Die Datenschutzbeauftragte der Piraten hört gar nicht mehr auf zu reden. "Wir haben eine Demo in Berlin organisiert", berichtet Katharina Nocun, die auch politische Geschäftsführerin der Partei ist. Am Wochenende sei eine weitere in Hannover. Nocun sprudelt weiter: Ein Bundestagskandidat hat den englischen Geheimdienst abgemahnt, in den Landtagen haben Piraten-Fraktionen Anträge eingereicht, in Düsseldorf eine Demo organisiert, und der Berliner Abgeordnete Christopher Lauer hat eine Petition für einen EU-Untersuchungsausschuss gestartet. Das Thema, von dem Nocun spricht, ist der Überwachungsskandal rund um das amerikanische Abhörprogramm Prism und das englische Pendant namens Tempora.

Dieser gigantische Datenschutzskandal bestimmt weltweit die Schlagzeilen, es geht um Internetüberwachung unvorstellbaren Ausmaßes, um abgehörte Telefonate und auf Geheimdienstrechnern gespeicherte E-Mails. Wo aber ist die deutsche Internet- und Datenschutz-Partei? Wo sind die Piraten? Müssten sie nicht die Debatte dominieren, müssten sie nun nicht quasi von allein aus ihrem Umfrage-Tief in den Bundestag gespült werden?

Eher nicht. Vorneweg und obenauf wirken sie nicht in diesen Tagen, sie dominieren die Debatte nicht. Stattdessen sind sie merkwürdig unsichtbar.

Es ist nicht so, dass sie nichts probieren, ganz im Gegenteil. Siehe Nocuns Redeschwall. Die Brandenburger Bundestagskandidatin und ehemalige Microsoft-Managerin Anke Domscheit-Berg hat gleich zwei Petitionen zu Prism und Tempora gestartet, es gibt eine Kampagnen-Seite von Piratenparteien auf der ganzen Welt. Auch im Wahlprogramm selbst schreiben sie konkreter und ausführlicher über Datenschutz und informationelle Selbstbestimmung als die anderen Parteien. Nocun selbst war erst am Donnerstagabend in einer Radiodiskussion zum Thema zu Gast. Sie machen das längst, nach medialen Maßstäben, professionell: "Wir übergeben der nächsten Generation einen schlüsselfertigen Überwachungsstaat", formuliert Nocun knackig ihre Kritik. "Wenn dieser Schlüssel in den falschen Händen landet, kann man damit Schreckliches anrichten."

Aus Neugier ist Genervtheit geworden

Doch der ganz große Aufschlag, der sie wieder aus der relativen Bedeutungslosigkeit holen könnte, gelingt ihnen bisher nicht. Woran liegt das?

Darauf gibt es mehrere Antworten, manche haben mit den Piraten zu tun, andere eher mit Umständen, für die sie wenig können.

Als erstes wäre da ihr verspieltes Kapital. Weil die Partei monatelang fast nur mit internen Streitereien von sich Reden gemacht hat, ist sie heute nicht mehr der junge, frische Newcomer, von dem sich eine interessierte Öffentlichkeit gerne die moderne Online-Welt und ihre Schattenseiten erklären lässt. Aus Neugier ist Genervtheit geworden.