Der Justizminister war aufgeschreckt. Hans Otto Bräutigam machte seinen Beamten in Potsdam Beine. "Herr Minister bat fernmündlich um einen Bericht", notierte ein Beamter handschriftlich auf den Rand eines Aktenblattes. "Die Angelegenheit sei brisant und müsse sofort verfolgt werden."

Der Grund waren zwei Artikel, der erste erschien in der ostdeutschen Tageszeitung Junge Welt, "Nazi-Druckerei im Knast?" lautete die Überschrift. In der Justizvollzugsanstalt Brandenburg/Havel hätten sich einige Rechtsextreme zusammengeschlossen und könnten dort sogar eine Propaganda-Zeitschrift produzieren. Einige Tage später zog der Spiegel mit einer ähnlichen Meldung nach. Was darauf folgte, war lange Zeit typisch für den Umgang von Sicherheitsbehörden mit Rechtsextremismus: Das Problem wurde kleingeredet, ignoriert und so im Ergebnis gefördert. Das Ergebnis war dann zum Beispiel der NSU.

Jedenfalls herrschte kurz vor Weihnachten 1996 im Justizministerium von Brandenburg hektische Betriebsamkeit. Häftlinge wurden befragt, Ministerialräte tippten lange Vermerke. Per Pressemitteilung wies die Behörde die Darstellung der beiden Medien schließlich zurück – doch dieses Dementi war falsch. Nachlesen kann man all dies in einer Akte des Potsdamer Justizministeriums. "VS – Nur für den Dienstgebrauch", sind die 505 Seiten gestempelt. Anfang 2013 wurde die Akte dem NSU-Untersuchungsausschuss des Bundestages zugeleitet. Sie liegt ZEIT ONLINE vor. Der Vorgang trägt das Aktenzeichen 4510-E IV. 6/96. Die Akte belegt, dass das Ministerium sogar dann noch sein falsches Dementi verbreitete, als die Beamten es nachweislich besser wussten.

Ostdeutschland war in den neunziger Jahren  ein Eldorado für Neonazis. Mittendrin Carsten Szczepanski, Anfang 20, einer der gefährlichsten Rechtsextremen des Landes. 1995 wurde er zu acht Jahren Haft verurteilt, weil er einen nigerianischen Asylbewerber fast totgeprügelt hatte. Im Gefängnis warb ihn der Brandenburger Verfassungsschutz als V-Mann. Betreut wurde er zeitweise von Gordian Meyer-Plath, heute Chef des sächsischen Landesamtes. Vorzeitig aus der Haft entlassen, machte Szczepanski Karriere in der Rechtsrock-Szene und in der NPD, bevor er im Jahre 2000 aufflog und in ein Zeugenschutzprogramm aufgenommen wurde.

Szczepanski gründete mit anderen Neonazis 1996 im Gefängnis in Brandenburg/Havel einen "Rundbrief inhaftierter Kameraden", Titel: Der Weiße Wolf. Solche Postillen, genannt Skinzines, bestanden meist aus ein paar kopierten und zusammengetackerten Blättern mit Berichten von Nazi-Konzerten oder Elogen auf den Hitler-Stellvertreter Rudolf Hess ("Märtyrer des Friedens"). Der Weiße Wolf war in der Szene bald ein angesagtes Heftchen. Genau dort tauchte Anfang 2002 ein Gruß an den damals noch unentdeckten NSU auf.

"Keine Anhaltspunkte für organisierte rechtsextremistische Szene"

Dass das Heft sogar auf Gefängnis-Kopierern und damit auf Staatskosten vervielfältigt werden konnte, war ein ungeheuerlicher Vorwurf. Entsprechend fiel das Dementi aus, das die Pressestelle des Ministeriums am 20. Dezember 1996 versandte. Es gebe "keine Anhaltspunkte dafür, dass es eine organisierte rechtsextremistische Szene in den Justizvollzugsanstalten des Landes gibt". Und: "Mit größter, allerdings nicht vollständiger Sicherheit kann ausgeschlossen werden, dass Der Weiße Wolf in der Druckerei der JVA oder in der Redaktion der Gefangenenzeitung hergestellt worden ist." Nachrichtenagenturen und Regionalzeitungen verbreiteten diese Darstellung.

Allein, sie war falsch. Schon Anfang September 1996 hatte ein anderer Häftling der JVA Brandenburg in einer Strafanzeige detailliert geschildert, wie die Clique um Szczepanski die Ausrüstung der Anstaltszeitung nutzte. In der Redaktion stehe "auch ein leistungsfähiger Kopierer (bis A2-Format)", schrieb er in dem dreiseitigen Brief. Schon länger sei aufgefallen, dass darauf laufend "eine erhebliche Anzahl von Kopien gefertigt" wurde, für die es keine Erklärung gab. Doch irgendwann habe man "Kopiervorlagen gefunden, die inhaltlich eindeutig dem rechten (faschistischen) Ideologiespektrum zuzuordnen sind". Offenbar handele es sich "es sich hierbei nur um einen geringen Teil einer relativ regelmäßig erscheinenden, möglicherweise sogar aus der JVA Brandenburg heraus vertriebenen Zeitschrift mit verfassungsfeindlichem Charakter." Einer der rechten Häftlinge habe das eingeräumt und sei als Redakteur rausgeworfen worden. Die Kopiervorlagen, elf an der Zahl, legte der Mann seiner Anzeige bei. Er schilderte auch, dass Szczepanski ihn bedroht habe und bat voller Angst um Vertraulichkeit – "aus Gründen der persönlichen und vor allem gesundheitlichen Eigengefahr, natürlich vor allem hier innerhalb der JVA".