OLG MünchenCarsten S. entschuldigt sich bei NSU-Opfern

Der Mann, der die Mordwaffe besorgt haben soll, zeigt sich reuig. Ein logisches Ende seines Geständnisses. Doch wichtige Fragen bleiben offen. Von T. Sundermann, München. von 

Sieben Tage lang hat Carsten S. Fragen beantwortet. Er hat die Ermittler auf einen möglichen weiteren Anschlag des NSU hingewiesen. Er hat geweint, gezögert, sich geschämt. Oft konnte er sich nicht erinnern. Nun ist die Befragung durch die Anwälte der Nebenkläger, also der Opfer-Angehörigen und Überlebenden der NSU-Taten, beendet. Doch als Richter Manfred Götzl gerade den Verteidigern der anderen Angeklagten das Wort erteilen will, lehnt Carsten S., der dem NSU-Trio die Pistole für ihre neun Morde geliefert haben soll, nochmal den Oberkörper nach vorne.

"Ich will noch was sagen." Das hellblaue Hemd spannt über seinen Schultern. Von so nah hat er noch nie in das Mikrofon gesprochen. Er blickt geradeaus, nicht zu den Nebenklage-Anwälten, überlegt lange. Dann spricht er.

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"Ich kann nicht ermessen, was Ihren Angehörigen für unglaubliches Leid, Unrecht, angetan wurde. Mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, wie ich dafür empfinde. Ich denke mir, eine Entschuldigung wäre zu wenig. Eine Entschuldigung klingt wie ein ‚Sorry‘, oder ‚Dann ist es vorbei‘. Aber es ist noch lange nicht vorbei. Ich wollte Ihnen mein tiefes Mitgefühl ausdrücken."

Der logische Abschluss seines Geständnisses

S. atmet durch, nickt den Richtern zu. Dann erlischt das rote Licht an seinem Mikrofon. Später wischt sich S. über die Augen. Mit dem Vortrag endet das Verhör am zwölften Tag des NSU-Prozesses. Es ist der logische Abschluss seines Geständnisses. Er wolle "reinen Tisch" machen, hatte S. gesagt. Er gab zu, die Mordwaffe geliefert zu haben, und erzählte den Richtern Details über die Nazi-Szene von Jena.

Es könnte dem Prozess guttun, dass das Verhör durch die Nebenkläger nun zu Ende ist. Für den kommenden Tag sind Erklärungen der Anwälte angesetzt, außerdem können die Sachverständigen Fragen an S. stellen, weil alle Verteidiger vorerst auf Fragen verzichten. Zum Schluss war es während der Befragung zunehmend zu Streitereien zwischen den Nebenklage-Anwälten, den Verteidigern und Richter Manfred Götzl gekommen. Besonders heftig war es an diesem Prozesstag.

Schon kurz nach Beginn geraten der Kölner Anwalt Reinhard Schön und Ralf Wohllebens Verteidiger Olaf Klemke aneinander. Schön will S. fragen, ob es "in Neonazikreisen" Diskussionen über Gewalt als Mittel der Systemveränderung gegeben habe. Klemke fährt dazwischen: Was er denn bitte mit Neonazikreisen meine? "Na, was sind Sie denn?", fragt Schön, eine Anspielung auf Klemkes Ruf als Anwalt der rechten Szene. "Worauf beziehen Sie das ‚Sie‘? Auf mich?", poltert Klemke zurück, "Werden Sie jetzt persönlich oder was? Passen Sie mal auf, dass Sie keine Anzeige kriegen!" Doch Schön lässt sich nicht beirren: "Überprüfen Sie mal Ihre eigenen Aktivitäten." Es wird laut im Saal. Richter Manfred Götzl setzt die Verhandlung für fünf Minuten aus, damit sich die Gemüter abkühlen können. "Rechtsanwalt Klemke steht hier nicht in Frage", ermahnt er Schön anschließend. Außerdem erbittet er sich mehr Disziplin: "Wenn das so läuft, werden wir für jeden Zeugen einen ganzen Tag einplanen müssen."

Da könnte der Richter Recht haben. Noch nie wurde so deutlich, wie unterschiedlich die Juristen im Gerichtssaal arbeiten, wie an diesem Tag. Manche stellen ihre Fragen genau auf den Punkt. Andere fragen eher ins Blaue hinein. Bislang ließ Götzl derlei Fragen meistens durchgehen – heute nicht mehr.


Leserkommentare
    • mugu1
    • 19. Juni 2013 21:55 Uhr

    Die letzten Tage haben insgesamt relativ wenig Neues gebracht, was für den Prozess und die Urteilsfindung von Belang ist. Schon früh hat S. mehr oder weniger die wesentlichen Fakten dargelegt. Inwieweit er aber wirklich alles offen gelegt hat...ich weiss es nicht. Und ich muss es auch nicht wissen. Wichtig alleine ist, dass die Prozessbeteiligten für sie genügend Informationen bezogen haben.

    Ich könnte mir vorstellen, dass S. nach dieser Aussage relativ unbeschadet aus dem Prozess herauskommen wird, soll heißen: Ich könnte mir eine geringe Haftstrafe unter Anrechnung der U-Haft vorstellen, der Rest zur Bewährung ausgesetzt. Und dann ab ins Zeugenschutzprogramm, in dem er sich m.W. ja bereits befindet (habe ich, meine ich, zwischenzeitig einmal bei zeitonline gelesen).

    Insgesamt aber finde ich, dass er m.E. zwar Wohlleben durchaus schwer belastet hat, Zschäpe aber kaum wesentlich mehr als eh schon öfentlich bekannt, zumindest kaum etwas, was den Verdacht gegen sie weiter erhärten würde. Ob die übrigen Beweise und Indizien für eine Verurteilung für die begangenen abscheulichen Morde und Mordversuche reichen, wird letztlich wohl ab sofort entschieden, wenn diese nun bald von der Staatsanwaltschaft vorgelegt werden.

    Das alles habe ich absichtlich möglich neutral geschrieben, ohne meine eigene Meinung dazu bekanntzugeben. Wer meine früheren Beiträge hierzu kennt, kennt aber auch diese, denke ich.

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  1. "Carsten S. entschuldigt sich bei NSU-Opfern" – das ist ja das Letzte, was Carstn S. kann: "SICH" bei den Opfern "entschuldigen". Alles, was er kann, ist, die Opfer "um Entschuldigung bitten". Grauenvoll, diese Sprachschlampereien in selbsternannten Qualitätsmedien.

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    über Qualitätsmedien
    Das ist die deutsche Sprache und hat nichts mit Qualitätsmedien oder nicht zu tun schauen die soch mal im Duden unter "sich entschuldigen" da steht "jmdn. wegen eines falschen Verhaltens o. Ä. um Verständnis, Nachsicht, Verzeihung bitten" und was daran falsch sein soll weiß ich auch nicht. Jeder weiß was gemeint ist.

    > Grauenvoll, diese Sprachschlampereien in selbsternannten
    > Qualitätsmedien.

    Grauenvoll, diese völlig daneben liegende (Schein-)Besserwissereien selbsternannter Schützer des deutschen Sprachgutes.

    Das Wort entschuldigen hat (etwas gestelzter als im Duden ausgedrückt) tatsächlich zwei auf den ersten Blick ähnliche, aber dennoch ganz unterschiedliche Bedeutungen:

    1) von Schuld freisprechen
    2) um Vergebung bitten

    In der ersten (ja: stilistisch vorzuziehenden) Bedeutung ist es transitiv, in der zweiten (trotzdem korrekten) Bedeutung reflexiv

    Carsten S. hat also mit seiner Entschuldigung nicht nur moralisch, sondern auch sprachlich alles richtig gemacht ...

    Mein Tipp: Wenn Besserwisser sich auf Aussagen beschränken, bei denen sie es auch tatsächlich besser wissen, ist es etwas weniger peinlich ;-)

    • Hainuo
    • 20. Juni 2013 13:59 Uhr

    Wer Nachrichten haben will, die auf die Minute aktuell sind, der muss sich damit abfinden. Nebenbei: Ihr Tonfall ist grauenvoll. Es ist sehr leicht, andere zu kritisieren, wenn man es nicht selbst besser macht. Wir leben scheinbar in einer Welt, in der alle kritisieren wollen, aber keiner mehr was schaffen möchte.

  2. "Carsten S. entschuldigt sich bei NSU-Opfern"

    Er kann sich nicht bei den Opfern entschuldigen. Die sind tot. Er kann sie ebenso nicht um Entschuldigung bitten. Was ebenfalls logisch richtig wäre.

    Er kann nur die Hinterbliebenen der Opfer um Vergebung bitten. [..]

    Gekürzt. Bitte bleiben Sie sachlich und respektvoll. Danke, die Redaktion/ls

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    Wenn auch nicht direkt, können mit NSU-Opfern auch die Angehörigen der Umgekommen gemeint sein. Nicht zu vergessen sind zudem die vielen Verletzten der Bombenanschläge. Der Opferkreis sollte weiter gefasst werden als nur die Umgekommenen. Schliesslich sind alle die an den (negativen) Folgen einer Tat leiden, gewissermaßen Opfer dieser Tat.

    Zudem bedeutet "sich zu entschuldigen" in erster Linie um Verzeihung zu bitten. Ob eine Entschuldigung auch angenommen wird, ist selbstverständlich eine komplett andere Frage. Soweit so gut zu den Definitionen.

    Das Carsten S. hier Reue zeigt und um Entschuldigung bittet ist vollkommen menschlich und wird deutschem Strafrecht gemäß seit jeher strafmildernd qualifiziert. Ihm dieses Recht (zumindest darum zu bitten) abzusprechen - so traurig und schlimm die Taten des NSU auch waren - wäre unmenschlich und unangebracht.

  3. über Qualitätsmedien
    Das ist die deutsche Sprache und hat nichts mit Qualitätsmedien oder nicht zu tun schauen die soch mal im Duden unter "sich entschuldigen" da steht "jmdn. wegen eines falschen Verhaltens o. Ä. um Verständnis, Nachsicht, Verzeihung bitten" und was daran falsch sein soll weiß ich auch nicht. Jeder weiß was gemeint ist.

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    Antwort auf "Wie bitte:"
  4. Wenn auch nicht direkt, können mit NSU-Opfern auch die Angehörigen der Umgekommen gemeint sein. Nicht zu vergessen sind zudem die vielen Verletzten der Bombenanschläge. Der Opferkreis sollte weiter gefasst werden als nur die Umgekommenen. Schliesslich sind alle die an den (negativen) Folgen einer Tat leiden, gewissermaßen Opfer dieser Tat.

    Zudem bedeutet "sich zu entschuldigen" in erster Linie um Verzeihung zu bitten. Ob eine Entschuldigung auch angenommen wird, ist selbstverständlich eine komplett andere Frage. Soweit so gut zu den Definitionen.

    Das Carsten S. hier Reue zeigt und um Entschuldigung bittet ist vollkommen menschlich und wird deutschem Strafrecht gemäß seit jeher strafmildernd qualifiziert. Ihm dieses Recht (zumindest darum zu bitten) abzusprechen - so traurig und schlimm die Taten des NSU auch waren - wäre unmenschlich und unangebracht.

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  5. > Grauenvoll, diese Sprachschlampereien in selbsternannten
    > Qualitätsmedien.

    Grauenvoll, diese völlig daneben liegende (Schein-)Besserwissereien selbsternannter Schützer des deutschen Sprachgutes.

    Das Wort entschuldigen hat (etwas gestelzter als im Duden ausgedrückt) tatsächlich zwei auf den ersten Blick ähnliche, aber dennoch ganz unterschiedliche Bedeutungen:

    1) von Schuld freisprechen
    2) um Vergebung bitten

    In der ersten (ja: stilistisch vorzuziehenden) Bedeutung ist es transitiv, in der zweiten (trotzdem korrekten) Bedeutung reflexiv

    Carsten S. hat also mit seiner Entschuldigung nicht nur moralisch, sondern auch sprachlich alles richtig gemacht ...

    Mein Tipp: Wenn Besserwisser sich auf Aussagen beschränken, bei denen sie es auch tatsächlich besser wissen, ist es etwas weniger peinlich ;-)

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    Antwort auf "Wie bitte:"
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    äußerst Bemerkenswert wieviele Anhänger und Befürworter der Braune Sumpf immer nocht hat,wenn Carsten S. spätestens nach dem 3, Mord Reue gezeigt hätte würde man seine Entschuldigung ihm abkaufen aber so nicht !!

    Hoffentlich sind unsere Richter in München nicht so Blauäugig.

  6. äußerst Bemerkenswert wieviele Anhänger und Befürworter der Braune Sumpf immer nocht hat,wenn Carsten S. spätestens nach dem 3, Mord Reue gezeigt hätte würde man seine Entschuldigung ihm abkaufen aber so nicht !!

    Hoffentlich sind unsere Richter in München nicht so Blauäugig.

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    Antwort auf "@Daniel Duesentrieb"
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    "Carsten S. hat also mit seiner Entschuldigung nicht nur moralisch, sondern auch sprachlich alles richtig gemacht ..."

    Das war die Aussage. Das er "alles richtig" gemacht hätte, wurde nicht behauptet, sondern dass er mit seiner Entschuldigung alles richtig gemacht hat. Sie sollten Kommentare die sie kritisieren vielleicht vorher vernünftig lesen und auf ihre Unterstellungen und Beleidigungen verzichten.

    > äußerst Bemerkenswert wieviele Anhänger und Befürworter
    > der Braune Sumpf immer nocht hat

    oh ... mir ist in meinem Leben ja schon allerhand vorgeworfen worden, aber der Verdacht einer "Nähe zum braunen Sumpf" wurde tatsächlich noch nie an mich herangetragen. Was nicht zuletzt mit meiner keineswegs herrenmenschlichen Hautfarbe zu tun hat - mit der ich es wahrscheinlich äußerst schwer hätte, die Sympathie der "Volksgenossen" zu gewinnen.

    Woraus Sie auch (Vorsicht Wortspiel) schließen können, dass ich keineswegs blauäugig bin.

    Über die Echtheit der Reue von Carsten S. kann ich mir kein Urteil anmaßen.

  7. "Carsten S. hat also mit seiner Entschuldigung nicht nur moralisch, sondern auch sprachlich alles richtig gemacht ..."

    Das war die Aussage. Das er "alles richtig" gemacht hätte, wurde nicht behauptet, sondern dass er mit seiner Entschuldigung alles richtig gemacht hat. Sie sollten Kommentare die sie kritisieren vielleicht vorher vernünftig lesen und auf ihre Unterstellungen und Beleidigungen verzichten.

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  • Schlagworte Manfred Götzl | Bundeskriminalamt | NSU | Richter | München
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