ZEIT ONLINE: Herr Stauss, rettet Gesche Joost, als Netzpolitikerin ins Kompetenzteam berufen, jetzt Peer Steinbrück?

Frank Stauss: Mit Sicherheit nicht! Man darf jetzt keine Wunder von ihr erwarten. Ein Kompetenzteam hat noch nie eine Wahl entschieden, die muss Steinbrück schon selbst gewinnen.

ZEIT ONLINE: Also ist ihre Nominierung und die der anderen Team-Mitglieder egal?

Stauss: Sie bringen der SPD immerhin Aufmerksamkeit, die sie als Oppositionspartei normalerweise nicht hat. Bei jeder einigermaßen überraschenden Personalentscheidung hören ihr die Leute kurz zu. Und darum geht es bei Wahlkampagnen: Medienanlässe zu schaffen, anhand derer man seine Inhalte transportieren kann.

ZEIT ONLINE: Also kommt es auf die Personen selbst gar nicht an, sie sind nur Mittel zum Zweck?

Stauss: Nicht ganz. Steinbrück hat mit Joost und dem beinharten Gewerkschafter Klaus Wiesehügel zwei sehr unterschiedliche Personen berufen, die für wichtige Zielgruppen stehen, bei denen er dazu gewinnen will: die jungen Frauen und die Gewerkschafter. Dass die beiden jetzt bei ihm mitmachen, zeigt: Er kann unterschiedliche Menschen an sich binden. Insofern dient das Kompetenzteam dazu, den Kandidaten selbst besser aussehen zu lassen. Denn der entscheidet das Rennen, der Top-Job wird nicht über Leute aus der zweiten Reihe vergeben.

ZEIT ONLINE: Aus Ihrer Wahlkampf-Erfahrung, welches Kompetenzteam hat denn mal richtig Stimmen gebracht?

Stauss: Keins. Aber einer hat mal richtig Schaden angerichtet. Paul Kirchhof hat 2005 die Kampagne von Angela Merkel beschädigt, weil er nicht zur CDU passte.

ZEIT ONLINE: Kirchhof kam, wie jetzt auch Gesche Joost, nicht aus der Partei selbst, sondern von außerhalb.

Stauss: Mit externen Kandidaten kann man noch überraschen, deshalb sind sie so beliebt. Wenn man jemand präsentiert, mit dem sowieso schon alle rechnen, zumindest die professionellen Beobachter, so wie jetzt die SPD Thomas Oppermann, interessiert sich dafür niemand. Je außergewöhnlicher der Vorschlag, desto größer das Presseecho. Desto größer aber auch das Risiko, dass etwas schief läuft.

ZEIT ONLINE: Wieso?

Stauss: Die Externen kennen den gnadenlosen Politikbetrieb nicht wirklich. Sie sind nicht daran gewöhnt, dass jedes Wort und jede Geste auf die Goldwaage gelegt wird. Gleichzeitig sind sie sehr selbstbewusst, haben außerhalb der Politik Karriere gemacht und lassen sich ungern etwas sagen. Das Ego der Nominierten ist dann manchmal stärker als die Selbstdisziplin, sich in die Kampagne einzureihen. Auch da ist Paul Kirchhof das beste Beispiel.

ZEIT ONLINE: Rechnen Sie damit, dass Steinbrück noch einen echten Knaller für das Team nominiert?

Stauss: Na, der größte Knaller war ja Steinbrücks Nominierung selbst, das war die größte Überraschung. Mein Rat wäre, sich jetzt auch auf ihn zu konzentrieren und seine Stärken besser herauszuarbeiten. Vielen Deutschen ist immer noch nicht klar, wofür er eigentlich genau steht.

ZEIT ONLINE: Sie machen seit 20 Jahren SPD-Wahlkämpfe, was halten Sie von der bisherigen SPD-Kampagne?

Stauss: Ich habe ja selbst mal für Steinbrück Wahlkampf gemacht und weiß, dass er wirklich ein hervorragender Kämpfer und Kandidat sein kann. Die Kampagne bleibt da hinter seinen eigenen Ansprüchen zurück. Das ist aber nicht nur seine Schuld. So eine Kampagne ist Teamwork.

ZEIT ONLINE: Sie spielen auf handwerkliche Fehler Ihrer Berater-Kollegen?

Stauss: Ja, es gab da einige. Oft stimmt das Timing nicht, aber auch die Formate stimmen nicht. Diese hochgepriesenen "Wohnzimmergespräche", bei denen er Wähler zu Hause besucht, passen zum Beispiel überhaupt nicht zu Steinbrück. Er ist ein brillanter Redner und Anpacker, das kann er bei Hausbesuchen nicht so zur Geltung bringen, er braucht größeres Publikum.