ZEIT ONLINE: Kanzlerin Angela Merkel wildert im Vorgarten der SPD und übernimmt deren Forderungen nach Mindestlöhnen und Obergrenzen für Mietsteigerungen. Was kann man gegen solches Raubrittertum im Wahlkampf machen?

Frank Stauss: Man muss sich dagegen gar nicht schützen. Wenn ich die Kampagne der SPD zu verantworten hätte, würde ich auf dem Tisch tanzen vor Freude, dass Merkel sozialdemokratische Forderungen übernimmt. Der Kanzlerin deswegen Themenklau vorzuwerfen wäre ungefähr so, als wenn ein Stürmer einem Verteidiger vorwirft, dass er ihm den Ball weggenommen hat.

ZEIT ONLINE: Weshalb macht Merkel das?

Stauss: Das ist das Erstaunliche: Sie begibt sich ohne Not aus dem Olymp der Staatsfrau in die Ebene der Tagespolitik. Offenbar hat die CDU erkannt, dass sie mit dem bisherigen Ansatz, nur auf die Kanzlerin zu setzen und selber keine Themen zu formulieren, nicht bis zum Wahltag durchdringen wird.

ZEIT ONLINE: Aber zunächst einmal kopiert sie ja nur Positionen des Gegners. Macht die CDU das, um Themen der SPD zu neutralisieren?

Stauss: Das wird ihr nicht gelingen. Mieten und Lohnuntergrenzen – das sind klassische Themen der Opposition. Es ist vielmehr so, dass die CDU zweimal erlebt hat, 2005 und 2009, dass ihr kurz vor Schluss die Felle davon geschwommen sind. 2005 ist die CDU dramatisch abgestürzt auf 35 Prozent, 2009 lag sie noch darunter. Das ist damals nur deshalb wenig beachtet worden, weil die SPD noch schlechter abgeschnitten hat. Die CDU hat vor vier Jahren im Lauf des Wahlkampfs vier bis fünf Prozentpunkte gegenüber den Umfragen verloren. Das hinterlässt Spuren bei den Wahlkämpfern der Union.

ZEIT ONLINE: Die Union treibt die Angst, dass sich das wiederholen könnte?

Stauss: Ja, Merkel und die CDU werden nervös.

ZEIT ONLINE: In den Umfragen liegt die Union aber noch weit vorne.

Stauss: Die Union kann sich nach ihren schlechten Erfahrungen nicht sicher sein, und sie ist es offenkundig nicht. Merkel wollte sich als die große Euro-Retterin und Retterin Deutschlands feiern lassen. Aber die CDU spürt vermutlich, dass die Menschen ganz andere Themen bewegen. Und das sind Themen wie eben Mieten oder Löhne, bei denen die SPD traditionell stark ist.

ZEIT ONLINE: In der Sozialkompetenz hat die CDU die SPD aber laut Umfragen zuletzt sogar überholt.

Stauss: Vor allem liegt Frau Merkel hier vor dem SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Das sind aber nur Momentaufnahmen, und das liegt sicher auch am Stolperstart, den Steinbrück hingelegt hat. Interessant ist, dass sich die CDU von ihrer bisherigen Strategie abwendet und sich in die Niederungen des Alltags der Menschen begibt. Ich sehe darin einen Wendepunkt des Wahlkampfs. Die CDU lenkt damit allerdings die Aufmerksamkeit darauf, dass gerade in diesem Bereich in den vergangenen vier Jahren nichts passiert ist. Das ist für sie die große Gefahr. Und sie lenkt den Blick auf ihren Koalitionspartner FDP, die sich als Partei der Immobilienbesitzer, Selbständigen und Mittelständler gegen all diese Dinge wehrt.

ZEIT ONLINE: Vielleicht ist das ja gerade die Taktik der CDU, der FDP eine Möglichkeit zu schaffen, sich zu profilieren?

Stauss: Man kann das als Pingpong-Spiel interpretieren. Aber die Wähler sehen ja, dass die schwarz-gelbe Koalition die Probleme, die sie am meisten bewegen, nicht gelöst hat.