NSU-Prozess"Der quetscht die Angeklagten hoffentlich aus"

Angehörige, Kollegen der Toten, türkische Politiker: Endlich beginnt der NSU-Prozess. Vor dem Gerichtssaal sind die Erwartungen an die Richter hoch. von 

"Wegen dem Theo bin ich da", sagt der kleine Mann mit dem hellblauen Kapuzenpulli. "Wir waren Arbeitskollegen, wir haben uns super verstanden. Der Theo hat von meinem Essen probiert und ich von seinem." Der kleine Mann heißt Erich. Seinen Nachnamen will er nicht verraten. Aber Erich und Theo, das sei eine richtige bayerisch-griechische Kollegenfreundschaft im München der Neunziger Jahre gewesen. Das zu sagen, ist Erich wichtig.

Theodoris Boulgarides, 32 Jahre in Deutschland lebend, Angestellter der Deutschen Bahn, später Inhaber eines Schlüsseldienstes in München, wurde am 15. Juni 2005 kaltblütig erschossen. Als Erich hörte, dass sein ehemaliger Kollege tot war, hieß es, den habe offenbar irgendeine ausländische Mafia ermordet. "'Was, den haben sie erschossen?', hab ich gesagt. Hab ich nicht glauben wollen. Ich hätte aber auch nie geglaubt, dass es eine Nazi-Bande war", erzählt Erich.

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Es ist kurz nach sieben, ein kühler Frühlingsmorgen in München. Die Vögel zwitschern. Vor dem Oberlandesgericht ist die Polizei aufgezogen, die Übertragungswagen der Fernsehanstalten stehen schon seit Sonntag da. In Kürze wird das Gerichtsverfahren gegen das einzig überlebende mutmaßliche NSU-Mitglied beginnen. "Ich hoff’, dass den Nazis ein richtiger Prozess gemacht wird", ruft Erich der Gerichtssprecherin Andrea Titz zu, die gerade Fernsehinterviews vor dem Gebäude gibt. Der Vorsitzende Richter Manfred Götzl mache auf ihn einen guten Eindruck, sagt Erich dann noch. "Ich vertrau ihm, der quetscht die Angeklagten hoffentlich aus."

"Uns Türken wollten sie töten"

Was das Vertrauen in den Rechtsstaat angeht, sind andere skeptischer. Ganz vorne in der Warteschlange vor dem Gericht steht Sami Demirel und wartet  –  seit neun Stunden schon. Demirel ist Abgesandter des Münchner Türkenrats, für den er den Prozess beobachten will. "Ich bin hier, weil ich Türke bin. Und weil sie uns Türken töten wollten", sagt der Mann, dessen Hemd unter dem dunklen Anzug trotz durchwachter Nacht keine Falte hat. "Ich bin 35 Jahre in Deutschland", sagt Demirel. "Ich dachte immer, Bayern ist eines der sichersten Bundesländer. Aber sie haben es nicht geschafft uns zu schützen. Vielleicht wollten sie es auch gar nicht? Ich habe viel Vertrauen verloren."

Lisa Caspari
Lisa Caspari

Lisa Caspari ist Redakteurin im Ressort Politik bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Gegen zwei Uhr am Morgen sei es verdammt kalt geworden, erzählt der 51-Jährige. Aber sie seien ja zu zehnt gewesen, vor dem Gericht. Journalisten, die bei der Platzverlosung leer ausgingen und Privatleute, die trotz der begrenzten Platzzahl unbedingt den Auftakt miterleben wollten. "Wir haben nett geplaudert", sagt Demirel. "Und Kaffee getrunken." Immerhin habe es nicht geregnet.

Um kurz nach acht hat er es geschafft. Das Gericht öffnet die Pforten und Demirel darf als einer der ersten das Gebäude betreten. Vorher hat er noch schnell bei der Arbeit angerufen. Ob er heute frei haben dürfe, er stehe jetzt ganz vorne vor dem Gericht. Die Stadtverwaltung München hat nichts dagegen. Demirel bedankt sich überglücklich.

Leserkommentare
  1. ... und zwar so lange und ausführlich, wie es angesichts dieser beispiellosen Mordserie nötig ist. Lassen Sie sich bitte nicht von den ganzen Verharmlosern, Relativierern ("ja, aber die Ehrenmorde...!") und "man wird doch wohl noch mal sagen dürfen"-Sagern irritieren!

    15 Leserempfehlungen
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    [...] Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Vergleiche. Danke. Die Redaktion/kvk

    zu dem KOmmentar oben:
    die "man wird mal noch sagen dürfen" Leute sind eine Gruppe der Gesellschaft, die man sich vermutlich anhören sollte, sofern man pluralistische Demokratie toll findet.
    Und die Gegenfraktion zu obiger Fraktion hat ja den moralischen Hochsitz und findet Demokrtaie gaaaanz toll..dann soltle man sich auch daran halten und zBsp nicht, wie gestern, ein Grüner Abgeordneter geschmacklos twittern,m dass Rösler hätte ermordert werden sollen.
    Dazu Die Generation G und die Pressefreiheit
    http://www.cicero.de/berl...

    [...]

    • Conte
    • 06. Mai 2013 12:47 Uhr

    Entfernt. Die Redaktion/kvk

    dass man in diesem Land Dinge wohl noch wird sagen dürfen, nicht wahr?
    Diejenigen die das despektierlich finden sagen letzten Endes damit nur "das darf man nicht sagen".
    Dabei ist es nicht an Ihnen zu entscheiden, wer was sagen darf sondern innerhalb der strafrechtlichen Schranken darf jeder sagen was er will.
    So darf ich bspw auch sagen, dass man dieser Dame und ihren Komplizen weit mehr Aufmerksamkeit schenkt, als sie verdient hätten.
    Ausserdem sind die Forderungen an das Gericht doch etwas zweifelhaft. Ich frage mich was passieren wird wenn nicht alle die in den Medien durchweg geforderten möglichen Höchststrafen bekommen weil das Gericht meint nach Würdigung aller Tatsachen wäre das nicht gerechtfertigt?

    Wächst dann das Vertrauen in den Rechtsstaat oder schwindet es bei der Zeit? :) Ich vermute, nur eine drastische Verurteilung ohne Ansehen des Rechts kann "das verlorene Vertrauen wieder herstellen"

    • dp80
    • 06. Mai 2013 13:07 Uhr

    " @Zeit-Redaktion: Bitte berichten Sie weiter über diesen Prozess!... und zwar so lange und ausführlich, wie es angesichts dieser beispiellosen Mordserie nötig ist. "

    Natürlich ist eine ausführliche Berichterstattung notwendig. Aber muss es in einen Roman ausarten? ("Es ist kurz nach sieben, ein kühler Frühlingsmorgen in München. Die Vögel zwitschern"). Es geht hier um Fakten, nicht um eine Erlebniserzählung.

    Heute früh lese ich irgendwo einen Bericht darüber, wie die Angeklagte im Gerichtssaal eintrifft. Wie der Gefangenentransport aussieht, welcher Typ Auto dafür verwendet wird. Das interessiert mich nicht und lenkt von den Fakten ab!

    Das Problem dabei ist: Wenn wir jetzt pro Onlineportal täglich fünf solche Artikel lesen, die alle von den Fakten her dasselbe sagen und sich nur in der Beschreibung des Kaffeeautomaten im Gerichtssaal oder der Haarfrisur der Staatsanwältin unterscheiden, stumpfen die Leser ab. Irgendwann liest das kein Mensch mehr.

  2. 2. [...]

    [...] Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Vergleiche. Danke. Die Redaktion/kvk

    zu dem KOmmentar oben:
    die "man wird mal noch sagen dürfen" Leute sind eine Gruppe der Gesellschaft, die man sich vermutlich anhören sollte, sofern man pluralistische Demokratie toll findet.
    Und die Gegenfraktion zu obiger Fraktion hat ja den moralischen Hochsitz und findet Demokrtaie gaaaanz toll..dann soltle man sich auch daran halten und zBsp nicht, wie gestern, ein Grüner Abgeordneter geschmacklos twittern,m dass Rösler hätte ermordert werden sollen.
    Dazu Die Generation G und die Pressefreiheit
    http://www.cicero.de/berl...

    [...]

    15 Leserempfehlungen
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    • Conte
    • 06. Mai 2013 12:53 Uhr

    Brandstifter

    Entfernt. Bitte beachten Sie, dass der Kommentarbereich der Diskussion des konkreten Artikelthemas vorbehalten ist. Danke, die Redaktion/sam

    >Leute sind eine Gruppe der Gesellschaft, die man
    >sich vermutlich anhören sollte, sofern man
    >pluralistische Demokratie toll findet.

    Zur pluralistischen Demokratie gehört auch, dass jeder das Recht hat, sich die Meinungen von Spinnern gar nicht erst anzutun. Sonst würde man ja auch irre werden.

    • Conte
    • 06. Mai 2013 12:47 Uhr
    3. [...]

    Entfernt. Die Redaktion/kvk

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    • Conte
    • 06. Mai 2013 12:53 Uhr

    Brandstifter

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    "Unverzichtbares Kennzeichen von Demokratie, Wissenschaftlichkeit und Intellektualität ist die Redefreiheit. Unterdrückung der Redefreiheit ist Kennzeichen des Totalitären und des Dummen." - Hadmut Danisch

  3. dass Urteilsforderungen gleich welcher Art aus dem Ausland überflüssig sind.

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  4. dass man in diesem Land Dinge wohl noch wird sagen dürfen, nicht wahr?
    Diejenigen die das despektierlich finden sagen letzten Endes damit nur "das darf man nicht sagen".
    Dabei ist es nicht an Ihnen zu entscheiden, wer was sagen darf sondern innerhalb der strafrechtlichen Schranken darf jeder sagen was er will.
    So darf ich bspw auch sagen, dass man dieser Dame und ihren Komplizen weit mehr Aufmerksamkeit schenkt, als sie verdient hätten.
    Ausserdem sind die Forderungen an das Gericht doch etwas zweifelhaft. Ich frage mich was passieren wird wenn nicht alle die in den Medien durchweg geforderten möglichen Höchststrafen bekommen weil das Gericht meint nach Würdigung aller Tatsachen wäre das nicht gerechtfertigt?

    Wächst dann das Vertrauen in den Rechtsstaat oder schwindet es bei der Zeit? :) Ich vermute, nur eine drastische Verurteilung ohne Ansehen des Rechts kann "das verlorene Vertrauen wieder herstellen"

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  5. 7. [...]

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  6. 8. [...]

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