Die Fernspäher gehören zur Elite der Bundeswehr. Sie sickern in kleinen Gruppen in das Hinterland des Gegners ein, bauen sich getarnte Unterstände und beobachten – wenn nötig tagelang – einzelne Zielobjekte. Ihre Fähigkeiten werden in Afghanistan ebenso gebraucht wie in den kommenden Auslandsmissionen. Doch die Aufgaben der Fernspäher müssen bald vielleicht andere Spezialeinheiten übernehmen. Denn die Truppe stehe personell am Anschlag, hört man aus Verteidigungskreisen. Und mit der Bundeswehrreform solle die Sollzahl dieser Spezialisten weiter sinken: Die Fernspählehrkompanie 200, die letzte noch verbliebene Kompanie, soll aufgelöst werden.

Nicht nur die Fernspäher sind von der Reform betroffen. Gespart werden muss fast überall. "Breite statt Tiefe" ist der Slogan der Reform von Thomas de Maizière. Der Bundesverteidigungsminister gab am Donnerstagmorgen eine Regierungserklärung ab und verteidigte den Umbau der Truppe. Es gehe bei der Neuausrichtung um eine Reform aus einem Guss, sagte de Maizière. Es sei bei aller Kritik notwendig, dass alles gleichzeitig auf den Prüfstand gestellt werde.

Grundsätzlich sollen jedoch fast alle Fähigkeiten der Truppe erhalten bleiben – in reduziertem Umfang. So werde es weniger Artillerie-Bataillone und Geschwader geben. Und auch die Marine wird deutlich kleiner. Dennoch soll die Bundeswehr mit der wohl radikalsten Reform seit ihrer Gründung 1955 schlagkräftiger werden.

In der 90-minütigen Aussprache im Parlament, die der Regierungserklärung folgte, griffen Politiker der Opposition den Minister wegen der Reform, aber vor allem wegen des misslungenen Drohnen-Projekts Euro Hawk an. Die Verteidigungsexperten von SPD und Grünen hatten de Maizières Pläne von Anfang an mit großer Skepsis begleitet.

Dass mit weniger Geld und weniger Personal nicht unbedingt eine höhere Schlagkraft erreicht werden kann, darauf weist die Opposition zu Recht hin. 8,3 Milliarden Euro sollten – auch mit der Reform – ursprünglich im Verteidigungshaushalt eingespart werden. Dabei kosten Reformen zunächst immer Geld, bevor sie zum Sparen beitragen können. Das zeigen viele Beispiele bei der reformgeplagten Bundeswehr – aber auch bei Partnerstreitkräften.

Abstimmung mit europäischen Partnern versäumt

Obwohl in ganz Europa die deutschen Verbündeten ihre Armeen reformieren, macht die Bundesrepublik einen nationalen Alleingang. Frankreich und Großbritannien arbeiten mittlerweile beim Stolz ihrer Flotten zusammen: bei den Flugzeugträgern. Deutschland nimmt nicht an dieser Kooperation teil. Auch Polen, die Niederlande und Norwegen arbeiten an Plänen zur Neuordnung ihrer Strukturen. Die Regierungen haben verpasst, ihre Reformen aufeinander abzustimmen. Dabei steht fest, dass viele mittelgroße Länder künftig nicht mehr alle Fähigkeiten bereitstellen können. Die Niederlande haben das erkannt und schaffen ihre Kampfpanzer-Verbände ab, Seefernaufklärer gaben sie auf. Auch die Bundeswehr hätte nicht alle Fähigkeiten behalten müssen. Lücken könnten durch Kooperationen in der Nato oder der EU geschlossen werden – "Pooling & Sharing" nennt das die Nato.

"Pooling & Sharing bietet die Möglichkeit, Fähigkeiten in der Nato vorzuhalten, die einzelne Staaten sich nicht mehr leisten können", stellte auch bereits Kanzlerin Angela Merkel vor Offizieren fest. Doch für ein Land wie Deutschland, die größte Volkswirtschaft Europas, gebe es die Verpflichtung zur Vorhaltung eines breiten Fähigkeitsspektrums. "Die Leitlinie Breite vor Tiefe ist daher ein ernst gemeintes Kooperationsangebot, um als Anlehnungspartner unserer sicherheitspolitischen Verantwortung innerhalb der Allianz gerecht zu werden."

Doch mit dem Konzept Breite statt Tiefe konnten die Kanzlerin und ihr Verteidigungsminister nicht überzeugen – die Gegner sitzen nicht nur in den Reihen der Opposition. Auch in der Truppe finden sich wenige Fürsprecher, und selbst in der Union sind einige prominente Köpfe wenig begeistert von der Entwicklung der Bundeswehr. Volker Rühe etwa, unter Kohl selbst Verteidigungsminister, kritisierte seinen Nachfolger. Eine Umfrage des Bundeswehrverbandes ergab zudem, dass fast 90 Prozent der militärischen Führungskräfte eine Nachbesserung der Bundeswehrreform fordern.