Ralf Georg Reuth : Merkel-Biograf fühlt sich missverstanden

Ralf Georg Reuth wehrt sich gegen den Vorwurf, er habe der Kanzlerin Nähe zum SED-System unterstellt. Auch andere Merkel-Biografen halten dies für unsinnig.

Der Autor der umstrittenen neuen Angela-Merkel-Biografie, Ralf Georg Reuth, fühlt sich von der Öffentlichkeit grundlegend missverstanden. "Da schreibt man mit dem Kollegen ein ganzes Buch, und die Öffentlichkeit beschäftigt sich mit der banalen Frage, ob Angela Merkel einst Sekretärin für Agitation und Propaganda war oder nicht", sagte Reuth der ZEIT.

Reuths Buch Das erste Leben der Angela M. hatte in den vergangenen Tagen heftige Debatten ausgelöst, weil er darin gemeinsam mit einem Koautor den Eindruck erweckt, die heutige Kanzlerin habe einst dem SED-System näher gestanden als bisher bekannt. Seine Biografie, sagt Reuth, habe aber vor allem das Ziel, Merkel "in ihre Zeit" zu stellen. "Das ist meines Erachtens das Interessante an dem Buch – und nicht etwa die Frage, ob sie Sekretärin für Agitation und Propaganda war", sagte Reuth.

Gleichzeitig widersprechen in der ZEIT mehrere maßgebliche Merkel-Biografen der Deutung, die Kanzlerin habe vor 1989 übermäßig systemkonform gelebt. So verteidigt die Publizistin Jacqueline Boysen die Bundeskanzlerin: "Sie lebte, wie viele DDR-Bürger, in einer immer wieder neu austarierten Balance zwischen eigenem Willen und Anpassung", sagte Boysen, die 2001 eine der ersten Merkel-Biografien veröffentlicht hatte.

"Fundamentales Ost-West-Unverständnis"

In der Debatte um Merkels Vita sehe sie ein "fundamentales Ost-West-Unverständnis, das immer wieder aufbricht". Auch die Merkel-Biografin Evelyn Roll meldet sich in der ZEIT zu Wort: Die heutige Kanzlerin sei in ihrer DDR-Zeit "skeptisch, westsehnsüchtig bis resigniert, aber arrangiert" gewesen, "so wie sehr viele, die das Pech hatten, im Osten aufzuwachsen", sagt Roll.

Der stellvertretende Bild-Chefredakteur Nikolaus Blome, der kürzlich das Merkel-kritische Buch Angela Merkel – Die Zauder-Künstlerin veröffentlicht hat, nimmt die CDU-Vorsitzende ebenfalls in Schutz: "Unterm Strich zählt, dass sie niemandem geschadet hat, der sich andernfalls in den letzten 20 Jahren beklagt hätte."

DIE ZEIT hatte die zehn führenden Biografen Angela Merkels zu ihrer Sicht auf die aktuelle Debatte befragt. "Alles, was zurzeit über Merkels Vergangenheit in Umlauf kommt, ist aufgewärmte Soße", urteilt der Merkel-Kenner Stefan Kornelius. Der frühere Bürgerrechtler und Grünen-Politiker Werner Schulz hatte die Vorwürfe bei ZEIT ONLINE als "von westdeutscher Unwissenheit" geprägt bezeichnet.

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Kommentare

42 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

ÜBERSCHRIFT

"Angela Merkel war eben keine Freiheitskämpferin."

Ist das eine notwendige oder hinreichende Bedingung? Für was?
Große Worte gewählt, aber wozu? Wer war denn ein Freiheitskämpfer, der mal Bundeskanzler wurde? Menschen, die in Dt. Karriere gemacht hatten, obwohl sie in einem vorherigen, wesentlich rigoroseren und menschenverachtenden Regime Rang und Namen hatten, haben trotzdem eine reife Karriere im Nachkriegsdeutschland hingelegt. Hat diese je einer danach gefragt, was vorher war? Und hier stellt man ganz nonchalant fest, dass Angela Merkel, die "angepaßte Bürgerin" war. Sozusagen durchs Leben "mä(e)anderte" (nette Ironie, oder?)? Manche Leute, die solche Worte und Vergleiche bemühen, sollten froh sein, vielleicht selbst keine Auskunft darüber geben zu müssen, was sie so alles zu verantworten hätten, wenn sie denn selbst in einer ähnlichen Lage gewesen wären. Aber da war die Historie eben gnädiger. Da geht so ein Satz auch viel lockerer weg.

"Damit ist sie in der CDU wie damals in der SED in der richtigen Partei."

In diesem Satz haben Sie leider nicht ganz so nonchalent verpackt, was suggerieren könnte, dass sie in der SED war, was eben auch leider nicht der Wahrheit entspricht. Aber was solls? Wenn man schonmal dabei ist Bewertungen obiger Qulaität abzuliefern, dann ist der Rest auch egal.