Die zweite Frage bringt gleich auf den Punkt, was die Piraten in ihrer neuen Politischen Geschäftsführerin sehen, in welche Sphären sie sie bereits jetzt heben: "Hast du Angst, dass dich der Personenkult verbrennen könnte?", will ein Pirat von Katharina Nocun wissen, der jetzt neu gewählten politischen Geschäftsführerin der Partei. Da pustet die 26-Jährige einmal tief durch, sagt "puh", und dann ins Mikro: "Das hängt von Euch ab."

Die Piratin, der genau das passiert ist, die auch wegen des Kults um ihre Person nicht mehr im Vorstand der Partei sein will, war Marina Weisband. Auch ihre charismatischen Auftritte waren es, die der Partei im vergangenen Jahr zu ihrem Höhenflug verholfen haben. Viele trauern ihr noch jetzt nach. Deswegen schwebt an diesem Nachmittag im bayerischen Neumarkt unausgesprochen und doch überdeutlich eine Frage im Raum: Ist Nocun die neue Weisband?

Sie selbst will davon nichts wissen. "Ich bin ein eigenständiger Mensch mit einer eigenen  Geschichte", sagt sie unmittelbar nach ihrer Wahl ZEIT ONLINE. Sie sieht sich vor allem als Bürgerrechtlerin, die sich schon seit Jahren gegen die Vorratsdatenspeicherung und Ähnliches engagiert. Dafür ist Nocun auch Themenbeauftragte ihrer Partei.

Sie war Piraten-Spitzenkandidatin in Niedersachsen. Sie steht dort auf Platz zwei der Kandidatenliste für die Bundestagswahl. Obwohl sie ihr Antreten für das Vorstandsamt erst zwei Tage vor dem Parteitag bekannt gab: So ganz aus dem Nichts wie einst Weisband kommt sie nicht. Unter den wichtigen und gut vernetzten Piraten gibt es einige, die ihr schon seit längerem ein höheres Amt zutrauten. Mit dem bayerischen Geschäftsführer der Piraten, dem bekannten Urheberrechtsexperten Bruno Kramm, arbeitet sie schon lange eng zusammen. Kramm warb für sie. Nach der Wahl war er der Erste, der sie umarmte.

Nun ist Nocun plötzlich die neue Hoffnung der Partei. Ihre wohl wichtigste Qualifikation für das Amt ist der Optimismus, den sie ausstrahlt. "Wenn wir einen Schritt zurücktreten, sehen wir Piraten, dass wir eigentlich alle in die selbe Richtung wollen", sagte sie bei Ihrer Bewerbungsrede zu den Streitereien der vergangenen Monate. Ihre Kernbotschaft: "Wir müssen die anderen Parteien vor uns hertreiben!"

Immer wieder sagt sie das an diesem Nachmittag, immer wieder applaudieren die Piraten, euphorisch, befreit. Endlich ist da wieder jemand, dem sie glauben, dass sie noch echte Chancen auf einen Einzug in den Bundestag haben. Etwas, was viele von ihnen eigentlich schon selbst nicht mehr für möglich gehalten haben. "Katta bringt uns bestimmt ein Prozent Wählerstimmen extra", hofft ein ehemaliges Vorstandsmitglied.

In den Hintergrund tritt dabei erst einmal, welche inhaltlichen Konzepte Nocun mitbringt. Ihre Stärke ist bisher die Analyse. Sie sagt zwar: "Wir sind die Partei, die auf die Fragen, die wir noch vor einiger Zeit hatten, jetzt auch Antworten haben." Die Antworten sehen dann aber weit weniger spektakulär aus als der idealistische, beinahe revolutionäre Gestus, mit den sie auftritt und gegen die anderen Parteien wettert. Das Rentensystem will sie vereinheitlichen, als Vorbild nennt sie die Schweiz. Und die Rente und in die Bildung will sie mehr investieren. Dazu müsse man in der Haushaltsplanung Prioritäten setzen. Und wo will sie dann sparen? Da denkt Nocun lange nach, bis sie sagt: "Wir wollen Kapitalerträge besteuern, um die Rente gerechter zu machen." Steuern auf Kapitalerträge, mehr Geld für Bildung: Das wollen auch andere Parteien. "Aber die tun es nicht", entgegnet Nocun.

Die Piraten brauchen Gesichter

Um solche sachpolitischen Alltagsfragen geht es an diesem Freitag aber bei den Piraten noch nicht, das ist nicht Nocuns wichtigste Aufgabe. Viel entscheidender wird wohl sein, ob sie es schafft, der gebeutelten Partei neuen Optimismus vorzuleben – und sie nach außen wieder attraktiv zu machen. Wird sie nun durch die Talkshows tingeln? "Das müssen wir noch besprechen", sagt sie erst. Aber was sie dann sagt, klingt nicht nach medialer Zurückhaltung: "Es gehört ja auch dazu, das, was wir wollen, nach Vorne und Außen zu tragen, auch in Talkshows."

Die Piraten haben erkannt, dass sie Gesichter brauchen, die für sie in der Öffentlichkeit werben. Deswegen haben sie sich gegen die anderen beiden aussichtsreichen Kandidaten für die Ponader-Nachfolge entschieden, die eher nach innen wirken wollten. Nun müssen die kommenden Monate bis zur Bundestagswahl zeigen, ob Nocun die großen, in sie gesetzten Erwartungen erfüllen kann. Bei ihrer Vorstellungsrede war ihr schon anzusehen, wie nervös sie die großen Erwartungen machen. Von "Themen statt Köpfe", dem alten Wahlslogan der Partei, redet an diesem Freitag auf jeden Fall niemand mehr.

Eines sagt Nocun dann doch noch zur Frage, ob sie die neue Marina Weisband ist. Und es sagt einiges über das Selbstbewustsein der neuen Piraten-Hoffnung: Vielleicht werde ja auch eines Tages ein anderer Politiker gefragt: "Sind Sie die neue Katharina Nocun?"