ZEIT ONLINE: Herr Molau, vor knapp einem Jahr sind Sie aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen. Haben Sie den Schritt schon bereut?    

Andreas Molau: Nein. Aber ich weiß im Nachhinein nicht, wie mutig ich gewesen wäre, wenn ich gewusst hätte, was mir bevorsteht.

ZEIT ONLINE: Wieso?

Molau: Ein Ausstieg ist schwer – aber der Wiedereinstieg in die Gesellschaft ist noch viel schwerer. Egal mit wem ich spreche, egal wo ich versuche, irgendwelche Schritte in ein normales Leben zu machen: Überall erlebe ich eine Mischung aus Skepsis und Angst.

ZEIT ONLINE: Das hat Sie überrascht?

Molau: Die Skepsis kann ich schon verstehen, weil ich wirklich sehr lange aktiv war…

ZEIT ONLINE: ... seit dem 16. Lebensjahr, also mehr als Ihr halbes Leben. Wissen Sie eigentlich noch, was Ihr erster Schritt in den Rechtsextremismus war?

Molau: Naja, ich mochte meine linken Lehrer nicht. Ich war ein bisschen nationalromantisch, war zum Beispiel ein Riesenfan des Reinhard-Mey-Liedes Sorry, poor old Germany. Es ging darin um das deutsche Kulturgut, um Loreley, Goethe, Heine und so – und dass das alles irgendwie vergessen und kaputtgemacht wird durch amerikanische Einflüsse. Der im Rückblick wirklich verhängnisvolle Tag war jener, als Leute von der NPD-Jugend vor unserer Schule standen und ein Flugblatt verteilten und der Sozialkundelehrer sagte, man müsse es wegschmeißen, weil das böse Leute seien.

Ich hatte zur NPD gar keine Affinität, im Gegenteil, mein Vater war Sozialdemokrat; seine Familie wurde im Dritten Reich wegen jüdischer Wurzeln verfolgt. Aber ich fand es ungerecht, die NPD so zu behandeln. Ich hab dort hingeschrieben, und die sind unglaublich intelligent auf mich zugegangen. Schnell war ich dabei und fühlte mich wie ein Märtyrer. Und natürlich konnte man mit dem Thema herrlich provozieren.

ZEIT ONLINE: Bald schrieben Sie für die Junge Freiheit. Sie haben gegen Ausländer und Muslime gehetzt. Haben Sie an diese Feindbilder wirklich geglaubt oder war das Rhetorik?

Molau: Es war eine Mischung. Einerseits habe ich die Feindbilder in mir getragen; Rechtsextremismus hat – wie mir inzwischen klar geworden ist – viel mit Angst zu tun, mit einer Angst vor Verlust. Und die simple Reaktion darauf ist die Behauptung: Jemand bedroht uns, macht uns kaputt. Da geht es dann gegen angebliche ausländische Asylbetrüger, während komplett ausgeblendet wird, dass auch Deutsche das Sozialsystem ausnutzen. Das ist bei der Jungen Freiheit oft dasselbe Prinzip wie bei der NPD.   

Andererseits entwickelt man sich zu einem Dienstleister für starke Sprüche – das wird mir klar, wenn ich mir meine alten Reden auf YouTube ansehe. Man weiß genau, was das Publikum hören möchte und welche Aussagen im Wahlkampf für Schlagzeilen sorgen.

ZEIT ONLINE: Gab es einen bestimmten Punkt, an dem Ihr Ausstiegsprozess begann? 

Molau: Das war sicherlich die Pastörs-Rede in Saarbrücken 2009

ZEIT ONLINE: … wo der Chef der Schweriner NPD-Landtagsfraktion über "Judenrepublik", "Krummnasen" und türkische "Samenkanonen" geiferte.

Molau: Ich habe danach gedacht, entweder muss ich mir einen Strick nehmen, laut schreien oder mich in Luft auflösen. Ich war an dem Punkt schon völlig verzweifelt. Damals habe ich die Fraktion als Referent von innen erlebt. Dort war auf den Bürorechnern reihenweise NS-Propaganda gespeichert; in den Fraktionsräumen hingen Hitlerzitate an den Wänden.

ZEIT ONLINE: Und das hat Sie als "Achteljude" sehr erschüttert.

Molau: Ja, ja, Sie spotten! Aber die Hardcore-Leute der NPD haben mich wirklich so bezeichnet…

ZEIT ONLINE: ... als Sie Anfang 2009 gegen den damaligen Amtsinhaber Udo Voigt für den Vorsitz kandidieren wollten.

Molau: Da kamen Mitarbeiter der Fraktion auf mich zu und sagten: Kamerad Molau, Du bist ein anständiger Kerl und sehr begabt, aber sei uns nicht böse, für Führungsaufgaben kommst du leider nicht infrage. Ich habe dann einen Ausstieg light versucht. Ich dachte, ich gehe zur DVU, weil die nicht so schlimm ist oder zu ProNRW – aber ich bin immer wieder auf die gleichen ideologischen Muster gestoßen.

ZEIT ONLINE: Im Sommer 2012 haben Sie ProNRW und damit die gesamte Szene verlassen. Wie waren die Reaktionen?

Molau: Es gab erwartbare Beschimpfungen und Bedrohungen – ich wisse ja, was mit Hochverrätern gemacht werde. Da war ich froh, dass während der ersten Wochen die Polizei in meinem Dorf öfter Streife fuhr. Erstaunlicherweise gab es auch etliche Leute – allein zwei aus dem NPD-Bundesvorstand –, die sagten: Wir würden es am liebsten machen wie Du. Sie wollten aber erst mal beobachten, wie es mir ergeht.

ZEIT ONLINE: Und, wie erging es Ihnen?

Molau: Zuerst mal fühle ich mich frei. Auch meine Familie war erleichtert, von Nachbarn und auch von Fremden hörte ich: Schön, dass Sie das nicht mehr machen! Aber ich habe nicht damit gerechnet, wie schwer es wird, wieder eine Arbeit als Publizist oder Lehrer zu finden.