Ex-NPD-Kader Molau"Ich bin unvermittelbar"

Andreas Molau war einer der wichtigsten NPD-Strategen. 2012 verließ er die Szene. Die demokratische Gesellschaft aber nehme ihn nicht auf, kritisiert er im Gespräch. von  und

Andreas Molau

Andreas Molau  |  © privat

ZEIT ONLINE: Herr Molau, vor knapp einem Jahr sind Sie aus der rechtsextremen Szene ausgestiegen. Haben Sie den Schritt schon bereut?    

Andreas Molau: Nein. Aber ich weiß im Nachhinein nicht, wie mutig ich gewesen wäre, wenn ich gewusst hätte, was mir bevorsteht.

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ZEIT ONLINE: Wieso?

Andreas Molau

ist 45 Jahre alt und hat zwei Kinder. Er diente der NPD lange als bürgerliches Aushängeschild. Schon als Student war er in der Szene aktiv und veröffentlichte in extrem rechten Verlagen. Unter anderem war er Feuilletonredakteur der Wochenzeitung Junge Freiheit. Nachdem er mehrere Jahre als Waldorfschullehrer in Braunschweig gearbeitet hatte, begann 2004 ein steiler Aufstieg in der NPD. Molau wurde Fachreferent der sächsischen Landtagsfraktion und später Chefredakteur der Parteizeitung. Seine Kampfkandidatur gegen den damaligen NPD-Vorsitzenden Udo Voigt endete Anfang 2009 in einer Schlammschlacht – er hatte unter anderem gefordert, die Partei müsse sich von Hitler distanzieren. Molau war danach in der DVU, Pro NRW und der Gesellschaft für freie Publizistik aktiv, bevor er im Juli 2012 öffentlich seinen Ausstieg verkündete.

Molau: Ein Ausstieg ist schwer – aber der Wiedereinstieg in die Gesellschaft ist noch viel schwerer. Egal mit wem ich spreche, egal wo ich versuche, irgendwelche Schritte in ein normales Leben zu machen: Überall erlebe ich eine Mischung aus Skepsis und Angst.

ZEIT ONLINE: Das hat Sie überrascht?

Molau: Die Skepsis kann ich schon verstehen, weil ich wirklich sehr lange aktiv war…

ZEIT ONLINE: ... seit dem 16. Lebensjahr, also mehr als Ihr halbes Leben. Wissen Sie eigentlich noch, was Ihr erster Schritt in den Rechtsextremismus war?

Molau: Naja, ich mochte meine linken Lehrer nicht. Ich war ein bisschen nationalromantisch, war zum Beispiel ein Riesenfan des Reinhard-Mey-Liedes Sorry, poor old Germany. Es ging darin um das deutsche Kulturgut, um Loreley, Goethe, Heine und so – und dass das alles irgendwie vergessen und kaputtgemacht wird durch amerikanische Einflüsse. Der im Rückblick wirklich verhängnisvolle Tag war jener, als Leute von der NPD-Jugend vor unserer Schule standen und ein Flugblatt verteilten und der Sozialkundelehrer sagte, man müsse es wegschmeißen, weil das böse Leute seien.

Ich hatte zur NPD gar keine Affinität, im Gegenteil, mein Vater war Sozialdemokrat; seine Familie wurde im Dritten Reich wegen jüdischer Wurzeln verfolgt. Aber ich fand es ungerecht, die NPD so zu behandeln. Ich hab dort hingeschrieben, und die sind unglaublich intelligent auf mich zugegangen. Schnell war ich dabei und fühlte mich wie ein Märtyrer. Und natürlich konnte man mit dem Thema herrlich provozieren.

ZEIT ONLINE: Bald schrieben Sie für die Junge Freiheit. Sie haben gegen Ausländer und Muslime gehetzt. Haben Sie an diese Feindbilder wirklich geglaubt oder war das Rhetorik?

Molau: Es war eine Mischung. Einerseits habe ich die Feindbilder in mir getragen; Rechtsextremismus hat – wie mir inzwischen klar geworden ist – viel mit Angst zu tun, mit einer Angst vor Verlust. Und die simple Reaktion darauf ist die Behauptung: Jemand bedroht uns, macht uns kaputt. Da geht es dann gegen angebliche ausländische Asylbetrüger, während komplett ausgeblendet wird, dass auch Deutsche das Sozialsystem ausnutzen. Das ist bei der Jungen Freiheit oft dasselbe Prinzip wie bei der NPD.   

Andererseits entwickelt man sich zu einem Dienstleister für starke Sprüche – das wird mir klar, wenn ich mir meine alten Reden auf YouTube ansehe. Man weiß genau, was das Publikum hören möchte und welche Aussagen im Wahlkampf für Schlagzeilen sorgen.

ZEIT ONLINE: Gab es einen bestimmten Punkt, an dem Ihr Ausstiegsprozess begann? 

Molau: Das war sicherlich die Pastörs-Rede in Saarbrücken 2009

ZEIT ONLINE: … wo der Chef der Schweriner NPD-Landtagsfraktion über "Judenrepublik", "Krummnasen" und türkische "Samenkanonen" geiferte.

Molau: Ich habe danach gedacht, entweder muss ich mir einen Strick nehmen, laut schreien oder mich in Luft auflösen. Ich war an dem Punkt schon völlig verzweifelt. Damals habe ich die Fraktion als Referent von innen erlebt. Dort war auf den Bürorechnern reihenweise NS-Propaganda gespeichert; in den Fraktionsräumen hingen Hitlerzitate an den Wänden.

ZEIT ONLINE: Und das hat Sie als "Achteljude" sehr erschüttert.

Molau: Ja, ja, Sie spotten! Aber die Hardcore-Leute der NPD haben mich wirklich so bezeichnet…

ZEIT ONLINE: ... als Sie Anfang 2009 gegen den damaligen Amtsinhaber Udo Voigt für den Vorsitz kandidieren wollten.

Molau: Da kamen Mitarbeiter der Fraktion auf mich zu und sagten: Kamerad Molau, Du bist ein anständiger Kerl und sehr begabt, aber sei uns nicht böse, für Führungsaufgaben kommst du leider nicht infrage. Ich habe dann einen Ausstieg light versucht. Ich dachte, ich gehe zur DVU, weil die nicht so schlimm ist oder zu ProNRW – aber ich bin immer wieder auf die gleichen ideologischen Muster gestoßen.

ZEIT ONLINE: Im Sommer 2012 haben Sie ProNRW und damit die gesamte Szene verlassen. Wie waren die Reaktionen?

Molau: Es gab erwartbare Beschimpfungen und Bedrohungen – ich wisse ja, was mit Hochverrätern gemacht werde. Da war ich froh, dass während der ersten Wochen die Polizei in meinem Dorf öfter Streife fuhr. Erstaunlicherweise gab es auch etliche Leute – allein zwei aus dem NPD-Bundesvorstand –, die sagten: Wir würden es am liebsten machen wie Du. Sie wollten aber erst mal beobachten, wie es mir ergeht.

ZEIT ONLINE: Und, wie erging es Ihnen?

Molau: Zuerst mal fühle ich mich frei. Auch meine Familie war erleichtert, von Nachbarn und auch von Fremden hörte ich: Schön, dass Sie das nicht mehr machen! Aber ich habe nicht damit gerechnet, wie schwer es wird, wieder eine Arbeit als Publizist oder Lehrer zu finden.   

Leserkommentare
  1. das in Deutschland ja nun nicht ungewöhnlich ist. Vielleicht hat es ja auch andere Gründe, warum es mit dem Job nicht so klappt.

    "Aber ich habe nicht damit gerechnet, wie schwer es wird, wieder eine Arbeit als Publizist oder Lehrer zu finden"

    Vielleicht ein wenig flexibler oder sich mal ausserhalb des Tellerrands bewegen.

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    es liest sich auch so, als sei sein ausstiegsgrund der frust wegen der geringen aussicht auf parteiinterne karriere gewesen.
    das und das ende des artikels lässt nunmal den verdacht aufkommen, dass sich ideologisch vielleicht doch nicht so viel geändert hat.

    • dacapo
    • 24. November 2013 19:13 Uhr

    .......... Aussteiger, oder einfach nur Besserwisser?

    • Socke9
    • 17. Mai 2013 11:12 Uhr

    Wenn er Nationalstolz mit dem Lied der Loreley von Heine verknüpft, dann ist er ganz sicher kein helles Köpfchen. Dann wäre er erst gar nicht rechtsextrem geworden. Und von NPD zu FDP...als ob er gar nicht wüsste, was er da macht.
    Bleibe nach diesem Interview erst recht skeptisch bzg. seiner Person.

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    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf Pauschalisierungen. Danke, die Redaktion/sam

    nachdem er unter dem von ihm vertretenen Quark selber leiden musste. Das ist keine Einsicht, sondern Egozentrik.

    heute ist er also am ehesten libertär, weil er "einen grundsätzlichen Widerwillen gegen Ideologien" habe, und wählt darum die FDP...
    Irgendwie bezweifele ich seine prinzipielle Skepsis gegenüber Ideologie.

    Das ist Unsinn. Ich habe von Reinhard Meys Lied "Sorry poor old Germany" gesprochen. Reinhard Mey galt in meiner Jugendzeit in der JN oder im NHB als Idol. Seine Konzerte wurden besucht, weil sich eben in seinen Texten viel von jener Nationalromantik fand, der dort nachgehangen wurde.

    Die meisten Deutschen sind unpolitisch. Ihre Unreife zeigt die Geschichte. Und hier haben wir ein krasses Beispiel. Romantik ist kein politisches Programm. Dass die Nazis die Romantik für ihre dumpfen Zwecke instrumentalisiert haben, ist ein alter Hut. Ein echter NPD-Kämpfer macht Ernst, er glaubt, was er sagt, er hat klar strukturiertes Weltbild. Die Argumente drumherum, z.B. EU und Euro, dienen nur der Rekrutierung, da können viele Ja zu sagen. Aber dass es um die alten Ziele in Mein Kampf geht, das vergessen die meisten. Er gehört dazu.

  2. geradezu ambivalent. Es besteht immer das Restrisiko, dass ein Ausstieg nur Tarnung ist um unter diesem Deckmantel sanft zu rekrutieren, aber auf der anderen Seite hat er recht. Die NPD lebt davon, sich vom Rest der Gesellschaft abzugrenzen, lebt von der Angst der Mitglieder, durch ein gesellschaftliches Raster zu fallen (ja, es gibt genug, die sicher in der Mitte unserer Gesellschaft verweilen, wie z.B. diverse Rechtsanwälte) und darin liegt das Risiko, dass diese These bestätigt wird und die NPD weiter an ihrem Märtyrermythos basteln kann.
    Die Frage, die sich mir stellt ist, dass wenn jemand 30 Jahre intensiv in dieser Szene gelebt hat, sicher vieles verinnerlicht hat, wie kann man diese Ideologien, diese Ängste überwinden?
    Im Kampf gegen Rechtsextremismus und die NPD wäre es sicher von Vorteil, mehr anonyme Anlaufstellen und Beratungsstellen zu haben, um den Ausstieg zu erleichtern und dazu braucht es auch Diskussionspartner.

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    • Coiote
    • 17. Mai 2013 13:16 Uhr

    "Die NPD lebt davon, sich vom Rest der Gesellschaft abzugrenzen, [...]"

    Interessante Theorie, aber ich denke sie ist falsch. Es ist sicherlich nicht das Ziel der NPD, sich abzugrenzen, im Gegenteil, diese Partei will die Gesellschaft durchsetzen (wie ein Krebsgeschwür, man möge mir diesen Vergleich verzeihen). Es ist die Gesellschaft, die sich schützt, indem sie sich möglichst von den Rechtsextremen abgrenzt.

    "[...] wäre es sicher von Vorteil, mehr anonyme Anlaufstellen und Beratungsstellen zu haben [...]"

    Der Artikel mkacht doch recht klar, dass das Problem nicht im Mangel solcher Beratungsstellen besteht. Das Problem besteht darin, dass die Aussteiger keine oder kaum die Möglichkeit für die Reintegration in die Gesellschaft erhalten. So ähnlich wie bei Heroinabhängigen: Mediziner können zwar recht effizient helfen, die physische Heroinabhängigkeit zu überwinden, aber ohne Reintegration nützt das nur wenig.

    • Gibbon
    • 17. Mai 2013 11:24 Uhr

    wie auch ich vergebe meinen Sündigern. Gerade was rechtes Gedankengut angeht, sieht wir in Deutschland (verständlicherweise) paranoid. Allerdings ist es denke ich kontraproduktiv, wenn man in rechten Kreisen Aussteiger oder Zweifler mit "es gibt kein Leben nach uns" bedrohen kann. Und damit dann auch noch recht hat. Man sollte schon deshalb zweite Chancen vergeben, da man selbst auch nicht unfehlbar ist und sicherlich mal der Zeitpunkt kommt, an dem man selber auf eine zweite Chance angewiesen ist. Da müssen aber natürlich auch die Medien mitziehen. Schließlich ist eine mediale Selbstverständlichkeit Menschen ihre Taten und Worte von anno Tuck wieder aufs Brot zu schmieren. Eine Veränderung ins Positive ist so für niemanden möglich. Letztendlich ist auch die Beweislage wichtig. Niemand kann beweisen, dass es niemals wieder xy tun wird. Eine gewisse Zeit der Reue ist gut und schön, aber irgendwann muss sich jeder entscheiden, ob er wieder Normalität einlässt, denn keine Buße dauert ewig.

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    Interessanter Artikel - unter mehreren Aspekten.

    Zum einen, weil ich auch denke, dass die Behandlung des Themas Nationalsozialismus in der Schule die pubertären Jugendlichen oftmals gerade in die Armee von Rechtsradikalen treibt.

    Nur warum man dann 30 Jahre dabei bleiben muss? Andererseits verzeiht man auch anderen "Brüche in der Biographie". Selbst Straftäter werden resozialisiert.

    • Mari o
    • 17. Mai 2013 11:31 Uhr

    Der weiss nicht warum er so traurig ist.
    sach ich ja:wenn nichts mehr geht.Romantik geht immer
    denkt sich so einer.
    Der arme Heinrich Heine muss jetzt auch noch als Ausweis für Entnazifizierung
    herhalten.Das ist mehr als traurig.Das ist todtraurig

    3 Leserempfehlungen
  3. 7. [...]

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    • Gibbon
    • 17. Mai 2013 11:40 Uhr

    Wie eigentlich jeder Mensch, der größere Veränderungen durchmacht, hat es auch für Herr Molau eines äußeren Anlasses bedurft. Bei manchen ist es eine Krankheit oder ein Jobverlust, bei anderen die hässliche Erkenntnis das Intoleranz sich auch gegen die eigene Person richten kann. Ist die Veränderung deshalb weniger wert? Sollte ich zu jemandem der aufgrund einer Spritzmittelallergie zum Biobauern wurde, sagen: Das hast du doch nur wegen deiner Krankheit getan? Oder sollte ich mich nicht einfach freuen, dass er auf einen besseren Weg gekommen ist?! Manche scheinen da doch etwas unrealistische Ansprüche an ihr Gegenüber zu stellen.

    • js.b
    • 17. Mai 2013 11:35 Uhr

    Die Gründe für Herrn Molaus Probleme, einen Job zu finden, liegen - auch wenn man nur den Artikel kennt und nicht ihn persönlich - fast schon auf der Hand. Wer immer ihn beschäftigt, läuft Gefahr, durch negative PR stark beschädigt zu werden. Wem schwebt die Schlagzeile nicht vor Augen: "Lokalzeitung beschäftigt Ex-Nazi!" Der "Shitstorm" in dem einen Blog wurde ja sogar erwähnt. Peinlich, sowas, und zwar nicht für Herrn Molau.

    Solange sich das nicht ändert, wird eine Wiedereingliederung von Aussteigern aus der rechten Szene sehr schwierig bleiben. Besagter Szene tut man damit leider einen großen Gefallen.

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  • Schlagworte NPD | Andreas Molau | FDP | DVU | Egon Bahr | Hannah Arendt
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