PiratenparteiDie neue Demut der Piraten

Spätestens seit diesem Wochenende sind die Piraten keine Avantgarde mehr, sondern eine entzauberte Kleinpartei. Das ist gar nicht mal schlecht, kommentiert L. Jacobsen von 

Man konnte sich leicht täuschen an diesem Wochenende. Wer es sich einfach machen will, beschreibt die Piraten auch weiterhin als völlig entrückten Haufen, als Partei, die meilenweit von den Bahnen entfernt ist, in denen sich die vermeintlich Etablierten bewegen. Das lag an Sätzen wie "Nutella, ich hab dich jetzt nicht verstanden", oder: "Ich mache mal den Proxy für den incredibul". Sätze, die auf dem Parteitag in der Oberpfalz ganz selbstverständlich am Mikro fielen und so überall anders undenkbar wären.

Aber das ist nur die Oberfläche. Hinter dem nerdigen, streitsüchtigen Auftreten sind die Piraten spätestens mit diesem Parteitag zu einer ziemlich normalen, wenn auch ambitionierten Kleinpartei geworden. Das ist nicht ihr Untergang, es könnte sogar ihre Chance sein.

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Früher hat die Partei manchmal einen halben Tag über einen Programmpunkt gestritten. Diesmal haben sie 30 Seiten Inhalte in einer halben Stunde und ohne Diskussion durchgewunken. Den Vorwurf, sie hätten kein Programm, haben sie längst widerlegt. Verschwunden ist damit auch ihr leicht überhebliches und bequemes Gerede davon, dass sie ja keine Antworten geben bräuchten, sondern nur die richtigen Fragen stellen müssten.

Kaum Konkretes zu strittigen Punkten

Vorbei ist es auch mit ihrer großen Bereitschaft für Experimente und der unbedingte Willen, Neues einfach mal auszuprobieren. Das zeigt sich zum einen daran, dass sie sich nicht durchringen konnten, die ständige Mitgliederversammlung (SMV) einzuführen. Damit hätten sie zumindest einen Versuch gewagt, verbindlich über das Internet Politik zu machen – ihr Versprechen, neue Technik und alte Demokratie zu versöhnen, endlich einzulösen. Nun ist klar, dass ein relevanter Teil von ihnen, nämlich mehr als ein Drittel, lieber nicht zu viel riskieren will.

Risikolos, weil inhaltlich entschärft bis zur gelegentlichen Belanglosigkeit, sind bisher auch die wenigen Auftritte der neuen Geschäftsführerin Katharina Nocun. Zur SMV, zu den Chancen, doch noch in den Bundestag zu kommen, zu Dingen, die sie anders machen will als ihr Vorgänger: Kaum Konkretes ist von ihr dazu zu erfahren. Gespräche mit Journalisten autorisiert sie hinterher hart, mitlaufende Aufnahmegeräte kann sie gar nicht haben. Daraus spricht die verständliche Sorge, etwas falsch zu machen. Und damit Teile der eigenen Partei oder der potenziellen Wähler zu vergraulen. Diese Schere haben alle Politiker im Hinterkopf, es gehört zum Geschäft der öffentlichen Debatte.

Die Piraten haben sich also offensichtlich entschieden, nach den Regeln zu spielen. Dazu gehört dann aber notwendigerweise auch die Einsicht, nicht allein bestimmen zu können, wann wie über was gesprochen werden soll. Als Kleinpartei, die zudem fast ausschließlich von ehrenamtlichem Engagement lebt, können sie allein kaum Themen setzen. Was sie aber können, ist reagieren: Auf Intransparenz bei den anderen Parteien, auf deren allzu oft immer noch ahnungslosen oder falschen Versuche, das Internet für sich einzunehmen. Auf Vetternwirtschaftsskandale in der Wirtschaft und auf Einschränkungen von Freiheitsrechten. 

Arroganz einer vermeintlichen Avantgarde

Vielleicht poppt in den kommenden Monaten ja ein Thema auf, an dem sie zeigen können, was sie anders machen, warum ihre Perspektive wichtig ist. Denn das ist sie. Dafür aber müssten sie sich einlassen auf das politische Spiel und dessen Spielregeln. Sie müssten dann sofort und mit voller Kampagnen-Wucht reagieren. Ohne Rücksicht auf vermeintliche oder tatsächliche innerparteiliche Befindlichkeiten. Ohne sich zu fein zu sein für den öffentlichen Zirkus, für die raue und vereinfachende Debatte.

Lange sind die Piraten mit der Arroganz einer vermeintlichen Avantgarde aufgetreten. Als diejenigen, die nicht dazu gehören wollen, weil sie sich nicht dreckig machen möchten, weil sie die Spielregeln eigentlich verachten. Damit ist es nun vorbei. Es könnte eine Chance für die Piraten sein, das einzusehen. Es könnte an der Zeit für Demut sein.

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Leserkommentare
  1. Entfernt, bitte bleiben Sie konstruktiv. Danke, die Redaktion/se

  2. So sieht es bei den in die Jahre gekommenen Alt-Piraten aus ...

    2 Leserempfehlungen
  3. Jetzt ist es schon nicht konstruktiv, wenn man schreibt, dass man gleich das Original (Linke, Grüne) wählen kann?
    PS: ich würde es konstruktiv finden, wenn bei "Antwort schreiben" nicht mehr "Zugriff verweigert stehen" würde.

    Eine Leserempfehlung
  4. ...zwei Jahren wird niemand mehr von dieser "Partei" sprechen. Der Fall der sog. "Piraten" zeigt, dass die alten Parteien nach wie vor alle gesellschaftlichen Bereiche abdecken und neue, medial überhöhte Halb-Experimente nicht notwendig sind!

    mit solidarischem Gruß,
    besorgter_mitbuerger

    3 Leserempfehlungen
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    Ich habe Ihre Kommentare mit Spannung verfolgt und habe schon mehrfach herzhaft gelacht.

    Danke! Ich weiß gute Satire zu schätzen. Weiter so!

    • hareck
    • 13. Mai 2013 17:41 Uhr

    Dieser Fall zeigt nur, dass die Piraten momentan nicht in der Lage sind, ihre Kernthemenbereiche, die eben NICHT von den alten Parteien abgedeckt sind, angemessen und dynamisch zu vertreten.

    "Der Fall der sog. "Piraten" zeigt, dass die alten Parteien nach wie vor alle gesellschaftlichen Bereiche abdecken"

    Danke für die Aufklärung, und ich bin schon überall herumgelaufen und habe dieses "Internet" gesucht, von dem die Piraten reden. Jetzt weiß ich, dass das nur ein Gerücht ist und werde meine Geschicke wieder zurückgeben in die Hände von 60jährigen Männern, denen ich vertraue, weil die immer so nett lächeln.

    /ironie

    Unterhaltsam, Ihr Text. Und sehr bezeichnend, wie angestrengt die Piratengegner in jedem Kommentar versuchen, die Partei als gescheitert zu brandmarken, obwohl sie ja erst seit wenigen Jahren aktiv ist.
    Und selbst wenn die Piraten bei der nächsten Bundestagswahl nur auf 3 Prozent kommen, sind das immerhin 2 Millionen Stimmen. Als Politiker kann man das glaube ich durchaus als Bestätigung sehen, dass man etwas richtig macht.

  5. ist die AfD dann auch eine Kleinpartei mit ebenfalls drei Prozent?
    Und die FDP mit einem Prozent mehr?

    Ich würde den Piraten zwei Prozent mehr wünschen, so können Sie in der Opposition lernen und sich entwickeln und so wird endlich auch Mal die Stimme der Jugend artikuliert.

    7 Leserempfehlungen
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    Schließe mich Ihrem Kommentar voll und ganz an. Solch junge unverbrauchte Leute mit Ideen, auch mal was anders anzupacken, sollten unbedingt den Bundestag aufmischen. Und mit neuem Schwung mitmischen. Vor Jahrzehnten haben die Grünen schließlich auch mal klein angefangen. Und Joschka Fischer es schließlich bis zum Außenminister gebracht. Vor 30 Jahren wurden sie ebenfalls von den Bürgerlichen kleingeredet. Die Piraten schaffen es trotzdem. Allerdings stimme ich dem ZEIT-Autor nur bedingt zu: Demut jetzt von einer neuen, kleinen Partei zu verlangen. Ich meine zu den Piraten: machts Maul auf und laßt lautstark von euch hören! Anders gewinnt man keine Wahl.

    • docere
    • 13. Mai 2013 15:29 Uhr

    Dort sitzen die Piraten im Landtag, ein Jahr bereits.
    Umfragen sehen sie momentan bei 2%. Anlaufschwierigkeiten, Realitätscheck usw. usf.
    Eine Anfrage bei Joachim Paul würde bestimmt helfen, aber wahrscheinlich muss darüber vorher noch abgestimmt werden.

    ....bräuchten wir dringend eine (weitere) Bürgerrechtspartei im Bundestag, die den etablierten Parteien ordentlich Druck macht. Eine solche Position könnten die Piraten einnehmen. Ich hoffe für die Zukunft, dass bei den Piraten das Problem mit den ständigen Personalquerelen aufhört, damit sie sich soweit wie möglich der politischen Arbeit widmen können.

    Was die BTW anbetrifft, rechne ich den Piraten nur geringe Chancen aus, in den Bundestag einzuziehen. Allerdings haben sie noch ein paar Monate Zeit, das Blatt zu wenden.

  6. Ich habe Ihre Kommentare mit Spannung verfolgt und habe schon mehrfach herzhaft gelacht.

    Danke! Ich weiß gute Satire zu schätzen. Weiter so!

    5 Leserempfehlungen
    Antwort auf "In spätestens..."
  7. Lieber Herr Jacobsen
    Ihre anschaulichen Reportagen, Analysen und differenzierten Kommentare über die Piraten-Partei machen Spaß zu lesen, auch - oder gerade, weil Sie sich dabei dem Forum gegenüber sehr kommunikativ verhalten haben.

    Bleiben Sie Selbst!

    Gruß Lucy

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    • ribera
    • 13. Mai 2013 20:27 Uhr

    "Früher hat die Partei manchmal einen halben Tag über einen Programmpunkt gestritten. Diesmal haben sie 30 Seiten Inhalte in einer halben Stunde und ohne Diskussion durchgewunken."
    Als die AFD beim 1. (!) programmgebenden Bundesparteitag ihr Basisprogramm durchgewunken hat, war das bei ZO noch antidemokratisch.
    Insgesamt aber ein erfrischender Artikel, wenngleich die Sympathien des Autoren schon durchscheinen.

  8. Diese Einschätzung "Eintagesfliege" stand schon vor Monaten unter Kommentare zum Thema. Nur wurde es damals als unsachlich gelöscht.

    3 Leserempfehlungen

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Bundestag | Geschäftsführer | Katharina Nocun | Parteitag | Piraterie
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