Die Angeklagte Beate Zschäpe mit ihren Anwälten Anja Sturm, Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer © Pool New/Reuters

Plötzlich ist Ruhe. Keine Anträge mehr. Keine Wortgefechte. Es ist das Verfahren, das sich die Nebenkläger im Münchner NSU-Prozess gewünscht haben. An Tag vier macht der größte deutsche Prozess gegen rechten Terror einen deutlichen Fortschritt, und das ohne jede Eile. Beate Zschäpe hat gelassen zwischen ihren Anwälten Platz genommen, auch für ihre Mitangeklagten Ralf Wohlleben, André E., Holger G. und Carsten S. wird der tägliche Einzug in Saal A101 offenbar zur Routine.

Der letzte Verhandlungstag vor einer planmäßigen Sitzungspause von zwei Wochen beginnt erstmals nicht mit einer eiligen Wortmeldung von Zschäpes Verteidiger Wolfgang Heer. Stattdessen verteidigt sich Bundesanwalt Herbert Diemer gegen die Vorwürfe der Angeklagten-Anwälte vom Vortag. Nachdem sich die Rechtsbeistände erfolglos mit Befangenheitsanträgen an den Richtern abgearbeitet hatten, war er am Mittwoch jäh und heftig in die Kritik geraten.

Wohllebens und Zschäpes Verteidigerteams werfen Diemer und seiner Kollegin Anett Greger vor, sie hätten wichtige Akten unterschlagen, zudem eine Liste mit 129 Menschen aus dem Umfeld des NSU. Das Bundeskriminalamt hatte die Liste in zwei Versionen für den NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestags aufgestellt, bislang war sie ein Geheimnis der Ermittler. Zschäpe-Verteidiger Heer hatte sogar gefordert, Diemer und Greger wegen Befangenheit auszutauschen und den Prozess zu unterbrechen. Der Bundesanwalt lässt sich davon nicht beeindrucken: In die Akten seien eben nur Dokumente gewandert, die "für die Schuld- und Straffrage von Bedeutung" sind. "Uns Willkür zu unterstellen, ist geradezu hanebüchen", sagt Diemer.

Mehr Offenheit von den Vertretern des Generalbundesanwalts wünschen sich allerdings auch einige Anwälte der Nebenklage. Wie die Verteidigung interessieren sie sich für die 129er-Liste, auch wenn Diemer noch einmal beteuert, sie sei für das Verfahren nicht wichtig. Am Schluss der Debatte verspricht er schließlich doch, das Dokument in die Verfahrensakten zu heften.

Gegen seine eigene Absetzung protestiert Diemer vehement – auch, weil ein Staatsanwalt anders als ein Richter nicht wegen Befangenheit geschasst werden könne. Zur Prozessunterbrechung haben er und die drei anderen Staatsanwälte eine klare Meinung: "Selbst wenn wir vier bei einem Verkehrsunfall ums Leben kämen, käme es dem Generalbundesanwalt nicht in den Sinn, das Verfahren zu unterbrechen."

Nach Diemers Zugeständnis gerät einer der Nebenkläger-Anwälte in die Schusslinie: Khubaib-Ali Mohammed, der vom Gericht verlangt, mögliche Betroffene des Kölner Nagelbomben-Anschlags von 2004 über ihre Rechte als Nebenkläger zu informieren. Schon am Vortag hatte Mohammed zugegeben, keinen Kontakt zu potenziellen Opfern zu haben – daher wundern sich die anderen Anwälte, warum sich neun Jahre nach dem Anschlag noch Betroffene melden sollten. Nun will Richter Manfred Götzl wissen, ob Mohammed plane, genau diese Menschen zu vertreten. Der Anwalt, schulterzuckend: "Überhaupt nicht!" Da bricht es aus Reinhard Schön, ebenfalls ein Vertreter von Kölner Keupstraßen-Opfern, heraus: Der Antrag des Kollegen sei "rein spekulativ", schleudert er ihm entgegen. "So eine Unverschämtheit, so eine Dreistigkeit!" Er bittet den Senat, das Thema ad acta zu legen.