DDR-VergangenheitMerkel ist eine ehrliche Ostdeutsche

Der Grüne Werner Schulz verteidigt die Kanzlerin: Merkel habe eine typische DDR-Biographie. Die Debatte um ihre FDJ-Zeit sei geprägt von westdeutscher Unwissenheit. von Werner Schulz

Kanzlerin Angel Merkel im April dieses Jahres

Kanzlerin Angel Merkel im April dieses Jahres  |  © Timur Emek/Common Lens

Dass momentan so viele Bücher über Angela Merkel erscheinen, hat zweifellos einerseits mit dem Wahlkampf zu tun. Andererseits grübeln viele, speziell Westdeutsche, über ihr Wesen, das sie sich nicht richtig erschließen können. Aber sie kommen ihrer Persönlichkeit nicht wirklich nahe, weil sie die politischen Verhältnisse in der DDR nicht richtig einschätzen können, die einen solchen Charaktertypus geformt haben.

Nur wenn man die Realität dieser unfreien Gesellschaft der DDR kennt, kann man auch das angepasste Leben verstehen. Und jeder, der seine Fähigkeiten weiterentwickeln wollte, musste sich in einem gewissen Maß anpassen. Die Gesellschaft war bekannterweise schizophren, man musste dort frühzeitig das Orwellsche doublespeak erlernen. Offiziell sagte man das, was die Herrschenden hören wollten. Insgeheim hatte man eine andere Meinung, die nur wenige kannten, denen man vertraute.

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Angela Merkels verschlossener Charakter erklärt sich aus diesen Verhältnissen. Auch sie musste sehr genau überlegen, was man sagt. In den Organisationen wie der Pionierorganisation, der FDJ oder der deutsch-sowjetischen Freundschaft waren ja fast alle. Der Organisationsgrad lag bei 90 Prozent oder mehr. Es gab aber eine scharfe Trennlinie zwischen gesellschaftlich Aktiven in der DDR und überzeugten Vertretern des Systems. Diese Linie heißt: Mitgliedschaft in der SED. Wer diese Linie überschritten hatte, bewegte sich auf der Seite des Systems. Wobei nicht alle Parteigenossen überzeugte Kommunisten waren. Viele taten das auch nur aus Karrieregründen – ohne mit dem Herzen oder dem Verstand dabei zu sein.

Werner Schulz

© Hendrik Schmidt/ dpa

früherer Bürgerrechtler, sitzt für die Grünen im Europaparlament und ist dort Mitglied des Auswärtigen Ausschusses. Zu seiner Homepage

Was Merkel sagt, ist glaubwürdig

Diese Linie hat Angela Merkel nie überschritten. Jeder hat irgendwann mal in der FDJ solche oder ähnliche Aufgaben übernommen wie sie. Merkel hat sich wahrscheinlich mehr als Kulturorganisatorin verstanden, denn als politische Agitatorin, die das FDJ-Studienjahr zu organisieren hat. Die Texte und Thesen, die man innerhalb der FDJ vertrat, waren ohnehin vorgegeben. Die wurden runtergeleiert, so wie alle das ABC des Marxismus-Leninismus lernen mussten. Ich persönlich habe die Thesen von Marx und Lenin mit großem Interesse gelesen um vor allem die Widersprüche zum real existierenden System zu finden.

Wenn Angela Merkel heute sagt, sie sei auch aus einem Gemeinschaftssinn in der FDJ gewesen, dann ist das glaubwürdig. Denn wenn man da nicht drin war, war man isoliert. Dann hätte sie möglicherweise ihren akademischen Weg nicht gehen können. Als Pfarrerstochter war sie sozial ohnehin schon benachteiligt, weil man im Arbeiter- und Bauernstaat eher Nachteile hatte, wenn man aus einem solchen Umfeld kam. Ihr Vater aber hat ihr zugeraten, sich mit dem Staat zu arrangieren, darum ist sie in diese Massenorganisation gegangen.

Ich persönlich kenne kaum jemanden, der in der Akademie der Wissenschaften war und nicht gleichzeitig der FDJ angehörte. Zudem war Angela Merkels Posten als Kulturreferentin noch unter dem des FDJ-Sekretärs, der innerhalb einer FDJ-Gruppe von vielleicht 30 Leuten der Chef war.

Leserkommentare
  1. 1. […]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf pauschalisierende Beiträge. Danke, die Redaktion/jp

    2 Leserempfehlungen
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    Wenn alle nur Opfer waren - wo sind die Täter?

  2. >> Was Merkel sagt, ist glaubwürdig <<

    ... interessanter ist doch, was sie *nicht* sagt oder der Veröffentlichung vorenthält. Das Problem ist nicht, dass die Bürger und auch die politischen Gegner nach 20 Jahren noch Fragen stellen, das Problem ist, dass sie das überhaupt tun müssen.

    Warum, wenn doch alles töfte ist?

    59 Leserempfehlungen
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    ...wenn auch beim Spiegel mit süffisantem Unterton. Mit dem Besuch des Films “Die Legende von Paul und Paula” lässt sich über Merkels Vergangenheit als frühere „Sekretärin für Agitation und Propaganda“ locker hinweg lächeln. Man hat im Wahlkampagnen-Team von Merkel wohl erkannt, dass Merkel zu kalt und emotionslos wahrgenommen wird, deshalb „Muttitag“ bei der Truppe in Afghanistan, deshalb Merkel beim „Brigitte-Talk“.
    http://www.nachdenkseiten...

    Und die Grünen helfen ihr dabei. Super.

    Frau Merkel die Angelegenheit mit der Äußerung "danach hat mich niemand gefragt" abtut.
    Das ist viertes Schuljahr, wenn sich die Kinderchen rechtfertigen.
    Die Dame ist Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland und benimmt sich langsam so, als wenn ihr diese Republik gehört.

  3. Warum die Suche nach einem "roten Fleck" in der Vergangenheit von Frau Merkel? Warum die Suche nach einem "braunen Fleck" in der Vergangenheit von Walter Jens, Günther Grass?

    Was ändert sich durch diese Erkenntnis, dass ein politisch denkender und handelnder Mensch in seiner Jugend "das falsche Lied" gesungen hat und durch jahrzehntelanges politisches Engagement überzeugend darstellte und darstellt, welches Lied ihm zum Herzenslied geworden ist: Die Demokratie!

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    Wem die Demokratie am Herzen liegt, der befürwortet keinen ESM mit einem Gouvaneursrat, der nicht demokratisch legitimiert ist, statt dessen aber politische Immunität geniesst...

    Undemokratischer geht kaum noch!

    >> Was ändert sich durch diese Erkenntnis, dass ein politisch denkender und handelnder Mensch in seiner Jugend "das falsche Lied" gesungen hat und durch jahrzehntelanges politisches Engagement überzeugend darstellte und darstellt, welches Lied ihm zum Herzenslied geworden ist: Die Demokratie! <<

    ... haben in unserer Demokratie die Aufgabe, den Bürgern klare Angebote als Entscheidungsgrundlage für Wahlentscheidungen zu machen - oder, wie das GG sagt, "sie wirken bei der politischen Willensbildung mit".

    Wer, wie Merkel, auf Machterhalt durch Taktieren im Ungefähren setzt, verhält sich gerade nicht so, als wäre ihm die Demokratie eine Herzensangelegenheit.

    >>>dass ein politisch denkender und handelnder Mensch in seiner Jugend "das falsche Lied" gesungen hat

    Würdest Du das auch z.B. für Herbert Wehner akzeptieren?

    Ich finde, gegen Merkel spricht, dass sie vor 1989 angepasst war - was ich verstehen kann, ich wäre auch kein Held gewesen.

    Aber solche Menschen dürfen eben keine verantwortlichen Politiker werden: Auch heute passt sie sich ja vornehmlich an, passt sich an den mainstream an. Mit dieser Einstellung kann zumindest fast jeder solche Positionen einnehmen. Dort wird mehr verlangt. Aber es wird nicht geliefert, und nicht erst seit Frau Dr. Merkel nicht. Der letzte wirklich handelnde Kanzler war Willy Brandt, davor gab's auch nur Konrad Adenauer.

    Die guten sind rar gesät, trotzdem klatschen wir immer Beifall, wenn die politische Linie scheinbar passt.

    • F6
    • 14. Mai 2013 21:15 Uhr

    Warum die Suche. Warum die Suche nicht? Bei mir wurde auch gesucht. Ich war jung, ich war 24 Jahre und ahnungslos und wollte in der DDR gut verdienen. Das ging nur wenn man in den entsprechenden Organisationen war. Ich wurde damals von der Stasi angeworben. Ich dachte mir nichts dabei, weil es ja in jedem Staat so etwas gab, in der BRD eben den BND. Die Unterschiede waren mir damals nicht bewußt. In der SED war ich erst mal nicht. Ich argumentierte immer, ich kann meinen Staat ja auch verteidigen wenn ich parteilos bin. 3 Jahre hielt ich daran fest. Doch dann wurde ich gezwungen, in die PARTEI zu gehen. Nach der Wende kam dann bei jeder Bewerbung die ich als gelernte Bürokauffrau startete die Suche nach der Vergangenheit. Ich kann mit Fug und Recht sagen, ich habe nie jemanden denunziert und wurde trotzdem abgestempelt und ausgegrenzt. Da war mein Glauben an eine Demokratie in der BRD am Ende. Frau Merkel gibt jetzt immer scheibchenweise zu, was nicht mehr zu verheimlichen ist.Das läßt viel Raum für Spekulationen. Sie sollte noch viel offener über ihre Vergangenheit in der DDR reden und nicht warten, was denn die Recherchen von Journalisten noch ans Tageslicht bringen.

    • AndreD
    • 14. Mai 2013 21:39 Uhr

    Muss man nicht lange suchen.

    Ich würde einfach nur gerne wissen, warum das Foto mit ihr vor dem Hause Havemanns nicht mehr veröffentlicht werden darf...

    • kael
    • 15. Mai 2013 10:58 Uhr

    Ihre Frage ist ganz einfach zu beantworten:

    Weil ich wissen möchte, wer mich regiert.

    Obwohl ich von Merkels Lauterkeit, bzw. von ihrer "weißen Weste" überzeugt bin, halte ich Nachfragen für richtig und sogar für geboten.

    Warum? Weil wir uns in den 50er und 60er Jahren viel zu wenig um die Viten unserer Politiker gekümmert und so manchem Alt-Nazi zu Macht und Einfluss verholfen hatten. So etwas sollte sich nicht wiederholen.

  4. 4. […]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf relativierende Kommentare. Danke, die Redaktion/jp

    Eine Leserempfehlung
  5. erklärt sich aus ihrer Biographie ...aber offensichtlich stört das ja nicht so viele.

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    >> Auch ihre Unfähigkeit (West-)Europa zu verstehen erklärt sich aus ihrer Biographie <<

    Genau dieses umgekehrte Verhältnis erfüllt auch mich mit Sorge.

    Frau Merkel war sicher nie eine Reform- oder sonstige -kommunistin. Sie war und ist aber auch keine Konservative, keine Sozialdemokratin und von christlichen Werten ist ihre Politik auch nicht geprägt.

    Sie ist in der Tat "nur" eine Mitläuferin - und genau diese Prägung erfüllt mich mit Sorge.

    • shtok
    • 14. Mai 2013 16:16 Uhr

    als viele glauben, denn Sie setzt das um und was sie in der DDR gelernt hat.

    @Thema
    Viele Bürger der ehemaligen DDR deren Leben durch das damalige System der DDR und deren Macht- und Führungseliten beeinflusst wurde, können die Causa Merkel gut einschätzen.
    Auch Herrn Schulz's Bio auf Wikipedia, so das dort geschrieben richtig ist, ruft da Fragen auf:
    Wie seine angeblich unter Druck unterschriebenen Erklärung (mit 18 warum) in der er den Einmarsch des W Paktes in Prag gut heisst, oder wie er mit 18 studieren durfte ohne vorher seinen Grundwehrdienst abgeleistet zu haben (Zusammenhang?), dann zwei tote Jahre zwischen Studienabschluss und Anstellung bei Humboldts inklusive Rausschmiss und Wiedereinstellung an einem anderen Institut. Das er es dann ohne Systemnähe in eine Leitungsposition schaffen konnte, ist auch spannend.

    Die Causa Merkel scheint viele die sich und ihre Vergangenheit als sicher wähnten aufgerüttelt zu haben, denn sollte diese sich ausweiten, könnte es für nicht wenige Familien noch eng werden. Viele DDR Bürger kennen Personen, die zu DDR Zeiten willige Instrumente der SED waren und sich nach der Wende als Widerstandskämpfer stilisierten und dann in gute Manier und mit dem notwendigen Netzwerk, welches nach der Wende bestens funktionierte, da die Personen in den Ämtern meist nicht ausgetauscht wurden, wieder wichtige Positionen besetzt haben.

    Der Einwurf erinnert an die Causa Schavan und wie sich auf einmal alte Weggefährten für sie eingesetzt haben.

    • mussec
    • 14. Mai 2013 15:13 Uhr

    Ich denke auch nicht, dass Angela Merkel unbedingt eine negative Vergangenheit haben muss.

    Allerdings finde ich es erstaunlich, wie hier mit zweierlei Maß gemessen wird.
    Ich erinnere mich noch gut an das, was man Gregor Gysi alles vorgeworfen hat.

    88 Leserempfehlungen
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    ... bis zu Mandantenverrat (sollten sie denn stimmen) sind ja wohl mit einem FDJ-Pöstchen kaum vergleichbar. Hier musste man nachfragen und sollte weiter nachfragen. Dagegen ist verständlich, wenn man schon das Pech hat, in einer Diktatur aufzuwachsen, dass man sich irgendwie mit dem gesellscghaftlichen System arrangiert.

    Zwischen Widerstandskämpfern, Unbelasteten, Mitläufern und Haupttätern gibt es nunmal Unterschiede, die von der Partei "Die Linke" gern nivelliert werden.

    • bierus
    • 14. Mai 2013 19:21 Uhr

    Frau Merkel war kein IM. Und hat auch niemanden denunziert. Und war nicht wie Herr Gysi in der SED.

    ist der, dass Gregor Gysi hochrangiger Funktionär in der Nachfolgeorganisation PDS der Unterdrückerpartei SED wurde, damit also bewiesen hat, dass er nicht einmal was dazugelernt hat, während Angela Merkel mit ihrem Eintritt in die CDU wohl deutlich genug gezeigt hat, wie wenig sie sozialistische Hirngespinste verinnerlicht hatte.

  6. Merkel habe eine typische DDR-Biographie. Die Debatte um ihre FDJ-Zeit sei geprägt von westdeutscher Unwissenheit.

    Ja wenn es um Politiker aus dem rechten Spektrum geht wie Frau Merkel, dann ist es die westdeutsche Unwissenheit. Geht es um linke Politiker wie Gysi, kann es garnicht ideologisch und unwissend genug sein. Unrechtsregime, Mauer wieder aufbauen, Ex-SED...

    Aber wissen ja wie es läuft. Die Teflonschicht hält was sie verspricht. Dass es auch eine Ost-CDU gab,die Teil des Systems war, interessiert doch nur am Rande. Immerhin hat man mit der SEDPDSLINKE eine oprimale Projektionsfläche für alles was schlecht war da drüben.

    70 Leserempfehlungen
    • Pnin05
    • 14. Mai 2013 15:22 Uhr

    Danke für diesen fairen Artikel als politischer Gegner! Diese Position teile ich mit Ihnen, aber die Dame jetzt derart dümmlich niederzumachen, wie es teilweise medial geschieht, ach ja...

    Als Wessi, der allerdings viel Zeit in Ostarchiven verbracht hat, kann ich nur zustimmen: die meisten Leute haben keine Ahnung, wie hoch Anpassungsdruck und Konformitätsstreben waren. Aber: sie haben auch keine Ahnung, wie man sich widersetzen konnte. Und das wäre die spannende Frage. Das ist kein Vorwurf in Richtung Merkel, sondern nur eine Feststellung. Möglich war das schon, aber oft zu einem enormen Preis. Ich bin nicht befugt, hier zu urteilen. Aber das übernehmen sicher andere Forumsbesucher.

    15 Leserempfehlungen
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    9. @ werner Schulz
    Danke für diesen fairen Artikel als politischer Gegner!
    --------
    Wer sagt das Werner Schulz als "politischer Gegner" agiert ?

    Im Herbst sind wahlen.
    Sollten für SPD und Grüne die Mehrheit für eine Regierungsbildung nicht ausreichen und die FDP vllt. den Einzug nicht schaffen, wäre es doch vermessen, wenn sich die Grünen den Weg als möglicher Regierugspartner nicht offen halten würden.
    Also getreu dem guten Ton; schicken wir mal einen Aussenseiter zwecks O-Ton gelabbere nach vorne.

    Darf ich fragen:
    Haben Sie auch protestiert, als Gregor Gysi medial “derart dümmlich” wegen DDR-Vergangenheit niedergemacht wurde?

    Ich bin immer etwas empfindlich, wenn irgendwo mit zweierlei Maß gemessen wird, müssen Sie wissen.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Angela Merkel | Grüne | FDJ | Akademie der Wissenschaften | DDR | Forum
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