Den vielleicht wichtigsten Erfolg nennt der Berliner Abgeordnete Michael Schäfer gleich zu Beginn. "Nach diesem Mitgliederentscheid werden wir unser Wahlprogramm besser kennen, als wir je eines gekannt haben", ruft er den etwas mehr als 200 Zuhörern in den Uferstudios in Berlin-Mitte sowie den Tausenden vor dem Livestream zu. Und Schäfer sieht noch einen Vorteil: "Wir haben viele Ziele, für fast alle Menschen – welche aber sind am wichtigsten? Das soll hier von uns entschieden werden", sagt er und wird dafür mit Applaus der Entscheider bedacht.

Es ist ein sonniger Junitag in Berlin, Deutschland im Wahlkampf, und die Grünen experimentieren mal wieder mit Beteiligungsmöglichkeiten für ihre Mitglieder herum. Die sogenannte Basisdemokratie ist derzeit ziemlich angesagt im Wahlkampf, auch Angela Merkel sucht Kontakt zu den CDU-Mitgliedern. Ein bisschen wohl auch die Schuld der Piraten mit ihrer Liebe zu Schwarmentscheidungen aller Art. Die Grünen jedenfalls sehen sich selbst bekanntlich als die Mitmachpartei der ersten Stunde. Ihr Mitgliederentscheid über die wichtigsten Wahlkampfthemen der Partei soll diesen Avantgardismus deshalb auch ein bisschen unterfüttern.

Nun dürfen die Grünen also 9 aus 58 wählen. Nachdem die rund 60.000 Mitglieder der Partei bereits über ihre Spitzenkandidaten entschieden haben, sollen sie nun bestimmen, welche neun Themen im Wahlkampf besonders gepusht und im Fall einer Regierungsbeteiligung als erstes angepackt werden sollen. Die drei großen Themenblöcke Energiewende und Ökologie, Gerechtigkeit sowie Moderne Gesellschaft hat die Parteiführung dafür in 58 Schlüsselprojekte unterteilt, die sie nun ihren Mitgliedern zur Wahl vorlegt.

Basis entscheidet über Personal und Programm

"So wie die Urwahl für einen großen Rückhalt für unsere Spitzenkandidaten gesorgt hat, dürfte diese Abstimmung zu einer starken Identifikation mit unserem Programm führen", sagt Robert Heinrich. Der Wahlkampfmanager der Grünen nennt die Abstimmung ein Experiment. Mehr als ein Jahr Vorlauf und viel Überzeugungsarbeit habe es gebraucht, damit nun 320 der 418 Kreisverbände der Grünen an diesem Wochenende Versammlungen wie die in Berlin-Mitte abhalten. Ein groß angelegter Mobilisierungsversuch für den Bundestagswahlkampf.

Und die Mitglieder wollen offenbar mobilisiert werden. Trotz des schönen Wetters sitzen sie in Berlin wie auch im Rest des Landes zu Tausenden und lauschen den Argumenten ihrer Parteifreunde. Mal geht es um einen neuen Wachstumsbegriff, mal um Klimaschutz – Friedenspolitik, Kohleausstieg, Entwicklungshilfe und gleichgeschlechtliche Liebe: Nicht jedes der 58 Projekte kann vorgestellt werden, aber doch sehr unterschiedliche Themen finden ihren Weg auf die Bühne.