Jürgen Trittin : "Die SPD distanziert sich von sich selbst"

Grünen-Spitzenkandidat Trittin ist unzufrieden mit dem Wunsch-Koalitionspartner SPD. Im Interview wirft er SPD-Chef Gabriel Schwächen im Kampf für mehr Gerechtigkeit vor.

ZEIT ONLINE: Herr Trittin, was reitet die Grünen, ihren guten Lauf durch einen Haufen Steuererhöhungen in schlechte Laune zu verwandeln?

Jürgen Trittin: Der gute Lauf hält an. Wir haben in allen Umfragen nach dem Parteitag zugelegt. Wichtiger noch: Auch wo die Leute konkret nach unserem Programm gefragt worden sind, gab es diese Zustimmung. Die Mehrheit in diesem Land möchte ein gerechteres Steuersystem. Die Leute wollen nicht, dass unsere Infrastruktur immer weiter zerfällt, dass zu wenig für Bildung ausgegeben wird. Und die übergroße Mehrheit wird nach unseren Vorstellungen ja auch entlastet.

ZEIT ONLINE: Sie selbst sind innerhalb der letzten Woche wieder zum Public Enemy geworden, der uns alle umerziehen will. Ärgert Sie das nicht?

Trittin: Nur weil mich Herr Rösler zum Räuber Hotzenplotz erklärt, bin ich noch kein Public Enemy. Wer Politik für seine Klientel machen will, dem fällt offenbar nicht mehr so richtig viel ein. Dann unterläuft es ihnen, dass sie einem auch noch ein Kompliment machen: Alle Menschen, die mal Kinder waren, finden den Räuber Hotzenplotz eigentlich ganz okay, anders als den einfältigen Wachtmeister Dimpflmoser. Und wenn die FDP sich gefällt in der Rolle des Dimpflmoser, dann soll mir das recht sein.

ZEIT ONLINE: Staatsfixiert, gleichmacherisch, wirtschaftsfeindlich, bevormundend – die Grünen stehen jetzt wieder da wie vor dreißig Jahren. War es das wert?

Trittin: Dieses Zerrbild wird von denen verbreitet, die von Jahrzehnten der ständigen Entlastung ihrer Vermögen profitiert haben, die den Weg in die Verschuldung vorangetrieben haben – dass die jetzt nicht begeistert sind, wenn sie ihren gerechten Beitrag zur Finanzierung von Gemeinschaftsaufgaben leisten sollen – das wundert mich nicht.

ZEIT ONLINE: Sie wollen aber mit Ihrem Steuerkonzept nicht nur die Verschuldung abbauen, sondern neue Sozialleistungen finanzieren, wie die einkommensunabhängige Kindergrundsicherung.

Trittin: Die Vermögensabgabe geht in den Schuldenabbau, und sonst nirgendwo hin. Das baut 100 Milliarden Staatsschulden ab. In dem Gesamtpaket sind Investitionen von über 20 Milliarden in Bildung, in die Energiewende, Entlastung von Ländern und Kommunen enthalten. Die direkten Sozialtransfers, Garantierente, mehr Geld für arme Kinder und das höhere ALG II, machen zusammen dagegen gerade mal sechs Milliarden aus, also den kleineren Teil unseres Finanzkonzepts.

ZEIT ONLINE: Die SPD scheinen Sie damit nicht überzeugt zu haben. Sigmar Gabriel distanziert sich von Ihren Plänen.

Trittin: Kaum fängt der Wahlkampf an, wirft sich Sigmar Gabriel in die Furche und versucht vergessen zu machen, dass auch die SPD einen höheren Spitzensteuersatz will. Dass sie, wie wir, für eine höhere Besteuerung von Vermögen ist. Und dass auch sie das Ehegattensplitting nicht etwa nur abschmelzen will, sondern für junge Ehen abschaffen. Wenn er so weitermacht, wird der Kampf um mehr Gerechtigkeit in dieser Gesellschaft eines Tages ohne die SPD gekämpft werden.

ZEIT ONLINE: Nachdem die Grünen lange so froh über das Etikett des Bürgerlichen waren, konkurrieren Sie jetzt mit der SPD darum, wer linker ist?

Trittin: Ich konkurriere nicht um irgendwelche Etiketten. Wir wollen mehr Gerechtigkeit. Das kann man links nennen, weil es solidarisch ist. Man kann es wertkonservativ nennen, weil es solide ist und nicht auf Pump finanziert werden soll. Es geht den Grünen um den Umbau dieser Gesellschaft. Man darf den Menschen also nicht versprechen, dass alles so bleibt wie es ist, und wir höchstens hier und da ein bisschen was drauf packen.

ZEIT ONLINE: Schwingt sich die SPD auf diese Weise schon auf eine große Koalition ein?

Trittin: Die SPD distanziert sich vor allem von sich selbst. Sie können sich nicht mal einigen, ob der Beschluss der SPD für Tempo 120  schon in diesem Wahlkampf oder erst bei der nächsten oder übernächsten Wahl gilt. Und eine Orientierung für mehr Gerechtigkeit gibt es nur mit Rot-Grün. Das Beibehalten der alten Ungerechtigkeiten – das kann man mit Merkel haben.

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Kommentare

196 Kommentare Seite 1 von 20 Kommentieren

Damit können sie mittlerweile...

"Ich brauche eher Ärzte und Zahnärtze "... die Straße pflastern. Was meinen sie warum es mittlerweile einen regelrechten Kampf um Praxiszulassungen gibt? Wer bezahlt diese, im Grunde genommen, überflüssigen Ärzte - Zahnärzte? Bitte nicht falsch verstehen. sie werden dringend gebraucht, auch in ausreichender Anzahl, nur haben wir, wie es der "freie Markt" ja fordert, mal wieder eine Blase aufgebaut, wo wir jetzt nicht wissen wie damit umgehen. Was die Theologen und Philosophen betrifft, wer studiert dies den heute noch mit dem Hintergrund, sich darauf eine Existenz aufbauen zu können. Ich wüsste keinen!