Katharina NocunPlötzlich Piraten-Prinzessin

Eine neue Marina Weisband? Katharina Nocun ist zur Politischen Geschäftsführerin der Piraten gewählt – und damit zur Frontfrau der Partei. Von Lenz Jacobsen, Neumarkt von 

Katharina Nocun, die neue Parteimanagerin der Piraten

Katharina Nocun, die neue Parteimanagerin der Piraten  |  © Lennart Preiss/Getty Images

Die zweite Frage bringt gleich auf den Punkt, was die Piraten in ihrer neuen Politischen Geschäftsführerin sehen, in welche Sphären sie sie bereits jetzt heben: "Hast du Angst, dass dich der Personenkult verbrennen könnte?", will ein Pirat von Katharina Nocun wissen, der jetzt neu gewählten politischen Geschäftsführerin der Partei. Da pustet die 26-Jährige einmal tief durch, sagt "puh", und dann ins Mikro: "Das hängt von Euch ab."

Die Piratin, der genau das passiert ist, die auch wegen des Kults um ihre Person nicht mehr im Vorstand der Partei sein will, war Marina Weisband. Auch ihre charismatischen Auftritte waren es, die der Partei im vergangenen Jahr zu ihrem Höhenflug verholfen haben. Viele trauern ihr noch jetzt nach. Deswegen schwebt an diesem Nachmittag im bayerischen Neumarkt unausgesprochen und doch überdeutlich eine Frage im Raum: Ist Nocun die neue Weisband?

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Sie selbst will davon nichts wissen. "Ich bin ein eigenständiger Mensch mit einer eigenen  Geschichte", sagt sie unmittelbar nach ihrer Wahl ZEIT ONLINE. Sie sieht sich vor allem als Bürgerrechtlerin, die sich schon seit Jahren gegen die Vorratsdatenspeicherung und Ähnliches engagiert. Dafür ist Nocun auch Themenbeauftragte ihrer Partei.

Sie war Piraten-Spitzenkandidatin in Niedersachsen. Sie steht dort auf Platz zwei der Kandidatenliste für die Bundestagswahl. Obwohl sie ihr Antreten für das Vorstandsamt erst zwei Tage vor dem Parteitag bekannt gab: So ganz aus dem Nichts wie einst Weisband kommt sie nicht. Unter den wichtigen und gut vernetzten Piraten gibt es einige, die ihr schon seit längerem ein höheres Amt zutrauten. Mit dem bayerischen Geschäftsführer der Piraten, dem bekannten Urheberrechtsexperten Bruno Kramm, arbeitet sie schon lange eng zusammen. Kramm warb für sie. Nach der Wahl war er der Erste, der sie umarmte.

Nun ist Nocun plötzlich die neue Hoffnung der Partei. Ihre wohl wichtigste Qualifikation für das Amt ist der Optimismus, den sie ausstrahlt. "Wenn wir einen Schritt zurücktreten, sehen wir Piraten, dass wir eigentlich alle in die selbe Richtung wollen", sagte sie bei Ihrer Bewerbungsrede zu den Streitereien der vergangenen Monate. Ihre Kernbotschaft: "Wir müssen die anderen Parteien vor uns hertreiben!"

Immer wieder sagt sie das an diesem Nachmittag, immer wieder applaudieren die Piraten, euphorisch, befreit. Endlich ist da wieder jemand, dem sie glauben, dass sie noch echte Chancen auf einen Einzug in den Bundestag haben. Etwas, was viele von ihnen eigentlich schon selbst nicht mehr für möglich gehalten haben. "Katta bringt uns bestimmt ein Prozent Wählerstimmen extra", hofft ein ehemaliges Vorstandsmitglied.

In den Hintergrund tritt dabei erst einmal, welche inhaltlichen Konzepte Nocun mitbringt. Ihre Stärke ist bisher die Analyse. Sie sagt zwar: "Wir sind die Partei, die auf die Fragen, die wir noch vor einiger Zeit hatten, jetzt auch Antworten haben." Die Antworten sehen dann aber weit weniger spektakulär aus als der idealistische, beinahe revolutionäre Gestus, mit den sie auftritt und gegen die anderen Parteien wettert. Das Rentensystem will sie vereinheitlichen, als Vorbild nennt sie die Schweiz. Und die Rente und in die Bildung will sie mehr investieren. Dazu müsse man in der Haushaltsplanung Prioritäten setzen. Und wo will sie dann sparen? Da denkt Nocun lange nach, bis sie sagt: "Wir wollen Kapitalerträge besteuern, um die Rente gerechter zu machen." Steuern auf Kapitalerträge, mehr Geld für Bildung: Das wollen auch andere Parteien. "Aber die tun es nicht", entgegnet Nocun.

Die Piraten brauchen Gesichter

Um solche sachpolitischen Alltagsfragen geht es an diesem Freitag aber bei den Piraten noch nicht, das ist nicht Nocuns wichtigste Aufgabe. Viel entscheidender wird wohl sein, ob sie es schafft, der gebeutelten Partei neuen Optimismus vorzuleben – und sie nach außen wieder attraktiv zu machen. Wird sie nun durch die Talkshows tingeln? "Das müssen wir noch besprechen", sagt sie erst. Aber was sie dann sagt, klingt nicht nach medialer Zurückhaltung: "Es gehört ja auch dazu, das, was wir wollen, nach Vorne und Außen zu tragen, auch in Talkshows."

Die Piraten haben erkannt, dass sie Gesichter brauchen, die für sie in der Öffentlichkeit werben. Deswegen haben sie sich gegen die anderen beiden aussichtsreichen Kandidaten für die Ponader-Nachfolge entschieden, die eher nach innen wirken wollten. Nun müssen die kommenden Monate bis zur Bundestagswahl zeigen, ob Nocun die großen, in sie gesetzten Erwartungen erfüllen kann. Bei ihrer Vorstellungsrede war ihr schon anzusehen, wie nervös sie die großen Erwartungen machen. Von "Themen statt Köpfe", dem alten Wahlslogan der Partei, redet an diesem Freitag auf jeden Fall niemand mehr.

Eines sagt Nocun dann doch noch zur Frage, ob sie die neue Marina Weisband ist. Und es sagt einiges über das Selbstbewustsein der neuen Piraten-Hoffnung: Vielleicht werde ja auch eines Tages ein anderer Politiker gefragt: "Sind Sie die neue Katharina Nocun?"

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Leserkommentare
    • Pereos
    • 10. Mai 2013 21:03 Uhr

    Da bin ich mal sehr gespannt. Wenn ich die Etablierten Parteien mit ihren immer gleichen Gesichtern sehe(Auch bei der Linke sind Gysi und Lafontaine jetzt auch nicht gerade "neu) und dann die alte Herren Riege der AFD bin ich mal gespannt, was die Generation der 20 Jährigen, deren Mitglied Nocun ist, so zu Stande bringt. Da ist zwar sicherlich vieles nicht perfect oder falsch, aber anderseits sollte man auch mal der Jugend eine Chance geben:) Die muss ja auch darüber aufkommen, was heute und in jüngerer Vergangenheit verbockt wurde.

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    "In dem Video äußern sich Piraten aus aller Herren Länder....

    Kein kritischer Ton aus Griechenland – trotz 64 Prozent Jugendarbeitslosigkeit.

    Keine Kritik aus Spanien – 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit.

    Italien, Frankreich, Irland – kein Wort, dass die EU in ihrer derzeitigen Verfassung das Leben von Millionen Europäern ruiniert.

    Kein Wort über den Mangel an Demokratie in der EU.

    Zypern verwechseln die Piraten vermutlich mit Zytronen.

    Den Vogel schießt, wen wundert’s, der deutsche Sprecher ab. Herr Markus Barenhoff jubiliert vor einem Bürokraten-Palast ganz selig:

    Ich find’s total geil, dass wir auf einem Kontinent leben, wo es so viele unterschiedliche Kulturen gibt (…). Wir haben jetzt das Internet, wir wachsen immer mehr zusammen und kein Mensch braucht mehr nationalistische Kackscheiße wie von der AfD. Also lasst uns zusammen ein geiles Europa bauen.

    Das ist also der neue politische Stil einer Generation, die angetreten ist, um die Politikverdrossenheit zu beenden: Hier sind Arroganz, Kritiklosigkeit und Ahnungslosigkeit in zwei Sätze zusammengefasst. Hier kann man ahnen, wie Menschen werden, wenn sie jahrelanger Gehirnwäsche unterzogen werden und dann per Hartz IV am Laufen gehalten werden."
    http://deutsche-wirtschaf...

    "anderseits sollte man auch mal der Jugend eine Chance geben"
    ----------------------------
    Die Jugend hatte immer eine Chance, sie hat sie nur zu wenig ergriffen. Hoffentlich kommen die jungen Leute jetzt langsam in den Tritt und merken, dass PlayStation spielen, chillen und Meckern alleine nicht ausreichen.

  1. Da ist man doch gespannt, welche Titel die Bilder-Zeitung zusammenreimt, wenn schon DIE ZEIT sich zur Neuen Marina Weisband hinreißen läßt. PiratenBraut? Schneewitchen und die 7 Piraten? Die Presse braucht halt ihr schnuckeilges Spielzeug. Soll sie es haben. Ich schlage vor, die nächste Kanzlerin aus dem Pulk der 10 Next Germany- Top-Modells zu wählen. Am besten im Badeanzug und außer Konkurrenz zur aktuellen Leitung der BRD. Die hat das Schaulaufen ja schon hinter sich.

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  2. Eine Partei, die jemanden wie Ponader an die Spitze gewählt hatte, ist für mich indiskutabel, da völlig weltfremd. Und auch diese junge Studentin wird den Niedergang der Piraten (glücklicherweise) nicht aufhalten können. Denn inzwischen gibt es mit der AfD eine echte Alternative, die konkrete Aussagen zu allen wichtigen Themen vorzuweisen hat.

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    • oh.stv
    • 10. Mai 2013 22:03 Uhr

    viel spaß mit der AfD ...

    Ich würde dann gern noch erfahren, wie sie zu Parteien stehen, die einen Stoiber oder einen Beck and die Spitze gewählt haben, das is dann, ähm, "diskutabel" oder wie?

    Aber was erzähl ich hier. Wählen sie lieber die "Der Euro ist an allem schuld" Partei .... da muss man wenigstens nicht nachdenken.

    Wenn Sie den wesentliche Unterschied zwischen Piratenpartei und "Alternative für Deutschland" an Personen wie Ponader oder Nocun festmachen, scheint Ihnen die von ihnen beschworenen "konkreten Aussagen zu allen wichtigen Themen" in Wahrheit nicht viel zu bedeuten.

    Wenn ich Katrin Göring-Eckardt nicht mag, wähle ich doch deshalb nicht CSU.

    • pinero
    • 11. Mai 2013 3:07 Uhr

    "Denn inzwischen gibt es mit der AfD eine echte Alternative, die konkrete Aussagen zu allen wichtigen Themen vorzuweisen hat."

    Ach so? Und wo finde ich die? Die einzige konkrete Aussage der AfD ist doch "die Südeuropäer sollen aus dem Euro raus". Eine einzige Aussage, und über die wird nicht einmal in Deutschland entschieden.
    Warum sollte ich eine Partei in den Bundestag wählen, die nichts zu Themen sagt, die im Bundestag entschieden werden?

    Ich verstehe ihre Beweggründe nicht...

    Deutschland braucht diese Jugendlichen!

    Vor allem eine Jugend die politisch wirkt.

    Es freut mich, wenn Sie als Konservativer in diesen "ach so schweren Zeiten" eine politische Heimat gefunden zu haben - zusammen mit anderen Männern über 50, die sich an die guten alten Zeiten erinnern: es gab noch die DM und kein Gedanke an Frauenquote oder Homoehe wurde verschwendet.

    Aus diesem Grund muss es für Sie wirklich weltfremd sein, wenn Lebenskünstler wie Ponader bei den Piraten mitwirken oder eine Frau zur Geschäftsführerin gewählt wird. Unfassbar sowas - der Untergang steht bevor!

    Ja, der Konservative von heute macht es sich einfach. Anstatt Lösungsvorschläge und Ideen (mögen sie in manchen Augen auch utopisch oder exotisch sein) auf den Tisch zu legen, ist er lieber einfach immer dagegen und stellt Forderungen. So sieht die Politik und das Parteiprogramm der AfD aus.
    Bisher habe ich aufgrund der vielen Personalstreitigkeiten die Piraten eher immer etwas skeptisch gesehen, aber sie sind mir tausend Mal lieber als die AfD.

    "Denn inzwischen gibt es mit der AfD eine echte Alternative, die konkrete Aussagen zu allen wichtigen Themen vorzuweisen hat."

    erwinchen,
    die AfD ist die Alternative der Lemminge, sie fordert den Untergang der deutschen Wirtschaft durch Aufwertung einer DM.
    Eine Abkehr vom Euro zwingt die deutsche Wirtschaft, statt Produkte eben Arbeitsplätze zu exportieren, natürlich in die Abwertungsländer, weil so die Lohnkosten so niedrig sind.

    Die Piraten sind pubertär, die AfD senil und dement. Z.Zt. nur emotionaler Protest, das Hirn ist abgeschaltet.:)

  3. Die Überschrift mit Piraten-Prinzessin hat Bild-Niveau. Schade.

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  4. Auch die neue Galionsfigur muss den Piraten helfen, erstmal die Enterhaken neu zu schmieden und die Fregatte seetüchtig zu machen.

    So sicher wie es ist, dass dieses Land eine frische politischen Brise braucht, wenn nicht sogar einen ausgewachsenen Sturm, so sicher ist auch, dass die Piraten sich selbst in Seenot gebracht haben und deshalb erstmal die Mannschaft auf Vordermann bringen und die Karten neu vermessen müssen.

    Katharina Nocun tut gut daran, den Kompass nach innen zu richten, bevor sie die schwarz-orange Flagge hisst und Kurs auf die alten politischen Schlachtschiffe dieser Republik nimmt.

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    • jvz
    • 10. Mai 2013 22:57 Uhr

    Sehr schön formuliert! Und genau meine Gedanken.

  5. .. ein junges Gesicht - ist/soll das die Gewähr und die Garantie für ein Gelingen sein für die (deutsche) Staatspolitik des Inneren und des Äußeren?
    .. hm ..

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    .. verzeihen Sie: .. freilich den Fall angenommen, die "Piraten" kämen bei den Bundestagswahlen in diesem Jahr über 20 Prozent ..;-)))

    .. allerdings beschleicht mich das Gefühl, daß die Deutschen (vielleicht überwiegend junge Wähler/innen) neue Politik ausprobieren ..

    Das kann auch mal ins Schwarze treffen .. oder aber auch ins Auge gehen ..;-)

    Guten Abend .. und viel Glück ..

    • oh.stv
    • 10. Mai 2013 22:03 Uhr

    viel spaß mit der AfD ...

    Ich würde dann gern noch erfahren, wie sie zu Parteien stehen, die einen Stoiber oder einen Beck and die Spitze gewählt haben, das is dann, ähm, "diskutabel" oder wie?

    Aber was erzähl ich hier. Wählen sie lieber die "Der Euro ist an allem schuld" Partei .... da muss man wenigstens nicht nachdenken.

    12 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Zeichen des Untergangs"
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    ... daß man Kommentare nur einmal empfehlen kann.

  6. Schau mal an, so schnell wandelt sich eine Protestpartei mit krimineller Begeisterung (Piraten) in eine stramm monarchistische Partei. Sogar mit einer Prinzessin. Jetzt fehlt nur noch der Kinni und die Königin Beate. Schluchz.

    Sir Walter Raleigh lässt grüssen.

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    sie scheint aber nicht nur schön zu sein, sondern hat vielleicht auch was im Kopf. Es ist doch gut, wenn sich die Jugend einbringen möchte. Sie muß halt auch noch lernen, vor allem der Umgang mit den Medien.

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Katharina Nocun | Bundestag | Geschäftsführer | Vorratsdatenspeicherung | Bildung | Bundestagswahl
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