Seehofer-Nominierung : Anjubeln gegen die Gehälteraffäre

CSU-Chef Seehofer lässt sich von seiner Partei zum Spitzenkandidaten nominieren. Doch so richtig gute Stimmung mag auf dem Parteitag nicht aufkommen. Von G. Etscheit

Ausgerechnet hier will sich Horst Seehofer zum CSU-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl küren lassen. Im Münchner Postpalast, wo im vergangenen Jahr Steuersünder Uli Hoeneß seinen 60. Geburtstag feierte – in Anwesenheit Seehofers.

Und ausgerechnet heute. An einem Tag, an dem die neue Amigo-Affäre ihrem vorläufigen Höhepunkt entgegenstrebt. Am Nachmittag hatte Landtagspräsidentin Barbara Stamm eine Liste mit 79 Abgeordneten des bayerischen Parlaments präsentiert, die Ehepartner oder Kinder auf Staatskosten als Mitarbeiter beschäftigt haben. Viele von ihnen sind aus der CSU. Schlechtes Timing.

Natürlich sind die Leute trotzdem zu Seehofers Inthronisationsfeier gekommen. Mitglieder wie Oskar Dernitzky. Der gebürtige Wiener in der bayerischen Trachtenjoppe ist Vorsitzender des CSU-Ortsverbandes Neufahrn nördlich von München. Dernitzky ist sauer, weil die Basis sauer ist. "Man hört nur noch das Wort Amigo", schimpft er. Auch der Fall Hoeneß regt ihn auf, denn der werde vor allem seiner Partei zugerechnet.

Vor einigen Tagen hat Dernitzky der CSU-Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner eine Mail geschickt und sie gebeten dafür zu sorgen, dass die Sache schnell aufgearbeitet werde. Eine Antwort hat er noch nicht erhalten. Dabei plaudert Aigner nur ein paar Meter von Dernitzky entfernt mit anderen Großkopfeten der CSU.

Der Parteitag ist perfekt organisiert, doch Stimmung mag nicht recht aufkommen, obwohl ein etwas glatt daherkommender Moderator zwölf fabelhafte Menschen aus dem "Chancenland Bayern" präsentiert, darunter einen Whiskybrenner vom Schliersee; einen Landwirt, der sich zum Erlebnisbauern qualifizieren ließ, sowie einen Helikopterverleiher, aus dessen Fluggeräten der zum CSU-Werbefilmer herabgesunkene Regisseur Joseph Vilsmaier die Hochglanz-Ansichten aus der Vogelperspektive drehte, die auf der riesigen Videoleinwand zu sehen sind.

Wenn Edmund Stoiber Vogelperspektive meint, sagt er "Froschperspektive". Der CSU-Ehrenvorsitzende, der sich gerne als konservatives Pendant zu Altkanzler Helmut Schmidt geriert, verhaspelt sich immer noch am laufenden Band. Die rot-grünen Steuerpläne attackiert er mit dem merkwürdigen Satz: "Wenn man nicht sehr arm ist, muss man schon viel Geld haben, um sich das leisten zu können."

Auch die als Höhepunkt seiner Ansprache gedachte Überleitung zum Hauptredner des Abends scheitert an Stoibers hölzerner Diktion: "Duuu, Horst Seehofer, sollst Ministerpräsident des Freistaates Bayern die nächsten fünf Jahre bleiben, das ist die Losung", ruft Stoiber ins Rund. "Alles Gute Horst, ich hoffe, dass du einverstanden bist."

Dass Seehofer einverstanden ist, daran lässt der amtierende Ministerpräsident dann keinen Zweifel. Seehofer preist die Partei, die Bayern vom Armenhaus zu einer der Top-Regionen in Europa gemacht habe. Damit dies so bleibe, dürfe das Land nicht in die Hände von Rot-Grün fallen.

Er weiß, was die Leute hören wollen. Viel "Bayern muss Bayern bleiben", ein bisschen Berlin- und Brüssel-Bashing, ein Bekenntnis zur christlichen Leitkultur, zum unternehmerischen Mittelstand, zum traditionellen Schulsystem und zur Ehe, bei aller gebotenen Toleranz anderen Lebensformen gegenüber – natürlich.

Und dann kommt Seehofer doch noch auf das zu sprechen, was Oskar Dernitzky erhofft, aber nicht erwartet hatte: Die "Frage, die uns zur Zeit beschäftigt." Er verspricht, in der Amigo-Affäre "konsequent reinen Tisch" zu machen und in "besonders eklatanten Fällen" personelle Konsequenzen zu ziehen.

SPD-Spitzenkandidat Christian Ude, Münchens Oberbürgermeister, hat am gleichen Tag den Rücktritt von fünf CSU-Kabinettsmitgliedern gefordert, die ihre Ehefrauen als Bürohilfen beschäftigten. Seehofer verwahrt sich gegen solche "Diffamierungen". Überhaupt könne der "Mann aus dem Rathaus" die ganze Angelegenheit nicht beurteilen, schließlich sei er nicht einmal Mitglied des Landtages.

Am Ende scheint Oskar Dernitzky wieder mit seiner Partei versöhnt. "Ich hätte nicht gedacht, dass Seehofer das noch anspricht, dass er so ehrlich ist", resümiert er, als der Parteikonvent die obligatorische Bayernhymne anstimmt. Dass die Gehälteraffäre die Landtagswahl vielleicht entscheiden könnte, glaubt er nicht. Zum Glück sei die Sache jetzt und nicht zwei Monate später aufgekommen. "Die Leute vergessen schnell."

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Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Na super,

wenn die CSU so "treue" Wähler wie Sie hat, brauchen sich Seehofer und Konsorten ja keine Sorgen machen und können trotz dieser widerlichen Vetternwirtschaft weiterhin ihr Süppchen auf Kosten der Steuerzahler kochen.
Ein "echter Bayer" wie Sie, wählt diese Partei trotzdem und regelt das selbst.
Diesen Skandal als " internes Problem" hinzustellen, ist total lächerlich.

Capiche?l

Beleidigte Weißwürste sind gefährlich!

Also passen Sie lieber auf, was Sie sagen, sonst führen wir in Bayern wieder die Monarchie ein. :)

Ich denke, gerade die Menschen in Bayern sind geistig besonders reif und gesund. Ansonsten hätten sie nicht das erfolgreichste Bundesland vorzuweisen und würden ganz Berlin mit durchfüttern. Würde man diese Stadt sich selbst überlassen und sie müsste von dem leben, was sie erwirtschaftet, so würden die hippen Hauptstadtbürger schnell das Weite suchen.

Aber ich kann die Aufregung schon verstehen, der Neid auf die Bayern ist eben ungebrochen. Wie auch der FC Bayern München zeigt, kann man eben nicht dauerhaft erfolgreich sein, ohne Hass zu erzeugen. Bayern ist in Deutschland das, was Deutschland mittlerweile in ganz Europa ist:

Der Schul-Streber mit der Brille, den man früher noch mobben oder belächeln konnte, der aber jetzt die hübsche Blondine an seiner Seite hat und 7er-BMW fährt, der einem das eigene Versagen, die eigene Unzulänglichkeit und die Gewissheit, aus seinem Leben nichts gemacht zu haben, durch seine bloße Existenz dauerhaft unter die Nase reibt.

Sie werden verstehen, dass so jemand etwas ausgeglichener ist und nicht bei jedem Skandälchen gleich die Mistgabel aus der Scheune holt. Ihm selbst geht es gut, also: Vergelt’s Gott, CSU!

Bei noch mehr bundesdeutschem Bayern/CSU-Bashing gib es höchstens mehr Zusammenhalt, aber garantiert keinen Regierungswechsel.

Das zeigt das sie keine Ahnung haben

Bayern bekommt mit Abstand die meisten Bundeszuschüsse sowie Subventionen und Beihilfen aller Bundesländer und das wird nur zu einem Teil beim Länderfinanzausgleich berücksichtigt.

Schamlos ist nur die ständige Angeberei der Bayrischen Regierung, die weder etwas für die Strukturschwachen Regionen getan hat, (die sind nämlich immer noch bettelarm) noch etwas dafür kann, das es den Boom Regionen so gut geht. Denn genau wie in München regieren dort meistens andere.

Und natürlich bekommt Bayern wesentlich mehr Agrarsubventionen als Niedersachsen. Warum haben die sich sonst wohl um die Veröffentlichung der Zahlen drücken wollen. http://www.zeit.de/online...

Im übrigen finde ich es schon grotesk, das sie gerade Kalifornieren als Vergleichsland anführen, denn die sind genauso pleite wie es Bayern ohne seine ganzen Zuschüsse wäre.

So viel Ahnung ...

Die Mittel, die von EU und Bund an die einzelnen Bundesländer gezahlt werden, kommen wohl wie der Strom aus der Steckdose? Außer den LFA Zahlungen, zahlen die Bayern nichts nach Berlin und Brüssel, meinen Sie, und möchten uns erzählen wieviel Ahnung Sie haben?

Die bayerischen Steuerzahler haben 2011 und 2012 je über 50 Milliarden Euro in Form von direkten und indirekten Steuern, Gesundheitsfondsausgleich etc. etc. an die zentralen Kassen des Bundes abgeführt. Ausgabeposten des Bundes, wie die EU-Finanzierung, Auswärtiger Dienst, die nicht in irgendeiner Form wieder Bundesländern zugeordnet werden können, gibt es nur ganz wenige.

Es ist ein Witz und nicht einmal ein guter, den Bruchteil, der davon wieder nach Bayern zurückverteilt wurde, gegen die LFA Zahlungen aufzurechnen. Die Bilanz von Zahlungen in die Bundeskasse Berlin und Einnahmen aus EU- und Bundestöpfen ist für Bayern ganz klar negativ.