FDP-Parteitag : Liquid Democracy, Herrschaften!

Politik wird auf Parteitagen gemacht. Oder vielleicht doch eher an der Hotelbar? David Hugendick über einen Abend in Nürnberg, der die Fünf-Prozent-Hürde locker schafft.
Eine Frau in einer Bar ©Reuters/Vivek Prakash

Vielleicht ist Edward Hopper doch schuld. Vielleicht war es sein Gemälde Nighthawks, weswegen der einsame Mann an der Bar sich so hartnäckig als Held unserer modernen Zeiten hält, als Ausdruck von trotziger Erhabenheit, umwölkt von schlecht beleuchtetem Alleinsein, einen Drink auf dem Tresen, denn was man hat, das hat man. In Wirklichkeit ist es so, dass erstens dieses Bild häufig als Poster in städtischen Einrichtungen hängt, die Hoppers Gestalten irgendwann aufsuchen müssten. Zweitens heißt allein an der Bar eben allein an der Bar, gleichviel ob dazu ein livrierter Pianist live Für Elise spielt oder ein Niedriglohnorchester auf CD. 

Im Wesentlichen ist Treseneinsamkeit meist ein ziemlich trüber Zustand, der desto trüber wird, je öfter der Barkeeper fragt: Noch einen? Was ja auch eine Kulturtechnik ist. Und sie gilt gleichermaßen in New York wie in, sagen wir, Nürnberg. Mit dem Unterschied, dass in New York die Restchance auf einen Moment besteht, der später mit Susan Sarandon und Richard Gere immerhin verfilmt werden könnte. In Nürnberg, kurz nach acht am Abend, an der Bar des Grand Hotels, wartet man einzig auf die FDP.

Draußen rauschen schwarze Politikerfluchtwagen heran oder davon, drinnen hinter der Bar reihen sich im Art-Déco-Furnier stolz die bunten Flaschen, deren Inhalt die Fünfprozenthürde bei Weitem übersteigt. Hildegard Knef habe hier schon Cocktails getrunken, Loriot und Hans Albers, die Bar ist in Nürnberg weltberühmt. Mindestens so wie die Dinge, die sich zwischen Politikern und Journalisten an solchen Orten abspielen sollen. Und gemeint sind nicht die liberalen Ratschläge bayerische Trachten betreffend und anderes höhlengereiftes Benehmen jungen Frauen gegenüber, das kürzlich für Ärger sorgte. 

Stau in den Gremien

Gemeint sind die sogenannten Gespräche unter drei, mit denen Journalisten hinterher in der Zeitung investigativ angeben, wenn sie dem Leser zuraunen: aus gut informierten Kreisen ist zu hören. Nun schön: Wenn denn erst mal überhaupt jemand käme. Oder schlafen die alle schon? Offiziell heißt es, die Herrschaften säßen noch "in den Gremien", was ja immer nach Papierabfertigungsstau klingt, nach mürben Keksen und Filterkaffee, den man mit Zentralkomiteemiene anstarrt, bis er schwarz wird. Ein Gast fragt nach einer Weile, ob man wenigstens den Westerwelle schon gesichtet hätte. Nur so, er würde den gern mal in echt sehen.  

–       Würden Sie den denn wählen? 
–       Weiß nicht. Und sind Sie extra wegen dieses Abends hier?
–       Ja.
–       Journalist aus Berlin?
–       Hmhm.
–       Auch nicht mehr viel los dort, was?

Ab und zu kommt ein Herr in Anzug an den Tresen, offenbar der Serviceleiter, und guckt in den Nebenraum: Stehtische, Nüsse in Silberschalen in Ampelkoalition drapiert, rot, gelb, grün. Sogar Bilder hängen, ein bisschen rotes Gerhard-Richter-Chaos, wie man eben heute dekorativ malt. Liegt's womöglich auch an den Bildnamen, dass noch niemand da ist? Eines heißt Red Storys, ein anders Abyss, also Abgrund. Dauerleihgabe des Museums, da kann man nichts machen.

Wie müsste ein Partyraum eigentlich FDP-gerecht geschmückt werden? Vor der Tür Kies, auf dem man knirschend vorfährt? Kellner mit Falcofrisuren? Cocktailgläser mit Knickhüfte wie in diesen Stahl-und-Glas-und-Schulterpolster-Bars der Neunziger? Eintritt nur für Leute mit eigenem Jagdschloss und besenreiner Kinderstube? Kann sein, dass das mit dem allseits beklagten Profilverlust der FDP zu tun hat, warum einem nur so was dazu einfällt. Oder einfach weil um 20 nach zehn noch immer niemand da ist, der es besser wüsste. Im vorläufigen Wahlprogramm steht zum Beispiel: soziale Marktwirtschaft stärken, Mittelstand festigen, Kalte Progression stoppen. "Dafür treten wir ein. Dafür treten wir an." 

Es soll noch krachen

Immerhin Entwarnung, was den lauwarmen Fortgang des Abends betrifft: Die Liberalen säßen noch bei einem Fundraising-Dinner, Funraising dann später hier. Es solle noch "krachen", heißt es bei den Tresenkräften. Obwohl am nächsten Morgen Parteitag ist, sogar außerordentlicher. Oder gerade deshalb. Beinahe Wahlberechtigte nennen das: Vorglühen. Und warum auch nicht. Als ob das bei den Grünen anders zuginge. Als ob das überhaupt anders ginge. Politik und Alkohol sind zwei Dinge, die sich offenbar blendend miteinander vertragen. Und wen das stört, der kann ja aus Notwehr in die AfD eintreten.

Die Dialektik zwischen Politik und Promille kennt man nicht erst seit den Journalistenschnurren über Franz-Josef Strauß und angeblich angetüterten Helikopterflügen, sondern seit der Antike. Seit Alexander dem Großen, der in Trinkgelagen seine Mitstreiter aussuchte. Seit Friedrich August II., dessen Herrscherhaus das "Feiern mehr oder weniger zur Staatsräson gemacht hat", wie Peter Richter in seinem großartigen Buch Über das Trinken kürzlich feststellte.  

Natürlich möchte man sich nun nicht unbedingt vorstellen, dass die griechische Agora womöglich weniger nach frisch gezupftem Lorbeer roch, sondern vermutlich eher wie ein Pfandflaschenautomat kurz vor Feierabend. Aber wären nicht erst die Piraten drauf gekommen, hätte man Liquid Democracy auch anders interpretieren können.

Nüchtern betrachtet ließe sich sagen, wie wohltuend das freundlich gedämpfte Bar-Adagio doch ist, verglichen mit den Hochdruckstimmen, die auf Parteitagen und Talkshowsesseln parteiübergreifend herumzetern. Was tags darauf wahlweise "klare Kante" heißt oder "harsch/massiv/heftig kritisieren".    

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Kommentare

24 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Mathematik......

Wenn ich Sie darauf aufmerksam machen kann, war es die FDP, die bei der Wiedervereinigung Mist verzapft hat. Unter der Mitregierung der FDP sind die größten Schulden gemacht worden.

Und zur Mathematik in der Ökonomie:

Wenn man nichtmal das Geldsystem begreift, können Sie auch so viele Rechenmodelle erstellen, man wird immer scheitern. Im Übrigem gehört zur Ökonomie mehr Sozialwissenschaft, als Mathematik.

Man kann zu Andreas Popp z.B. stehen wie man will, aber hier hat er den passenden Ausschnitt gewählt:

http://www.youtube.com/wa...

Schuldenabbau durch Wachstum bekämpfen......

Unser Geldsystem basiert auf Schulden, diesbezüglich nennt man es auch Kreditsystem oder Schuldgeldsystem. Wachstum kann nur durch Schulden erfolgen. Um diese Gleichhung zu begreifen, muss man nichtmal ein Mathematikgenie sein.

@ Philosophen können KEINE Mathematik

Sie offenbar auch nicht.

Wenn Sie für 90% (von WAS eigentlich? Familien? Haushalte? Personen? Natürliche oder juristische?) Steuern senken, und für die restlichen 10% (von WAS....auch immer...) Steuern nicht erhöhen, haben Sie bei gleich bleibenden Ausgaben weniger Geld für den Staat zur Verfügung - welcher sich jetzt schon verschulden muss, um seine Aufgaben zu erfüllen.
Und für diesen trivialen Fall wollen Sie auch noch GAUSS bemühen???

Angie als Physikerin beherrscht vermutlich die Grundrechenarten...

P.S: Eine Grafik OHNE Beschriftung oder Erklärung besitzt keinerlei Aussagekraft (jaja, die nicht näher definierten Abkürzungen, ne, is klar).

Vielleicht liegts am IQ

"An der Hotelbar oder beim Hummeressen sitzen doch rote, grüne und extremrote Parteifunktionäre ebenfalls, wie auch alle in ihren rot-grünen Landesregierungen ebenso Vetternwirtschaft betreiben."
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Das stimmt, aber wenn man das immer und immer wieder nur bei einer Partei schreibt, lässt sich so ein gewisses Stigma etablieren. Ist doch schlau gemacht, der Großteil der Bevölkerung merkt das nicht. Vielleicht liegts am IQ