Mit dieser Frage hatte die Bundeskanzlerin nun wirklich nicht gerechnet. Sie reißt die Augen weit auf und schaut verdutzt, vielleicht auch entsetzt. Was einen Mann für sie attraktiv mache, möchte die Chefredakteurin der Zeitschrift Brigitte wissen. Angela Merkel legt eine Kunstpause ein. Soll sie sich auf so etwas einlassen? Sieht so aus. "Schöne Augen", sagt sie. Mehr nicht.

Politiker reden nicht gerne über Privates. Sie wollen sich auch nicht zu sehr öffnen, es könnte sie angreifbar machen.

So heißt es doch gemeinhin. Die Zuschauer im Berliner Maxim Gorki Theater wollen aber genau das, die Person hinter der Politikerin kennen lernen. Die Frau, die sich zuletzt bei Frauenthemen sogar parteiinternen Ärger einhandelte.

Eingeladen zu der Gesprächsreihe "Frauen wählen!" hat die Brigitte. Sahra Wagenknecht (Linke) und Katrin Göring-Eckardt (Grüne) waren schon dran. Andrea Nahles (SPD), Claudia Roth (Grüne) und Ursula von der Leyen (CDU) sollen folgen. Und Angela Merkel?

Am Montagmorgen zuerst aufstehen

Die spielt tatsächlich mit. Erzählt ein bisschen von ihrem Physikerinnendasein, in dem sie mehr Zeit zum Schweigen hatte, von ihrer "uckermärkischen Verstocktheit", die ihr nach der Wende in Kalifornien ausgetrieben wurde. Und dass sie sich ärgere, wenn sie in Gesprächen oft dazwischenplappert. Damit kriegt sie das Publikum, sie kriegt es auch zum Lachen. Was macht eine Kanzlerin zuerst am Montagmorgen, lautet die Frage. "Aufstehen" Merkels Antwort. "Cool" die Reaktion einer Zuschauerin.

Ja, die Kanzlerin ist schlagfertiger geworden in den vergangen Jahren. Nur wenn es um sehr persönliche oder vermeintlich konfliktträchtige Fragen von der Brigitte oder den Zuschauern geht, zögert sie länger und denkt nach. Ob eine Frau mit kleinen Kindern wohl auch ihren Posten ausüben könnte? Pause. "Ist nicht ganz einfach", sagt Merkel. Verpflichtungen könnten sich überschneiden, die Abstimmung mit dem Partner müsse schon ziemlich gut sein. Die Worte kommen langsam – nicht Merkels Lieblingsthema.

Nicht ganz zerstörungsfrei

Manchmal wird ihr vorgeworfen, sie sei zu kühl; unnahbar. So knapp sie ihre privaten Ausführungen im vollen Theater hält, so detailliert und nüchtern erzählt sie von der Griechenland-Rettung, der Wirtschaftskrise, der Jugendarbeitslosigkeit oder dem demografischen Wandel.

Eine Frau im Publikum stöhnt und flüstert ihrer Nachbarin etwas zu: "Über sich und unsere Bedürfnisse redet sie nicht so viel."

Merkel und die Frauen: Obwohl sie bei Wählerinnen recht beliebt ist, verläuft diese Beziehung dennoch nicht ganz störungsfrei, zuletzt hat das die Diskussion um die Quote gezeigt. Und auch an diesem Abend scheint die Kanzlerin ihr Publikum für einen Moment zu irritieren. "Heutzutage hat es ein Mann nicht mehr von Hause aus einfacher als eine Frau", sagt Angela Merkel. Ganz wenige Gäste klatschen. Es waren nur wenige Männer gekommen.

Erschienen im Tagesspiegel