Plötzlich geht alles ganz schnell. Die vielen grünen und wenigen lila Karten schießen in die Höhe, ein ums andere Mal, ein Modul nach dem anderen segnen die Piraten ab, ohne die Inhalte zu diskutieren, ohne sich zu streiten. Dann applaudieren sie, etwas zögerlich, als wären sie überrascht, dass sie jetzt ein Wahlprogramm haben.

Kaum eine Stunde ist der Parteitag im oberpfälzischen Neumarkt an diesem Samstagmorgen alt, da haben die Piraten schon einen der größten Kritikpunkte widerlegt: dass sie unfähig sind, programmatisch zu arbeiten. Sie haben den sogenannten "massiven Wahlprogrammantrag" für die Bundestagswahl in großen Teilen beschlossen, nur zwei von elf Modulen lehnten sie erst einmal ab, das ergibt fast 30 Seiten inhaltliche Positionen. Sie wollen ein bedingungsloses Grundeinkommen, mehr Volksentscheide bei wichtigen Gesetzen und digitale Netze unter den Schutz der Meinungsfreiheit stellen. Das ähnelt ihrem Grundsatzprogramm, Entscheidendes wie Positionen zu Europa und Wirtschaftspolitik fehlt aber noch. Darüber will die Partei am Sonntag diskutieren.

Es ist erfrischend, dass die Piraten sich nicht in kleinteiligen Diskussionen verheddern wie sonst allzu oft. Aber diese Effizienz hat einen Preis. "Die Hälfte hat es nicht gelesen, zwei Drittel haben es nicht verstanden, und trotzdem stimmen sie zu", schimpft das Vorstandsmitglied Klaus Peukert. Er glaubt, dass die Mitglieder das Programm nur durchgewunken haben.

Bruno Kramm sieht das ganz anders. Der bayerische Geschäftsführer der Piraten hat den Mammut-Antrag mit der formalen Bezeichnung WP138 mit gestellt. Zu Peukerts heftiger Kritik sagt er: "Das ist komplett falsch! Wer hier sein Wochenende opfert, dem ist das wichtig, die beschäftigen sich damit, die wollen mitmachen." In Arbeitsgruppen und über alle ihre Online-Beteiligungsplattformen hätten die Piraten den Antrag gebastelt, "das war verdammt viel Arbeit", sagt Kramm, "und es war transparent."

Wenn man ihn fragt, ob es wirklich in Ordnung war, das Paket ohne Diskussion zu verabschieden, muss Kramm aber doch einen Moment nachdenken, bevor er antwortet. "Die Module sind so endlos diskutiert worden in unseren Arbeitsgruppen, das ist schon vernünftig." Es sei das probateste Mittel, um der Flut und Vielfalt der Anträge Herr zu werden. Beim vergangenen Parteitag schaffte die Partei nur ein paar Dutzend Anträge von insgesamt 2.000, "das war sehr traurig", sagt Kramm.

Das Problem seines Antrags aber ist, dass viele Positionen noch nicht ausgearbeitet sind. Manche Forderungen sind kaum umsetzbar, das macht es besonders den Piraten schwer, die schon in Parlamenten sitzen. Der Berliner Abgeordnete Martin Delius zum Beispiel sagt: "Wie wollen wir zuverlässige, rechtssichere Kommunikation mit Behörden sichern, wenn wir den elektronischen Personalausweis ablehnen. Das ist im Wahlprogramm, wie es jetzt verabschiedet ist, nicht aufgelöst." Hinter solcher Kritik steht einerseits die Sorge, dass die Piraten es auf dem Parteitag nicht so ganz genau nehmen mit ihrem eigenen Programm, dass sie es nur abgesegnet haben, um erst einmal etwas vorzuweisen zu haben. Zum anderen weiß Delius nicht, wie er als Abgeordneter mit den Beschlüssen umgehen soll. "So, wie es jetzt ist, muss ich selbst die Prioritäten setzen und sehen, wie ich Widersprüche im Programm auflöse", sagt er.