Wenn es ums Internet geht, ist Peer Steinbrück bisher nicht unbedingt durch Kompetenz aufgefallen. Das scheint ihm selbst klar zu sein, denn er hat sich nun Kompetenz eingekauft. Die Professorin Gesche Joost berät ihn ab sofort im Wahlkampf beim Thema Netzpolitik.

Das ist nicht schlecht, im Gegenteil, Joost hat viel über die Technik Internet und über die Frage, wie wir sie gestalten wollen, nachgedacht.

Aber es ist aus zwei Gründen erstaunlich. Zum einen, weil Steinbrück sich hinsichtlich netzpolitischer Kompetenz eigentlich nicht beklagen kann: Im Internet aktive und bewanderte Menschen wie Sascha Lobo oder Nico Lumma bemühen sich seit Jahren, Steinbrück und andere Politiker der SPD bei diesem Thema zu beraten. Wie man hört, bemühen sie sich eher vergeblich, der Kanzlerkandidat hört ihnen nicht unbedingt zu, wenn sie von Netzneutralität und ähnlichen Dingen reden. Vermutlich fürchtet Steinbrück nicht zu Unrecht: Lobo und Lumma würden sich ungebührend in den Vordergrund drängeln. Joost hingegen ist dafür da, dass Steinbrück glänzen kann.  

Zum anderen ist es erstaunlich, weil Joost netzpolitisch bisher nicht aufgefallen ist. Sie ist Professorin für Design, genauer für Interaktionsdesign. Sie erforscht, wie Schnittstellen zwischen Mensch und Computer aussehen müssen, damit beide sich verstehen. Bisher war ihr Job, zu untersuchen, wie Menschen mit dem Internet, mit Handys und mit dem steten Strom an Botschaften umgehen. Hantieren Männer anders mit solchen Geräten als Frauen, Alte anders als Junge?

Politik spielte bei ihr noch nie eine Rolle

Und sie hat sich Gedanken darüber gemacht, wie Kommunikationsgeräte aussehen sollten, damit sie uns nutzen und uns nicht auf die Nerven gehen. Sie hat Visionen entwickelt, unter anderem als Stiftungsprofessorin der Telekom Visionen über zukünftige Handys.

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Politik spielte dabei nie eine Rolle. Es ging nur um die Technik. Nun also soll Joost Politik machen. Bei ihrer Vorstellung am Montag sagte sie zumindest die richtigen Dinge. Sie forderte, dass Netzneutralität im Gesetz verankert wird, dass alle Zugang zum Netz haben, dass alle den Umgang damit lernen können, dass offene Daten gefördert werden.

Sämtlich sinnvolle und wichtige Forderungen. Doch nach der Mensch-Maschine-Schnittstelle wird Joost nun eine andere erforschen müssen, die Schnittstelle Wähler-Politiker. Die ist mindestens ebenso komplex. Hoffentlich lässt ihr der politische Alltag genug Zeit, einen Weg zu finden, wie Steinbrück und das Netz sich verstehen können.