StraftäterFlucht aus der psychiatrischen Anstalt

Acht Ausbrüche kranker Straftäter in drei Monaten: Die Landesklinik Zwiefalten auf der Schwäbischen Alb gilt als Ausbrecherklinik. Zu Recht? Von R. Bäßler von 

Das ehemalige Benediktinerkloster Zwiefalten ist ein erbaulicher Ort. Ins Münster "Unserer lieben Frau" mit den markanten Zwiebeltürmen strömen regelmäßig die Wallfahrer. Dass in einem angrenzenden, abgeriegelten Trakt Straftäter therapiert werden, die alkohol- und drogenabhängig sind, dürfte ihnen kaum aufgefallen sein.

Nun aber gilt die Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie vielen als schlecht gesichertes Ausbrecherkrankenhaus. Am 10. April brachte ein 37-Jähriger mit einem Messer zwei Pfleger in seine Gewalt und presste sich unter Mordandrohungen den Weg nach draußen frei. Es war der achte Ausbrecher in nur dreieinhalb Monaten, seitdem streiten sich Ärzte und Politiker.

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Christian Bäumler, Landesvorsitzender der CDU-Sozialausschüsse, stellte von Konstanz aus fest, es bestehe "im Maßregelvollzug in Baden-Württemberg Handlungsbedarf". Psychiatrien müssten so sicher wie Gefängnisse sein.

Krankenhaus statt Haft

Nach dem deutschen Vollzugsrecht werden Straftäter unter bestimmten Voraussetzungen in einer psychiatrischen Klinik untergebracht, nämlich dann, wenn die Ursachen ihrer Tat in einer psychischen Krankheit oder in einer Suchterkrankung liegen. Über einen solchen Maßregelvollzug entscheiden die Gerichte auf Grundlage ärztlicher Gutachten. Mit entscheidend ist eine günstige Therapieprognose. Die acht psychiatrischen Kliniken in Baden-Württemberg teilen sich die Zuständigkeitsbereiche auf, Zwiefalten therapiert ausschließlich alkohol- und drogenabhängige Straftäter. Zwei Jahre Aufenthalt sind für die bis zu 60 Insassen in der Regel das Maximum.

Nach der Ausbruchsserie steht nun Sozialministerin Karin Altpeter (SPD) in der Kritik, da die forensische Klinik ihrem Ministerium unterstellt ist: "Es ist eine Fehlentwicklung, dass immer mehr suchtkranke Straftäter im Maßregelvollzug statt im regulären Gefängnis landen", ließ sie über ihren Sprecher verlauten. Das ist als Angriff gegen die Gerichte zu verstehen, die die Verlegung der Häftlinge verordnen. Justizminister Rainer Stickelberger, Parteifreund Altpeters, hüllte sich erst einige Tage in Schweigen und äußerte sich dann in Form juristischer Nachhilfe: Die Frage, wo ein Straftäter besser überwacht werden könne, spiele laut Gesetz keine Rolle. Ob er ins Gefängnis oder in eine Psychiatrie komme, hänge allein davon ab, ob eine Therapie nötig sei.

Doch Zwiefalten ist nun mal keine Justizvollzugsanstalt, hier arbeiten ganz normale Krankenpfleger und Ärzte. Sie sind im Zweifel schutzlos: Am 28. Februar hatten fünf Insassen zwischen 24 und 55 Jahren den Nachtdienst überwältigt und sich so den Weg in die Freiheit erzwungen. Am Morgen des 24. Dezember 2012 brachen zwei Männer im Alter von 24 und 29 Jahren in stundenlanger nächtlicher Arbeit ein Panzerglasfenster im dritten Obergeschoss in winzige Stücke. Sie schlüpften durch das Loch und seilten sich mit Gardinen an der Hausfassade ab. Alle Ausbrecher sind mittlerweile wieder gefasst, auch der 37-Jährige der im April entkam.  

Keine Informationen über Gefährlichkeit

Inzwischen sind Experten des Landeskriminalamts in Zwiefalten gewesen. Nun wird unter anderem ein Pflegedienstbüro so verlegt, dass es vom Flur aus nicht mehr von Gefangenen eingesehen werden kann. Der Nachtdienst ist von zwei auf drei Personen verstärkt worden. Ein Grundproblem ist nach Ansicht von Hannes Moser damit nicht beseitigt: Einige der Ausbrecher hätten seiner Ansicht nach niemals nach Zwiefalten überstellt werden dürfen.

Der entkommene 37-jährige Gewalttäter beispielsweise, verurteilt unter anderem, weil er einen Polizisten niedergestochen hatte, war mit einem Antrag auf Therapie statt Gefängnis für den letzten Teil seiner Haftstrafe vor dem Amtsgericht Schwäbisch Hall zunächst gescheitert. Doch eine Richterin am Landgericht Heilbronn kassierte die Entscheidung und schickte den Mann nach Zwiefalten. Dort angekommen, brauchte er nur fünf Tage, um einen Fluchtplan zu machen und umzusetzen.

Chefarzt Moser beklagt, er habe von der Vorgeschichte des 37-Jährigen, der in der Justizvollzugsanstalt Freiburg zuvor wegen Drogenmissbrauchs und Übergriffen auf andere Häftlinge aufgefallen war, praktisch nichts gewusst. Die im Februar entkommende Fünfergruppe wiederum sei von ihm längst als therapieunwillig identifiziert worden, es seien deswegen auch Anträge auf Rückverlegungen in Justizvollzugsanstalten gestellt worden. Doch die Verfahren hätten sich über Wochen hingezogen.

Leserkommentare
  1. Ich war auch schon oefters in Zwiefalten. Habs immer als besonders schwierig empfhnnd das Fenster ueberklettern bin lieber durch Tuer direkt durch gegangen aber meistens verschlossrn. Aber Essen echt lecker. Muss bald wieder zu ruck sagt Doktor und vdfgg

  2. Liest man Sätze wie "...Zwiefalten therapiert ausschließlich alkohol- und drogenabhängige Straftäter.", muss man annehmen, Alkohol (Ethanol ist gemeint; die Gruppe der Alkohole ist groß) sei keine Droge. Hier kann man wieder einmal sehr schön beobachten, welch gefährliche Auswirkungen auf die Wahrnehmung die Betäubungsmittelgesetze haben. Obwohl Alkohol eine Droge ist, nach Wirkung und Nebenwirkungen sogar eine Oberligachemikalie, wird er nicht nur in diesem Artikel verharmlost.

    Korrekt müsste der Satz lauten: ...Zwiefalten therapiert ausschließlich drogenabhängige Straftäter einschließlich alkoholsüchtiger.

    Eine Leserempfehlung

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  • Schlagworte SPD | Ausbrecher | Gefängnis | Justizminister | Straftäter | Therapie
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