine Überwachung von Großevents obsolet.

    • 15thMD
    • 20. April 2013 14:38 Uhr

    Ihr Kommentar ist einfach falsch.

    Die Fahndung nach den Tätern in Boston ist durch Bilder geglückt, die andere Zuschauer gemacht haben und dem FBI zugesand haben bzw. öffentlich ins Internet gestellt haben. Alleine mit letzten Bildern heben es ein paar Nerds geschafft, den Täter zu ermitteln: http://www.dailydot.com/n...
    Und das sogar 2 mal: http://www.chip.de/news/B...
    Also warum wollen wir unseren öffentlichen Raum zentralisiert überwachen lassen, wenn es auch so geht?

    Was z.B. in London passiert, geht einfach zu weit und diese Verhältnisse will ich hier einfach nicht haben. Und am Ende bringt die Überwachung zwar recht hübsche TV-Bilder, aber auch nicht mehr und nicht weniger:
    http://www.sueddeutsche.d...
    http://www.sueddeutsche.d...

    Und wenn die Bombenleger schlau sind, dann laufen sie sowieso da lang, wo die Kameras kaputt sind oder wo es keine gibt.

    Zum Artikel: Wie kann es sein, dass die CDU nicht einmal eine Woche braucht, um Angst zu verbreiten und ihre politischen Ziele in den Vordergrund zu stellen? Irgendwann wähle ich wirklich noch die FDP.

    der installiere die erste Kamera.

    Wo sind diese christlichen Werte, von denen immer gesprochen wird.

  2. Überwachung, wir brauchen mehr Überwachung!!!

    Ein Wunder dass er nicht mehr V-Leute fordert. Ob er doch noch was von den Einschlägen links und rechts mitbekommt?

    29 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Seit wann ist unser bajuwarischer Innenminister ein halbherziger Zauderer? Bei der derzeitigen Bedrohungslage erwarte ich schon engagierteren Einsatz. Ein Großauftrag in die USA könnte helfen: Die Pointe der Google-Brille Google Glass ist die von Google auch aus der Ferne kontrollierbare Personalisierung dessen was der Bürger sieht.

    Die öffentliche Videoüberwachung komplettiert mit der Kontrolle der sozialen Netzwerke und der Vorratsdatenspeicherung, später ergänzt durch die Aufzeichnung der Hirnaktivitäten müsste sich doch Friedrichs Traum von der Einführung der Gedankenpolizei approximativ verwirklichen lassen.

    Trügen die Verfassungsschützer ebenfalls Google Glasses, wäre ihr fehlender Blick nach rechts auch den Interessierten endgültig klar.

  3. Die Politik versagt viel mehr als der Traum von totaler Überwachung als Garantie der totalen Sicherheit.

    Schon dieser politisch ausgetragener Wille zur absoluten Sicherheit auf einer und absolut fehlende demokratische Kontrolle auf anderer Seite, schafft unüberbrückbare, unlösbare Probleme.

    10 Leserempfehlungen
  4. Ja!
    Nicht erst seit Boston.
    Ich wähle demokratisch, ich lebe demokratisch und ich vertraue der Demokratie.
    Ich vertraue auch darauf dass die Demokratie geeignete Mittel hat, einen Missbrauch zu erkennen und zu reagieren.

    Keine Videoüberwachung könnte die Taten Einzelner ideologisch Gestörter verhindern, das ist so richtig wie klar.
    Aber es erhöht die Sicherheit, die Verantwortlichen zu identifzieren, zu verfolgen und zu stellen und dann dafür zusorgen, dass die Öffentlichkeit so lange wie nötig und möglich vor solchen Tätern nachhaltig geschützt wird.

    Ein Vorgehen wie in den USA bewirkt außerdem, dass Nachfolgetäter sich andere Opfer suchen. Mit einer weichen Gangart würden dort ganz andere Zustände herrechen, denn, vergessen Sie nicht: die USA sind auch bei Waffen, Munition und Sprengstoffen im Verhältnis zu Deutschland weitaus liberaler - dort würde man, im Gegensatz zu hier, kaum auffallen, wenn man entsprechende Vorbereitungen trifft.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    welcher genau?

    (Interpretationshilfe: Aufgrund vieler Begebenheiten in den letzten Jahren habe ich leider weder Vertrauen in unsere Regierung, noch zu den ausführenden Sicherheitsbehörden. Ich habe auch starke Bauchschmerzen bei dem Versuch, Regierung und Demokratie gleichzusetzen.)

    " und dann dafür zusorgen, dass die Öffentlichkeit so lange wie nötig und möglich vor solchen Tätern nachhaltig geschützt wird."

    Möglicherweise werden Verbrechen aufgeklärt, die ohne diese Kameras nicht oder erst später aufgeklärt würden. Aber dadurch entsteht doch kein nachhaltiger Schutz! Denn das hieße ja, dass dadurch andere Straftäter von ihren Taten abgehalten werden könnten und dem ist nicht so!

    Außerdem:
    1. Die Kamera in Amerika, die die hilfreichesten Bilder lieferte hing in einem Geschäft. Und solche Kameras gibt es auch in Deutschland zuhauf... Zu glauben, hier wäre noch eine kamerafreie Zone ist reichlich naiv. Sobald man sich in der Fussgängerzone eienr Stadt oder an Bahnhöfen und anderen Knotenpunkten aufhält wird man permanent gefilmt!

    2. Hier sollen massive Einschnitte in die Privatssphäre erfolgen, ohne das bisher besonderer Anlass dazu bestünde. Wo sind die Terrorakte, die eine derarte Überwachungsstruktur gegenüber der Bevölkerung rechtfertigen? Wir stellen 80 Mio Menschen unter Generalverdacht, weil...?
    Gerade die aktuelle Regierung ist außenpolitisch derart nichtssagend und teils geradezu feige, dass es Hasspredigern und Demagogen schwerfallen dürfte, Ihre Anhänger zu Anschlägen hier im Land zu motivieren.

    geben müssen.

    Es hat bereits begonnen: http://www.wired.com/thre... Inzwischen nicht nur in Berlin, auch in den USA.

    Auszug aus den Konrad Adenauer Stiftung AUSLANDSINFORMATIONEN 01-02/2013

    Bewertung der Neujahrsansprache 2013 auch Stimmen aus dem Westen, die vor einer romantisieren-den Fehlbewertung der Aussagen Kims warnen und eine eingehende Analyse seiner wahren Absichten einfordern.
    Das erscheint überaus berechtigt, denn angesichts zunehmender Repressionsmaßnahmen des Regimes im ersten Jahr der Herrschaft Kim Jong-uns (weitere Einschränkungen der Versammlungs- und Reisefreiheit, Verstärkung der Grenzsicherungsanlagen, Beschaffung von mehreren Tausend Überwachungskameras zur Installation im Inland etc.) kann von wirklichen Reformen derzeit keine

    Entspricht das in etwa ihrem Demokratieverständnis. Was heute als Schutz gefordert wird darf morgen nicht zur Repressionsmaßnahmen werden. Es ist ihre demokratische Pflicht Persönlichkeits und Freiheitsrecht zu wahren und nicht die Überwachung zu fordern.

  5. 6. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/jz

    Eine Leserempfehlung
    • doch40
    • 20. April 2013 14:05 Uhr

    Wie wollen Sie das machen bei Selbstmordattentäter? Ihre Überlegung greift zu kurz.

    9 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bei nem Selbstmordanschlag wird das etwas schwerer, davon hatten wir aber bisher in Deutschland recht wenige.
    Durchaus wäre es aber recht hilfreich wenn man bei deponierten, wenn auch nicht funktionierenden Sprengsätzen wie etwa in Bonn, nach den Tätern sucht.
    Ich bin kein großer Freund von permanenter Überwachung aber ein gewisser Sicherheitstechnischer Aspekt ist nicht von der Hand zu weisen.
    Und selbst bei Selbstmordattentätern kann durch ein sehr enges Netz aus Kameras der Tathergang besser rekonstruiert werden, etwa wo sich die Wohnung des Täters befindet, ob er sich auf öffentlichen Plätzen mit Komplizen getroffen hat etc...

  6. kamen die veröffentlichten Bilder nicht von staatlicher Gewalt, sondern aus privater, mithin zufälliger Quelle.

    100%-ige Sicherheit wird es nicht geben. Mich erschrickt, dass manche bereit sind, ihr Leben in der Öffentlichkeit für die Suggestion von Sicherheit staatlich angeordnet verfilmen zu lassen und das ich ausnahmsweise der hier zitiertsn Meinung der FDP zustimmen muss.

    21 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Doppelt muss schließlich nicht aufgenommen werden.

    Da wo private Videos fehlen, müssen eben staatliche aufgestellt werden.

    Dass die Täter in Boston von privaten Videos gefilmt wurden, die zum Fahndungserfolg beitrugen, spricht doch gerade für und nicht gegen mehr Videos.

    das absurde an der FDP ist ja, dass man, indem man sie wählt, de facto einen bayrischen Sicherheitsexperten als Innenminister wählt - der eine freiheitlich-liberale Sicherheitspolitik vertritt?

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP, Reuters, fz
  • Schlagworte FDP | Jörg Ziercke | Anschlag | Aufklärung | Bahnhof | Bundeskriminalamt
Service