Man sollte doch meinen, dass 125 Seiten Inhalte genug Diskussionsstoff mit sich bringen. Sind wirklich alle zufrieden mit diesem "Regierungsprogramm für Deutschland", wie es CDU und CSU nennen? Seit zwei Tagen ist das lange geheim gehaltene Werk, das von wenigen Autoren um CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe im Konrad-Adenauer-Haus geschrieben wurde, nun in der Welt. Doch man hört: nichts.

Komisch. Was denken die viel zitierten Konservativen in der Union über den Mindestlohn, die feste Frauenquote ab 2020, die Mietpreisbremse, ja, den auffallend sozialdemokratischen Duktus, der Einzug in die Programmatik der Union gehalten hat?

Und die Progressiven, fühlen sie sich nicht vor den Kopf gestoßen von wiederum rückständigen Formulierungen? Abermals wird die Mann-Frau-Ehe, selbst die ohne Kinder, über die gleichgeschlechtliche Lebenspartnerschaft gestellt. Wo ist der Ärger darüber, dass die Union trotz Verfassungsgerichtsurteilen am Ehegattensplitting festhält, es nur um eine Kinderkomponente "ergänzen" will? Dass zum parteiintern diskutierten Thema "Adoption" durch Homosexuelle kein Wort zu finden ist?

Nur einer kritisiert die Mütterrente

Und was ist mit dem Finanzierungsvorbehalt, unter dem die meisten sozialen Wohltaten stehen, die Angela Merkel kürzlich so öffentlichkeitswirksam versprochen hat? Kein Grund für Politiker der CDU und CSU, mal kritisch nachzufragen, was umgesetzt werden soll?

Auch die Parteiführung schweigt. Die angeblich so rebellischen Konservativen vom Berliner Kreis wollen sich "aus Prinzip" nicht öffentlich äußern zum Wahlprogramm. Die CDA, ein Zusammenschluss der Arbeitnehmer in der CDU, sagt erwartungsgemäß, sie sei sehr zufrieden. Die Mittelstandsvereinigung von CDU und CSU prüft offenbar noch Änderungsvorschläge, ruft aber nicht mehr zurück. Immerhin, Kurt Lauk, Vorsitzender des Wirtschaftsrats, einem weiteren wirtschaftsliberalen CDU-Gremium, wagt sich, das CDU-Vorhaben der teuren Mütterrente auf einer Konferenz zu kritisieren.

Dem einfachen CDU- und CSU-Mitglied liegt das Programm sowieso nicht vor. Offiziell jedenfalls nicht, allerdings hat die politische Konkurrenz es geleakt und bietet es im Internet zum Download an. Die Vorstandsmitglieder beider Parteien bekamen das Dokument erst am Dienstag per Post zugeschickt, bis Sonntagabend dürfen sie Einwände formulieren. Dann wird das Wahlprogramm auf einer Sitzung der Führungsgremien beider Parteien abgenickt.

Einen gemeinsamen Parteitag von CDU und CSU zum Wahlprogramm – bei anderen Parteien Standard – wird es nicht geben. Zu aufwändig, heißt es. Die verschiedenen Parteisatzungen machten einen gemeinsamen Beschluss auf einem gemeinsamen Parteitag schwierig.

Tatsächlich hält es die Union schon seit Jahren so. Dass die politische Konkurrenz ihrer Basis die Möglichkeit zum öffentlichen Diskutieren gibt, lässt die Parteiführung, aber auch die einfachen Mitglieder offensichtlich kalt. Bis auf einen Landesverband der Jungen Union, der die Wahlprogramm-Erarbeitung als undemokratisch kritisierte, gab es keine öffentlichen Beschwerden.