Wahlkampf : "Merkel wird nervös"

Die CDU klaut Themen der SPD. Der Politik-Berater Frank Stauss sieht darin eine Wende im Wahlkampf. Im Interview erklärt er, was Steinbrück jetzt tun müsste.

ZEIT ONLINE: Kanzlerin Angela Merkel wildert im Vorgarten der SPD und übernimmt deren Forderungen nach Mindestlöhnen und Obergrenzen für Mietsteigerungen. Was kann man gegen solches Raubrittertum im Wahlkampf machen?

Frank Stauss: Man muss sich dagegen gar nicht schützen. Wenn ich die Kampagne der SPD zu verantworten hätte, würde ich auf dem Tisch tanzen vor Freude, dass Merkel sozialdemokratische Forderungen übernimmt. Der Kanzlerin deswegen Themenklau vorzuwerfen wäre ungefähr so, als wenn ein Stürmer einem Verteidiger vorwirft, dass er ihm den Ball weggenommen hat.

ZEIT ONLINE: Weshalb macht Merkel das?

Frank Stauss
©Bernhard Huber

Frank Stauss begann seine Karriere als Wahlkämpfer 1992 in der Clinton/Gore-Kampagne und hat mit seiner Agentur Butter seither 23 Wahlkämpfe geführt. Unter anderem für Gerhard Schröder, Hannelore Kraft und Klaus Wowereit. In seinem neuen Buch Höllenritt Wahlkampf berichtet der 48-Jährige davon. Für ZEIT ONLINE analysiert er in loser Folge die Coups und Pleiten der Parteien im Kampf um die Macht, denn "Wahlkampf ist jeden Tag".

Stauss: Das ist das Erstaunliche: Sie begibt sich ohne Not aus dem Olymp der Staatsfrau in die Ebene der Tagespolitik. Offenbar hat die CDU erkannt, dass sie mit dem bisherigen Ansatz, nur auf die Kanzlerin zu setzen und selber keine Themen zu formulieren, nicht bis zum Wahltag durchdringen wird.

ZEIT ONLINE: Aber zunächst einmal kopiert sie ja nur Positionen des Gegners. Macht die CDU das, um Themen der SPD zu neutralisieren?

Stauss: Das wird ihr nicht gelingen. Mieten und Lohnuntergrenzen – das sind klassische Themen der Opposition. Es ist vielmehr so, dass die CDU zweimal erlebt hat, 2005 und 2009, dass ihr kurz vor Schluss die Felle davon geschwommen sind. 2005 ist die CDU dramatisch abgestürzt auf 35 Prozent, 2009 lag sie noch darunter. Das ist damals nur deshalb wenig beachtet worden, weil die SPD noch schlechter abgeschnitten hat. Die CDU hat vor vier Jahren im Lauf des Wahlkampfs vier bis fünf Prozentpunkte gegenüber den Umfragen verloren. Das hinterlässt Spuren bei den Wahlkämpfern der Union.

ZEIT ONLINE: Die Union treibt die Angst, dass sich das wiederholen könnte?

Stauss: Ja, Merkel und die CDU werden nervös.

ZEIT ONLINE: In den Umfragen liegt die Union aber noch weit vorne.

Stauss: Die Union kann sich nach ihren schlechten Erfahrungen nicht sicher sein, und sie ist es offenkundig nicht. Merkel wollte sich als die große Euro-Retterin und Retterin Deutschlands feiern lassen. Aber die CDU spürt vermutlich, dass die Menschen ganz andere Themen bewegen. Und das sind Themen wie eben Mieten oder Löhne, bei denen die SPD traditionell stark ist.

ZEIT ONLINE: In der Sozialkompetenz hat die CDU die SPD aber laut Umfragen zuletzt sogar überholt.

Stauss: Vor allem liegt Frau Merkel hier vor dem SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück. Das sind aber nur Momentaufnahmen, und das liegt sicher auch am Stolperstart, den Steinbrück hingelegt hat. Interessant ist, dass sich die CDU von ihrer bisherigen Strategie abwendet und sich in die Niederungen des Alltags der Menschen begibt. Ich sehe darin einen Wendepunkt des Wahlkampfs. Die CDU lenkt damit allerdings die Aufmerksamkeit darauf, dass gerade in diesem Bereich in den vergangenen vier Jahren nichts passiert ist. Das ist für sie die große Gefahr. Und sie lenkt den Blick auf ihren Koalitionspartner FDP, die sich als Partei der Immobilienbesitzer, Selbständigen und Mittelständler gegen all diese Dinge wehrt.

ZEIT ONLINE: Vielleicht ist das ja gerade die Taktik der CDU, der FDP eine Möglichkeit zu schaffen, sich zu profilieren?

Stauss: Man kann das als Pingpong-Spiel interpretieren. Aber die Wähler sehen ja, dass die schwarz-gelbe Koalition die Probleme, die sie am meisten bewegen, nicht gelöst hat.

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Kommentare

79 Kommentare Seite 1 von 11 Kommentieren

AfD über 40%

Und zwar hier:
http://www.t-online.de/na...

Auch wenn diese Umfrage nicht repräsentativ ist - Forsa und Co glaube ich noch weniger. 3% für die AfD vorauszusagen ist lächerlich.

Im übrigen wird es - wenn überhaupt - kein Rot-Grün geben, sondern wenn schon, dann Schwarz-Grün. Und dann wird Deutschland Steuererhöhungen bekommen, wie noch nie. Das Land wird völlig ausbluten.

[...]

Was macht Frau Merkel denn? Sie fährt die Ernte ein, die die rot-grüne Vorgängerregierung vorbereitet hatte. Sonst nichts.
Die Rechnung für Merkels Nicht-Politik, ihre Untätigkeit und Versäumnisse, die vertane Zeit, ihre ausschließliche Beschäftigung mit dem eigenen Machterhalt werden wir erst in einigen Jahren zu spüren bekommen. Möglicherweise ist dann die SPD wieder an der Regierung und in der Logik der Wähler dann wieder schuld an der schlechten Lage. Weil "die SPD 'es' nicht kann."
Wie damals nach Kohl, als Rot-Grün den Scherbenhaufen der Vorgängerregierung beseitigen mußte und dafür auch noch gehaßt wird (Agenda 2010).

Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen und überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/se

So....

... werden Sie die "hippe, städtische Oberschicht" auf jeden Fall nicht für sich einnehmen. Neben den grotesken Prognosen und absurden Quellen, die in den letzten acht Kommentaren lesen durfte, ist die Wählerbeschimpfung zwar eigentlich zu vernachlässigen, aber mit Kulturkampfrethorik mobilisiert man immer auch die anderen - mir soll's recht sein, aber irritiert bin ich schon.