Partei-JubiläumDie Herren Müller von der SPD

Eine Partei, drei Generationen: Horst-Jürgen, Michael und Max Müller halten es in der SPD gut aus. Weil sie die Politik und die Partei ernst nehmen. Von Lenz Jacobsen von 

Der Berliner SPD-Bürgermeister Michael Müller mit seinem Vater und seinem Sohn in der kleinen, familieneigenen Druckerei

Der Berliner SPD-Bürgermeister Michael Müller mit seinem Vater und seinem Sohn in der kleinen, familieneigenen Druckerei  |  © ZEIT ONLINE

Man hat kaum Platz genommen bei den Müllers, da zieht der Senior auch schon das kleine, dicke, grüne Partei-Büchlein aus der Schreibtischschublade, blättert stolz durch die speckigen Seiten, zeigt die winzigen roten Marken der ersten Jahre und die größeren Aufkleber der späteren Zeit. "Ich hab' das extra neu einbinden lassen, damit es noch hält, damit ich kein neues brauche", sagt Horst-Jürgen Müller, graue Haare, blauer Pulli, 71 Jahre alt. Kein Zweifel: Die SPD ist eine wunderbar ernsthafte Sache für die Müllers.

Es ist Donnerstagabend, der 23. Mai 2013, vor genau 150 Jahren begann die Geschichte der deutschen Sozialdemokratie, in Leipzig feiern sie mit einem riesigen Festakt. Horst-Jürgen Müller, hier in seiner altertümlichen Druckerei in Berlin-Tempelhof, ist seit genau 50 Jahren, einem Monat und einem Tag Genosse. Auch sein Sohn, Michael Müller, 48 Jahre alt und Senator in der Berliner Regierung, ist SPD-Mitglied, seit 1981. Und vielleicht bald auch sein Enkel Max Müller, 17 Jahre.

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Drei Generationen sozialdemokratisches Leben sitzen da vor einem, eine Partei-Familie. Eine Familie ist vielleicht nicht der schlechteste Weg, um sich dieser Partei zu nähern, die sich mit ihrem Brüderlichkeitspathos immer auch selbst als Familie verstanden hat. Warum also entscheidet man sich für die SPD? Immer wieder, in jeder Generation? Was hat sich verändert über die Jahrzehnte und wie hält man es überhaupt aus mit diesem Verein, der von der Öffentlichkeit so oft mit einer eigentümlichen Mischung aus Mitleid und Spott behandelt wird?

Wegen des Kosovokrieges beinahe ausgetreten

Was als erstes auffällt: Wie Opa und Enkel Müller über Ideale reden und Vater Müller, der Berufspolitiker, über Macht. "Ganz schrecklich und schwer erträglich" sei das für ihn gewesen, als die SPD 1999 beim Kosovokrieg mitmachte, sagt der Senior. Wegen der Kriegseinsätze wäre er, der überzeugte Pazifist, beinahe ausgetreten. "Von denen da im Parlament muss doch keiner selbst in den Krieg", schimpft er, "keiner von deren Söhnen!" Da schüttelt sein eigener Sohn widerwillig den Kopf, murmelt erst ein leises "Nein, also..." und übernimmt dann die Rolle des Realisten. 

"Wenn man das zu Ende denkt, dann dürften ja auch nur Arbeitslose im Parlament über dem Umgang mit Arbeitslosen entscheiden." Und überhaupt, sagt der Stellvertreter von Klaus Wowereit, der weißes Hemd trägt und Manschettenknöpfe: Deutschland habe eine Verantwortung, und die schönsten Ideale nützten nichts, wenn man nicht in der Regierung sei. Sein Vater auf der anderen Seite des Tisches zuckt mit den Achseln, sagt: "Na ja, Micha, trotzdem, das kann nicht sein." Und dann sagt der Enkel, der immer erst einige Sekunden nachdenkt, bevor er etwas sagt, und allein deshalb eigentlich der Ernsthafteste in dieser Runde ist: "Ich sehe das so wie Opa. Krieg ist schrecklich und bringt den Ländern da auch nicht viel." Der Opa lächelt ihn gerührt an.

Überall Verrat

So ist es bei den Müllers und so ist es auch bei der SPD: Hehre Prinzipien und die hässlichen Zwänge der Verantwortung, Ideale einerseits und Machterhalt andererseits, es ist ein ewiger Kampf. Davon erzählen auch all die Geschichten vermeintlichen Verrats der Sozialdemokraten: "Wer hat uns verraten? Sozialdemokraten!" riefen in der Weimarer Republik die Linksradikalen und später in den 1960er und 1970er Jahren ihre Wiedergänger bei den Studentenprotesten. Das Motiv ist unsterblich: Die Kriegsbeteiligungen sind Verrat am Pazifismus, Gerhard Schröders Agenda 2010 Verrat an den sozial Schwachen. Man kann die SPD für diese Wenden und Zugeständnisse verachten, man kann es aber auch anders sehen: Nur, wer Ideale hat, kann kleine oder größere Verrate an ihnen begehen.

Die SPD hat sicher nicht immer die Welt verbessert, in 150 Jahren kann man leider auch ziemlich viel Mist bauen. Aber es war immer klar, dass das mit dem Weltverbessern ihr Ziel war.

Leserkommentare
    • Kelhim
    • 24. Mai 2013 20:07 Uhr

    Vielen Dank, war ein bisschen kurz, aber interessant, wie es drei Generationen in einer Partei aushalten, die in der einen oder anderen Frage grundsätzlich anderer Meinung sind, aber genauso grundsätzliche Werte teilen!

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    ...grundsätzlich anderer Meinung sein, aber genauso grundsätzliche Werte teilen... das haben Sie aber hübsch gesagt.

    Die SPD als parteigewordenes Paradoxon...
    kann wohl nicht mehr lange gutgehen...

  1. ...Verrat an den sozial Schwachen.
    Man kann die SPD für diese Wenden und Zugeständnisse verachten, man kann es aber auch anders sehen: Nur, wer Ideale hat, kann kleine oder größere Verrate an ihnen begehen."

    Der Verrat als Zeichen dafür, dass man noch Ideale hat, die drei SPD-Müllers samt den ganzen Absonderlichkeiten, die sie von sich geben... Wer bis jetzt noch nicht wusste, dass die SPD keine Zukunft mehr hat, der weiß es spätestens jetzt.

    10 Leserempfehlungen
  2. ...grundsätzlich anderer Meinung sein, aber genauso grundsätzliche Werte teilen... das haben Sie aber hübsch gesagt.

    Die SPD als parteigewordenes Paradoxon...
    kann wohl nicht mehr lange gutgehen...

    7 Leserempfehlungen
  3. "Warum bloß entscheidet man sich als junger Mensch für diese Langweile? Kommt man sich da nicht anachronistisch und außenseiterisch vor?"

    Wie kann es in einer Parteien-Demokratie für junge Menschen anachronistisch sein sich politisch in einer Partei zu engagieren? Wer sich politisch engagiert hat in einer Partei zahlreiche Möglichkeiten Einfluss zu nehmen und kann auch selbst das Ruder übernehmen. Natürlich wird man nicht gleich Kanzler, aber bei den hippen NGOs und Jugendgemeinderäte wird man gar nichts.
    Und ja: Politische Arbeit muss organisiert werden, Interessenskonflikte müssen ausgetragen werden. Wer politisch ist, empfindet das aber nicht zwingend als langweilig. Und in Jugendorganisationen der Parteien finden sich nicht lauter Außenseiter. Das ist einfach Unfug.

    Eine Leserempfehlung
  4. Dieser jämmerliche Versuch, eine charakterlose Partei hochzujubeln kann nur eines bedeuten:

    Es stehen neue soziale Grausamkeiten bevor, die läßt man traditionell - wie auch anderwo, z.B. in Großbritannien - von den sogenannten 'Arbeiterparteien' durchsetzen - von wegen Akzeptanz etc -, da grinst der Brite, der Deutsche wiehert.

    Ob das diesmal klappt ist ungewiß, für ein erneutes Bubenstückchen dieser Art sind schlappe 20% womöglich etwas knapp.

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    es mag für sie enttäuschend sein, dass die welt sich immer weniger in schwarz und weiß einteilen lässt, und das es DIE EINZIG RICHTIGE lösung nicht gibt, aber finden sie sich mit der realität ab. mit diesem pauschalen draufschlagen auf die spd, frei nach dem motto: die sind jetzt ganz anders als in den 70er jahren, wie gemein! macht man es sich doch sehr einfach.
    gleichzeitig vergewissert man sich der eigenen selbstgerechtigkeit. das ist mir zu plump.

    wo waren ihre proteste, als in den 90ern und den 0er jahren der neoliberalismus auf allen kanälen und zeitungen propagiert und gefeiert wurde? ich habe damals keine breite protestbewegung gesehen, die lautstark gegen die ideologie des neoliberalismus protestierte.
    im nachhinein lässt sich natürlich immer trefflich sagen, dieses und jenes hätte man besser sagen können.
    das einige dabei den zeithistorischen einfluss völlig ausblenden ist bedenklich.

    "Dieser jämmerliche Versuch, eine charakterlose Partei hochzujubeln kann nur eines bedeuten:"
    --------------------------
    Es bedeutet auch, dass diese Partei zu einem Großteils aus Traditionswählern besteht, nach dem Motto "Großvater und Vater haben die Sozen gewählt, dann tu ich das auch".
    So ists einfach, man braucht kein Wahlprogramm zu lesen.
    Daher kommt vermutlich auch die anschließende Verwunderung über die Politik.

  5. "........so ist es auch bei der SPD: Hehre Prinzipien und die hässlichen Zwänge der Verantwortung, Ideale einerseits und Machterhalt andererseits, es ist ein ewiger Kampf."

    die EWIGE Ausrede derer, die noch JEDES IDEAL verraten haben!

    MfG
    biggerB

    4 Leserempfehlungen
  6. - " Manchmal, wenn er in der Schule erzählt, was er gestern so in den Nachrichten gesehen hat, "dann wissen die überhaupt nicht, wovon ich rede", sagt Max. -

    welche die Jugend unseres Landes, mit VIELEN Bundestagsabgeordneten gemeinsam hat. LEIDER auch mit FATALEN Folgen.

    http://www.youtube.com/wa...

    MfG
    biggerB

    2 Leserempfehlungen
  7. "Nur, wer Ideale hat, kann kleine oder größere Verrate an ihnen begehen."

    schätze mal, Zigarren von Cohiba, genossen mit " 'ner Flasche Bier" und ein vergoldeter Berater - Vertrag beim russischen Konzern Gazprom bestätigen diese Art der "Logik"!

    MfG
    biggerB

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