Wahlkampf-Insider"Steinbrück muss das schon selbst gewinnen"

Beim SPD-Kompetenzteam geht es kaum um die Personen, sondern um Aufmerksamkeit, sagt Wahlkampf-Experte Stauss im Interview. Er kritisiert handwerkliche Kampagnen-Fehler. von 

Der Werber und Politikberater Frank Stauss macht seit 20 Jahren Wahlkämpfe für die SPD.

Der Werber und Politikberater Frank Stauss macht seit 20 Jahren Wahlkämpfe für die SPD.  |  ©Bernhard Huber

ZEIT ONLINE: Herr Stauss, rettet Gesche Joost, als Netzpolitikerin ins Kompetenzteam berufen, jetzt Peer Steinbrück?

Frank Stauss: Mit Sicherheit nicht! Man darf jetzt keine Wunder von ihr erwarten. Ein Kompetenzteam hat noch nie eine Wahl entschieden, die muss Steinbrück schon selbst gewinnen.

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ZEIT ONLINE: Also ist ihre Nominierung und die der anderen Team-Mitglieder egal?

Stauss: Sie bringen der SPD immerhin Aufmerksamkeit, die sie als Oppositionspartei normalerweise nicht hat. Bei jeder einigermaßen überraschenden Personalentscheidung hören ihr die Leute kurz zu. Und darum geht es bei Wahlkampagnen: Medienanlässe zu schaffen, anhand derer man seine Inhalte transportieren kann.

Frank Stauss

©Bernhard Huber

Frank Stauss begann seine Karriere als Wahlkämpfer 1992 in der Clinton/Gore-Kampagne und hat mit seiner Agentur Butter seither 23 Wahlkämpfe geführt. Unter anderem für Gerhard Schröder, Hannelore Kraft und Klaus Wowereit. In seinem neuen Buch Höllenritt Wahlkampf berichtet der 48-Jährige davon. Für ZEIT ONLINE analysiert er in loser Folge die Coups und Pleiten der Parteien im Kampf um die Macht, denn "Wahlkampf ist jeden Tag".

ZEIT ONLINE: Also kommt es auf die Personen selbst gar nicht an, sie sind nur Mittel zum Zweck?

Stauss: Nicht ganz. Steinbrück hat mit Joost und dem beinharten Gewerkschafter Klaus Wiesehügel zwei sehr unterschiedliche Personen berufen, die für wichtige Zielgruppen stehen, bei denen er dazu gewinnen will: die jungen Frauen und die Gewerkschafter. Dass die beiden jetzt bei ihm mitmachen, zeigt: Er kann unterschiedliche Menschen an sich binden. Insofern dient das Kompetenzteam dazu, den Kandidaten selbst besser aussehen zu lassen. Denn der entscheidet das Rennen, der Top-Job wird nicht über Leute aus der zweiten Reihe vergeben.

ZEIT ONLINE: Aus Ihrer Wahlkampf-Erfahrung, welches Kompetenzteam hat denn mal richtig Stimmen gebracht?

Stauss: Keins. Aber einer hat mal richtig Schaden angerichtet. Paul Kirchhof hat 2005 die Kampagne von Angela Merkel beschädigt, weil er nicht zur CDU passte.

ZEIT ONLINE: Kirchhof kam, wie jetzt auch Gesche Joost, nicht aus der Partei selbst, sondern von außerhalb.

Stauss: Mit externen Kandidaten kann man noch überraschen, deshalb sind sie so beliebt. Wenn man jemand präsentiert, mit dem sowieso schon alle rechnen, zumindest die professionellen Beobachter, so wie jetzt die SPD Thomas Oppermann, interessiert sich dafür niemand. Je außergewöhnlicher der Vorschlag, desto größer das Presseecho. Desto größer aber auch das Risiko, dass etwas schief läuft.

ZEIT ONLINE: Wieso?

Stauss: Die Externen kennen den gnadenlosen Politikbetrieb nicht wirklich. Sie sind nicht daran gewöhnt, dass jedes Wort und jede Geste auf die Goldwaage gelegt wird. Gleichzeitig sind sie sehr selbstbewusst, haben außerhalb der Politik Karriere gemacht und lassen sich ungern etwas sagen. Das Ego der Nominierten ist dann manchmal stärker als die Selbstdisziplin, sich in die Kampagne einzureihen. Auch da ist Paul Kirchhof das beste Beispiel.

ZEIT ONLINE: Rechnen Sie damit, dass Steinbrück noch einen echten Knaller für das Team nominiert?

Stauss: Na, der größte Knaller war ja Steinbrücks Nominierung selbst, das war die größte Überraschung. Mein Rat wäre, sich jetzt auch auf ihn zu konzentrieren und seine Stärken besser herauszuarbeiten. Vielen Deutschen ist immer noch nicht klar, wofür er eigentlich genau steht.

ZEIT ONLINE: Sie machen seit 20 Jahren SPD-Wahlkämpfe, was halten Sie von der bisherigen SPD-Kampagne?

Stauss: Ich habe ja selbst mal für Steinbrück Wahlkampf gemacht und weiß, dass er wirklich ein hervorragender Kämpfer und Kandidat sein kann. Die Kampagne bleibt da hinter seinen eigenen Ansprüchen zurück. Das ist aber nicht nur seine Schuld. So eine Kampagne ist Teamwork.

ZEIT ONLINE: Sie spielen auf handwerkliche Fehler Ihrer Berater-Kollegen?

Stauss: Ja, es gab da einige. Oft stimmt das Timing nicht, aber auch die Formate stimmen nicht. Diese hochgepriesenen "Wohnzimmergespräche", bei denen er Wähler zu Hause besucht, passen zum Beispiel überhaupt nicht zu Steinbrück. Er ist ein brillanter Redner und Anpacker, das kann er bei Hausbesuchen nicht so zur Geltung bringen, er braucht größeres Publikum.

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Leserkommentare
  1. 1. […]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke, die Redaktion/jp

  2. >> Bei jeder einigermaßen überraschenden Personalentscheidung hören ihr die Leute kurz zu. <<

    ... schneiden nicht gut ab in den Bewertungen des Herrn Stauss. Aber was will man sagen, er hat ja recht:

    In die kurze Aufmerksamkeitsspanne, die viele Bürger den gänzlich belanglosen Themen Politik und Wahlen ab und zu gönnen, muss man brachial reingrätschen wenn man überhaupt wahrgenommen werden will.

    2 Leserempfehlungen
  3. Steinbrück hat drei Probleme.

    Zum einen nehmen es ihm sehr viele nicht ab, das er die Fehler der Agenda 2010 korrigieren will. Um hier zu überzeugen hat man Wiesenhügel geholt. Dummerweise erinnern sich noch viele an die Kombi Schröder / Lafontaine, also wird das nicht die gewünschte Wirkung erzielen.

    Zum anderen hat er sich mit seinen Nebeneinkünften zur medialen Zielscheibe gemacht. Seine ganzen Konter mit der Offenlegung, hat die Kanzlerin einfach ausgesessen. Selbst die Ablehnung des Gesetzes zur Offenlegung der Einkünfte hat ihr nicht geschadet, weil sie warum auch immer von der Presse in Schutz genommen wurde und immer noch wird.

    Das dritte Problem ist, das er bei den Frauen nicht ankommt, die sehr wenig mit seiner Art anfangen können.

    Aber wie dem auch sei, entschieden ist noch nichts. Sollte irgendeine der vielen Baustellen, die die Kanzlerin unter der Erde hält hochkommen, dann wird es verdammt eng mit ihrer Wiederwahl und das weiß sie auch.

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    >> Das dritte Problem ist, das er bei den Frauen nicht ankommt, die sehr wenig mit seiner Art anfangen können. <<

    ... aus berufenem Munde bestreiten? Ich kann im Zweifel mehr mit seiner Art anfangen als mit seiner Politik ;-)

  4. Die US-Präsidentschaftskandidaten wählen ja für gewöhnlich ihr genaues Komplementär als Vize (McCain (grau, weiß, Mann, gemäßigt) und Palin (jung, weiß, Frau, "erzkonservativ"); Obama (jung, schwarz, insbesondere außenpolitisch unerfahren, starker Redner auf den großen Bühnen) und Biden (alt, weiß, Schwerpunkt Außenpolitik, als Politprofi eher einer für die Hinterzimmer)).
    In Anlehnung daran, scheint auch Steinbrück sein Team so zu wählen, dass sich insgesamt ein Repräsentant des "ganzen" Wahlvolkes ergibt.
    Warten wir also ab, welche Positionen sein Kompetenzteam nicht abdeckt, dann wissen wir, wo Herr Steinbrück seine eigenen Kompetenzen sieht.

  5. >> Das dritte Problem ist, das er bei den Frauen nicht ankommt, die sehr wenig mit seiner Art anfangen können. <<

    ... aus berufenem Munde bestreiten? Ich kann im Zweifel mehr mit seiner Art anfangen als mit seiner Politik ;-)

    Eine Leserempfehlung
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    das Sie das können bezweifle ich keine Sekunde lang, aber in diesem Fall halte ich Sie für eine der wenigeren die überhaupt in der Lage ist, die Politik der Art vorziehen.;-))

  6. "... Die Externen kennen den gnadenlosen Politikbetrieb nicht wirklich. Sie sind nicht daran gewöhnt, dass jedes Wort und jede Geste auf die Goldwaage gelegt wird ..."

    Ähem, wenn ich so höre, was die die meisten so genannten "Spitzenpolitiker" so zum Besten geben, kennen die den "gnadenlosen Politikbetrieb" aber ebenso wenig wie die "Externen".

  7. das Sie das können bezweifle ich keine Sekunde lang, aber in diesem Fall halte ich Sie für eine der wenigeren die überhaupt in der Lage ist, die Politik der Art vorziehen.;-))

    Antwort auf "Darf ich das ..."
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    >> Politik der Art vorziehen <<

    ... eigentlich nur der Idee an, dass wir aus guten Gründen Programme wählen, nicht Personen.

    Ich halte wenig von Personenkult, was angesichts der medial grassierenden Muttiverehrung altmodisch zu werden scheint - Präsidialdemokratie durch die Hintertür. Leider sehr präsidial, dafür wenig demokratisch.

  8. Steinbrück bzw. die SPD hat sich entschieden möglichst gut das sozialdemokratische Millieu zu mobilisieren. Man spielt nicht mehr auf Sieg, sonst hätte man die Chance genutzt einen wirtschaftlich moderaten, bzw. sogar marktwirtschaftlichen Kopf zu wählen.
    Schröder hat eine Wahl gewonnen, weil er NICHT Lafointaine hieß (1998), eine Wahl hat er gewonnen mit der Ankündigung der Hartz-Reformen (2002 gegen Stoiber) und eine Wahl hat er zumindest nicht verloren mit der Werbung für die Beibehaltung von Hartz-4 (2005). Vor Schröder und danach hat die SPD nur verloren.

    Diese Strategie demontiert leider Steinbrück, der einfach kein Arbeiterführer ist.

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    würde Steinbrück noch keine 20% erreichen.

    Im übrigen:
    -Kohl hätte 1990 schon gegen Lafontaine verloren, wenn er keine blühenden Landschaften versprochen hätte. (1990)
    - Scharping hat sich selbst demontiert (1994)
    - Schröder wäre ohne Lafontaine und die schwarzen Koffer niemals Kanzler geworden (1998)
    - Schröder hat nur das Hochwasser im Osten gerettet und die Redegewandheit von Stoiber (2002)
    - Merkel gewinnt gegen Schröder wegen Hartz Reformen (2005)
    - Merkel gewinnt erst recht gegen Steinmeier wegen den Hartz Reformen (2009)

    Resümee, nur wenn die SPD wieder zu ihrer alten Sozialdemokratischen Politik zurückfindet, kann sie überhaupt noch etwas gewinnen. Aber dazu müsste sie sich mit den Linken aussöhnen und danach sieht es wohl nicht aus.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Gesche Joost | Peer Steinbrück | SPD | Klaus Wiesehügel
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