Elbe-Hochwasser : Wer bezahlt das Parkett?

Die Einwohner von Rothensee stoppten das Hochwasser, doch dann wurde der Ort geflutet, um ein Umspannwerk zu retten. Das Parkett von Leser W. Neuhaus wurde zerstört.

In Notsituationen sind viele Menschen zu uneigennütziger Hilfe bereit, das hat die Flutkatastrophe an der Elbe gezeigt. Die private Hilfe war überwältigend. Doch der Einsatz staatlicher Kräfte hat bei uns Bewohnern von Magdeburg-Rothensee zwiespältige Gefühle hinterlassen.

Der Vorort der Landeshauptstadt beheimatet eine Wohnsiedlung aus den dreißiger Jahren sowie Industrie, Gewerbe und ein Umspannwerk, das die Stromversorgung eines Großteils der Stadt sichert.

Am Freitag, den 7. Juni, begann Wasser aus dem gefluteten Hafen auf den August-Bebel-Damm zu strömen. Dieser Damm ist eine wichtige Ausfallstraße nach Norden und ein Damm gegen die Elbe. Das Flutwasser wurde von dieser Schwachstelle am nördlichen Hafenbecken durch Sandsackwälle nach Süden über den Damm abgeleitet. Allerdings nur bis zu jener Stelle, an der die Straße nach Rothensee abzweigt. Von dort konnte sich das Wasser ungehindert in die Siedlung ergießen. 

Am Samstag, den 8. Juni wurde die Situation in Rothensee dramatisch. Anwohner stoppten das Wasser, wo es ging. Als sie am Abend die Abzweigung am August-Bebel-Damm mit einem niedrigen Wall abdichteten, wurde dieser Schutz von staatlichen Einsatzkräften wieder weggebaggert.

Zusätzlich wurden Wasserkanonen eingesetzt, um Wasser vom Umspannwerk in den Ort zu pumpen. Bis zum Sonntag strömte nun das Wasser in die Gärten und Häuser. Die Bewohner mussten ihre Häuser verlassen und konnten viele Gegenstände nicht retten. In unserem Haus stand das Wasser im Erdgeschoss etwa zehn Zentimeter hoch. Wir mussten das Parkett rausreißen.

Als Oberbürgermeister Lutz Trümper vor der Fernsehkamera von Journalisten auf die Situation in Rothensee angesprochen wurde, reagierte er mit Unsicherheit und Ratlosigkeit.

Der Ministerpräsident und der Verteidigungsminister besuchten die Helfer am Umspannwerk. Ob sie wohl verstanden haben, warum die Rothenseer Bürger ihren Konvoi bei der Durchfahrt ausbuhten? Gerade war der Schutzwall der Anwohner zerstört worden.

Während die Flut an anderen Orten wie Fischbeck noch Schaden anrichtete, begannen wir mit den Aufräumarbeiten. Alles, was nicht zu retten war, kam an den Straßenrand. Am folgenden Samstag begannen die Müllwerker mit dem Abtransport. Dann brach die Straße zusammen, die über viele Stunden ein Flussbett gewesen war. Die Straßendecke war unterspült worden. 

Die Straße wird repariert werden. Aber was ist mit den Schäden am Privateigentum? Der Schutz öffentlicher Einrichtungen für die Allgemeinheit ist sehr wichtig. Jeder versteht, dass ein Umspannwerk vor Schäden bewahrt werden muss.

Wenn aber der Staat in die Rechte und das Eigentum seiner Bürger eingreift, um solche Einrichtungen zu schützen, muss er dann nicht auch dafür gerade stehen?

Wir Bewohner von Rothensee sind unsicher. Wir wollen nicht bürokratisch abgefertigt werden. Wir hoffen auf Fachkräfte, die sich mit Sachverstand mit unserer Situation beschäftigen und unbürokratisch Hilfe sowie Schadenersatz leisten.

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Kommentare

77 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

Danke

Auch wenn ich Ihre vorherigen Kommentare im Tonfall nicht richtig fand ist das ein interessanter Link. Demnach müsste tatsächlich der Staat dafür aufkommen. Was ist aber, wenn der Ort so oder so überschwemmt worden wäre und man das nur beschleunigt hat um dieses Umspannwerk zu retten? Ist es dann immer noch der gleiche enteignende Eingriff?
Es wäre schön die Meinung von einem spezialisiertem Juristen zu hören.

Es ist erschreckend zu sehen, wie viel die Betroffenden bei dieser Flut verloren haben. Ich hoffe aber, dass auch sie ganz persönlich Konsequenzen ziehen und nicht einfach das Parkett erneuern oder sich auf staatliche Maßnahmen verlassen.

@5 - TK_Khaos: Einmal von dem wirklich unpassenden "Ton" ...

... und der richtigen Grundeinstellung abgesehen:
"Schon mal davon gehört, dass die Gemeinschaft der Staat ist? Und der Staat die Gemeinschaft?"

... hilft das noch wenig.
Es wäre mit Hilfe einer ethischen Grundhaltung und dem ökonomischen Prinzips jedoch rasch zu lösen:
Durch die Flutung des U-Werkes wäre ein (nur zu vermutender) Schaden von 10Tausend für die Gruppe A (100 Personen) entstanden. Stattdessen wurde die Alternative mit dem Dammbruch gewählt, wobei der Gruppe B (auch 100 Personen) der Schaden von 5Tausend entstanden ist.
Wenn man den Schaden nun auf die Gemeinschaft(!) A,B bezieht, ist der Gesamtgruppe ein Schaden von 5Tausend für 200 Personen entstanden.
Da A jedoch keinen Schaden hat, B nun den Gesamtschaden, wären Transferleistungen der Gruppe A zu B durchzuführen, bis alle den gleich hohen Schaden hätten. Kann sich nun jeder ganz einfach ausrechnen.

Mithin müsste der Leser einen Teil seines Parketts selbst zahlen, den Rest bekäm er solidarisch von jenen, die durch sein "Opfer" ihren Schaden verringern konnten.

Und ggf. zahlt der Staat (Übergemeinschaft) nun solidarisch noch etwas zu.

Andere Summen und der Fall, dass A und B nicht teilfremd wären, verkompliziert das Ganze, bleibt jedoch prinzipiell die gleiche Frage.

Ist lediglich eine Frage der gerechten Güterabwägung.