NSU-Prozess : Penibel und langsam, zum Glück!

Der Auftakt in München zeigte gleich, dass das NSU-Verfahren zäh wird. Formale Strenge gehört nun mal dazu. Die Medien sollten trotzdem dranbleiben, fordert H. Wefing.

Ja, so wird es in München weitergehen: langsam, umständlich, voller Verzögerungen. Es wird noch diverse Befangenheitsanträge geben, Unterbrechungen, prozessuale Fingerhakeleien. Der NSU-Prozess, der gestern vor dem Oberlandesgericht München begonnen hat und bereits bis kommenden Dienstag ausgesetzt ist, wird allen Beteiligten, und dem Publikum, jede Menge Geduld abfordern. Wenn das Verfahren nach anderthalb Jahren abgeschlossen wäre, dann wäre das eine echte Überraschung. Wahrscheinlicher, das ein Urteil erst nach zwei Jahren gefällt wird, im Frühsommer 2015 also.

Das kann auch nicht anders sein. Es wird gegen fünf Angeklagte verhandelt, allein Beate Zschäpe werden gut zwei Dutzend schwerste Straftaten zur Last gelegt. Über 600 Zeugen sollen gehört werden, dazu diverse Sachverständige, zudem sind 77 Nebenkläger mit ihren Anwälten zugelassen. Und längst nicht alle von ihnen fahren dieselbe Strategie, auch das deutete sich bereits am ersten Verhandlungstag an, manche werden offensiv agieren, andere wohl eher abwartend und beobachtend.

Alle Beteiligten dürfen und werden Anträge stellen, und zu jedem Antrag dürfen sich alle anderen Beteiligten äußern. Ob die Verteidiger künftig konfrontativ oder kooperativ auftreten werden, ob sie auf Zeit spielen, das wissen sie bislang allenfalls selbst. Die Befangenheitsanträge, die sie gestellt haben, lassen das noch offen, die waren eher ein erstes Abtasten, ein Ausprobieren, ein Test des Gerichts.

Die Erforschung der Wahrheit, oder realistischer: die Annäherung an die Wahrheit, die dieser Prozess leisten soll, ist eine ebenso aufwendige wie komplizierte Sache. Und dieses Verfahren ist keine Konsensveranstaltung, es ist ein Kampfplatz sehr unterschiedlicher, teils existenzieller Interessen: Für die Hauptangeklagte geht es um ein Leben hinter Gittern, für die Angehörigen der Mordopfer um Aufklärung, vielleicht um Vergeltung.  

Nicht Liveticker-Modus-tauglich

Es wird die unendlich schwierige Aufgabe des Vorsitzenden Richters Manfred Götzl sein, den Prozess durch diese extrem gegensätzlichen Interesse zu navigieren, eine zügige Verhandlung durchzusetzen, und dennoch die Rechte aller Beteiligten, vor allem die der Angeklagten, akkurat zu beachten.

Dass das dennoch möglich ist, hat die deutsche Justiz immer wieder bewiesen. Im Prozess gegen den SS-Handlanger John Demjanjuk vor dem OLG München etwa hat der Verteidiger mehr als 500 Anträge gestellt. Jeder einzelne wurde geduldig geprüft. Keiner hatte Erfolg. Und am Ende sprachen die Richter ihr Urteil.

Alle Beteiligten, gerade auch die Hinterbliebenen der Mordopfer, haben immer wieder ihr Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat bekundet, trotz der unfassbaren Ermittlungspannen, trotz der Reibereien im Vorfeld des Münchner Prozesses. Zum Rechtsstaat aber gehört notwendig seine formale Strenge. Seine penible Sachlichkeit. Die prozessuale Umständlichkeit. Der lange Atem.

All das lässt sich nicht im Liveticker-Modus einfangen, es steht quer zu den gewohnten Aufmerksamkeitszyklen. Auch diese Prognose sei deshalb gewagt: Das Interesse an dem Münchner Prozess wird bald ermatten, der Zuschauerandrang stark nachlassen. Das ist bei allen großen Prozessen so, sogar bei den spektakulärsten.

Für die Medien allerdings, die vor Beginn des Verfahrens so vehement für ein Höchstmaß an Öffentlichkeit gestritten haben, wäre es eine Blamage. Das ist das Wenigste, was die Opfer verdient haben: dass wir genau hinschauen. Immer wieder.

Verlagsangebot

Entdecken Sie mehr.

Lernen Sie DIE ZEIT 4 Wochen lang im Digital-Paket zum Probepreis kennen.

Hier testen

Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren