WahlkampfLasst die Gummistiefel im Schrank!

Das Hochwasser bringt Merkel und Steinbrück in Versuchung, die Katastrophe zu benutzen wie einst Gerhard Schröder. Das sollten sie lassen, kommentiert Ludwig Greven. von 

Naturkatastrophen eigenen sich nicht zum Wahlkampf? Weit gefehlt! Als 2002 die Flüsse im Osten über die Ufer traten, zog sich Gerhard Schröder beherzt Gummistiefel an, watete durch die überfluteten Ortschaften und versicherte den Betroffenen Solidarität und Unterstützung. Sein Konkurrent Edmund Stoiber, der lieber Akten studierte als Menschen, fand das infam. Aber es half nicht: Mit seinem äußerst fernseh- wie wählerwirksamen Einsatz an der Wasserfront (und an der Front gegen den Irak-Krieg) sicherte sich Schröder seine knappe Wiederwahl.

Auch Barack Obama steckte vor einem Jahr in schwieriger Lage. Da kam dem US-Präsidenten ein Hurrikan an der Ostküste wahlkampftechnisch gerade gelegen: Er umarmte die Opfer der Sturmkatastrophe in Oklahoma und demonstrierte hemdsärmelig, dass auf ihn Verlass sei. Selbst die republikanischen Gegner zollten ihm dafür Respekt. 

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In Deutschland herrscht nun wieder Wahlkampf, und im Süden und Osten kämpfen Menschen gegen die Wassermassen. Was liegt näher, als diese Chance zu nutzen? Kanzlerin Angela Merkel besuchte an diesem Dienstag sogleich die betroffenen Gegenden, um sich ein Bild von der Lage zu machen, wie es offiziell heißt.

Man tut ihr sicher nicht unrecht, wenn man unterstellt, dass sie dabei wie alle Politiker natürlich auch das Bild im Auge hat, dass bei den Wählern hängenbleiben wird: Die Kümmerin der Nation sorgt sich. Sie hat nicht nur ein gutes Herz für Mütter und Mieter, wie sie unlängst unter Beweis gestellt hat. Sie vergisst auch ihre Landsleute im Osten nicht, die um ihr Hab und Gut bangen.

Ähnlich wie Stoiber vor elf Jahren dürfte SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück das Schauspiel mit ohnmächtigem Grimm verfolgen. Denn es ist nun mal das Vorrecht Regierender, Bürgern in Not zu helfen. So wie es Steinbrück gemeinsam mit Merkel 2008 auf dem Höhepunkt der Finanzmarkt-Katastrophe getan hat, als beide vor den Fernsehkameras den deutschen Sparern den Erhalt ihrer Einlagen garantierten.

Diesmal aber kann der Ex-Finanzminister freilich nur zuschauen, wie Merkel Punkte sammelt. Selbst wenn er ebenfalls Gummistiefel anzöge: Die Kanzlerin war ja schon da, und er könnte den Betroffenen außer schönen Worten nichts zusagen. 

Steinbrück steht das Wasser bis zum Hals

Merkel hingegen muss natürlich an den Ort der Katastrophe eilen. Bliebe sie in Berlin, würde ihr das womöglich als Kaltherzigkeit ausgelegt, auch wenn sie die Lage von dort sicherlich mit Hilfe von Berichten der Einsatzkräfte ebenso gut einschätzen und Hilfsmaßnahmen anordnen könnte.

Dennoch dürfte sich der Fluteinsatz für sie weniger auszahlen als damals für ihren Vorgänger. Denn erstens verfügt sie nicht über die brutale Entschlossenheit Schröders, sich selbst zu inszenieren. Das passt nicht zu ihrem Naturell. Zweitens hatten wir das alles schon einmal. Eine bloße Wiederholung wirkt jedoch, im Fernsehen wie im wirklichen Leben, wie ein müder Aufguss. Und drittens kommt die Flut zu früh: Erst in der Endphase des Wahlkampfs, wenn alle Aufmerksamkeit auf die beiden Kandidaten gerichtet ist, kann eine gelungene Geste, ein wärmendes Wort für Hilfesuchende oder ein misslungener Auftritt den Ausschlag geben.

Vor allem aber hat es die Kanzlerin und CDU-Vorsitzende gar nicht nötig, nach wohlfeilen Gelegenheiten zu greifen, ihre Fähigkeiten als Menschenfängerin unter Beweis zu stellen. Nicht ihr, sondern dem SPD-Mann steht das Wasser bis zum Hals. Ihm gelingt fast gar nichts mehr. Sie dagegen verkörpert gekonnt die Obermutti, erst recht in schweren Zeiten. 

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Leserkommentare
  1. Den nicht vergessen!

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  2. 2. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion leisten möchten. Danke, die Redaktion/jk

    Eine Leserempfehlung
  3. Vor einem Jahr war an der Ostküste ein HURRIKAN und vor ein paar Wochen der Tornado in Oklahoma.

    Der Absatz ist etwas missverständlich formuliert.

    2 Leserempfehlungen
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    Redaktion

    Lieber Leser,
    Sie haben natürlich recht. Wird korrigiert. Danke für den Hinweis.

  4. der Abgesang auf die Obermutti mit dem Hang zur Rattenfängerin - oder wollten Sie nur einmal Peer Steinbrück mit der Überschrift eins auswischen; denn daß er die Gummistiefel anzöge oder gar mit den Zähnen knirschte gehört ja offensichtlich zu Ihrer Phantasie, nicht jedoch zu Tatsachen. - Die Obermutti jedoch nutzt die Gelegenheit, mit Horst Seehofer gemeinsam in Passau zu sein, derweil die Milchbauern vor ihrem Kanzleramt protestieren. - Wie fühlt sich eigentlich Horst Seehofer, der den Länderfinanzausgleich nicht zahlen will, jetzt jedoch nicht nur von der EU, sondern auch von den restlichen Bundesländern Hilfe haben möchte, jedoch von einer Jahrhundertflut bis zur nächsten nichts tat, um vorzubeugen? -

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  5. Peer watet sowieso anstatt durch Überflutungsgebiete viel lieber von einem Fettnäpfchen ins Andere. Jedem das, was er am besten kann.

    3 Leserempfehlungen
  6. 6. [...]

    Entfernt. Bitte formulieren Sie Ihre Kritik sachlich und konstruktiv. Danke, die Redaktion/jk

    3 Leserempfehlungen
  7. Auch Griechenland war im Jahr 2011 ein "Thema ohne Beschäftigung " , alle Europäer wüssten von der Finanzschwierigkeiten , auch die Franzosen die schliesslich die meisten Krediten bei der Griechen zu fordern hätten , wer hat eine Beschäftigung für das Thema gefunden ? Drei Mal darf mal raten .

  8. Zitat:
    Denn erstens verfügt sie nicht über die brutale Entschlossenheit Schröders, sich selbst zu inszenieren.

    Was soll denn an Merkel "keine" Selbstinszenierung sein??

    Ständig sind die anderen schuld, wenn etwas passiert und Frau Merkel biegt das wieder hin (wenigstens tut sie so) was schief gelaufen ist. Danach lässt sie sich regelmäßig als große Heldin feiern und die Presse hat nichts besseres zu tun als mit zu feiern, anstatt sie mal kritisch zu hinterfragen.

    Nur ein einziges mal sollte man sich fragen, wer die Verantwortung für die Politik hat und wer die Richtung vorgibt.

    Bei allen vorangegangenen Regierungen war es der Kanzler aber heute??

    18 Leserempfehlungen
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    • AndreD
    • 04. Juni 2013 14:58 Uhr

    "Sie dagegen verkörpert gekonnt die Obermutti, erst recht in schweren Zeiten."

    Die Zeit fällt auch noch auf die von ihr kritisierte Inszenierung herein!!!

    Wo ist die Frau denn Obermutti??? Das ist doch eher die böse Frau Holle!!!

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Angela Merkel | Gerhard Schröder | Edmund Stoiber | Wahlkampf | Flut | Hurrikan
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