Im Oberlandesgericht München kann man manchmal die Hauptangeklagte Beate Zschäpe  beobachten, wie sie auf den Nägeln kaut, sich durch die Haare streicht, die Handballen knetet. Ihr Mitangeklagter Carsten S. hingegen wirkt nicht nervös. Der 33-Jährige drückt den Rücken durch, alle bisherigen Prozesstage lang. Er hört aufmerksam zu, besonders wenn Richter Manfred Götzl redet. Als der ihn vor zwei Wochen fragte, ob er am nächsten terminierten Verhandlungstag aussagen wolle, drückt S. für das "Ja" extra die Taste an seinem Mikrofon.

Der Angeklagte gibt sich Mühe, es dem Gericht recht zu machen. Carsten S. will möglichst heil herauskommen aus dem, was ihm vorgeworfen wird: Beihilfe zum Mord. Vielleicht begreift er selbst nicht, wie er da hineingeraten konnte, in diese unglaubliche mutmaßliche Verbrechensserie von Rechtsterroristen.

Verstanden hat er aber, dass es im Prozess um Schadensbegrenzung für ihn geht. Die Mitangeklagten Beate Zschäpe, Ralf Wohlleben und André E. schweigen zu den Vorwürfen, Carsten S. hat als Strategie die größtmögliche Offenheit gewählt. Auch Holger G., der einige Plätze neben S. sitzt, will ab der nächsten Sitzung am Dienstag reden. Seit beide in den Polizeiverhören ausgesagt haben, gelten sie der Nazi-Szene als Verräter. Für beide ist es der Versuch, so viel wie möglich von dem zu retten, was sie außerhalb dieser Szene besitzen. Und für Carsten S. ist das mehr als bei jedem der anderen Angeklagten. Sein Leben Nummer zwei.

Von der NPD zur AIDS-Hilfe

Leben Nummer eins endete im Herbst 2000. Damals war er ein junger Nazi aus Jena, der sich zwar in der NPD engagierte, aber vor allem ein Mitläufer gewesen sein will. Carsten S. wurde stellvertretender Vorsitzender des Jenaer Kreisverbands der NPD und stellvertretender Bundesschef der Partei-Nachwuchsorganisation Junge Nationaldemokraten. Er war außerdem eine Art Handlanger des Kreisverbandsvorsitzenden Ralf Wohlleben. Den untergetauchten Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe besorgte er die Pistole, mit der neun Migranten erschossen wurden: Modell Ceska 83, tschechisches Fabrikat, Kaliber 7,65 Millimeter, eingeführt über Mittelsmänner aus der Schweiz. Die Arbeit für die hohen Nazi-Kader habe ihn stolz gemacht, sagte er laut einem aktuellen Focus-Bericht in den Verhören: "Das war ein gutes Gefühl." Das war zwischen 1999 und 2000.

Ein knappes Jahr danach begann Leben Nummer zwei: Es spielte in Düsseldorf, wo Carsten S. offen schwul lebte, Sozialpädagogik studierte und im Anschluss bei der Aids-Hilfe arbeitete. Seine Nazi-Vergangenheit verheimlichte er nicht – den verhängnisvollen Botengang, den er um die Jahrtausendwende unternommen hatte, schon.

Als der NSU Anfang November 2011 aufflog, vermischten sich beide Leben. Im Februar 2012 nahmen Spezialkräfte der GSG 9 S. in Düsseldorf fest. Bis Anfang Mai saß er in Untersuchungshaft. Der Generalbundesanwalt klagte ihn wegen Beihilfe zum Mord an. Als Gehilfen drohen Carsten S. mindestens drei Jahre Gefängnis, wenn er nach dem Erwachsenenstrafrecht verurteilt wird. Doch es ist gut möglich, dass S. für die Strafzumessung als Heranwachsender beurteilt wird, dass die Jugendgerichtshilfe ihm bescheinigt, während der Tat ein unsicherer junger Mann gewesen zu sein, der seine sexuelle Identität verheimlichte und gleichzeitig auf der Suche nach Anerkennung war. Dann könnte die Strafe niedriger ausfallen.

Belastungszeuge

Zudem ist S. für die Anklage ein wichtiger Zeuge, was sich ebenfalls strafmildernd auswirken könnte. Wie der Focus unter Berufung auf  Ermittlungsakten berichtet, belastete er Ralf Wohlleben in den Vernehmungen als Drahtzieher, der jeden Auftrag der Terrorzelle mitplante. So sei "die Einbindung und Entscheidung" des Jenaer NPD-Chefs bei Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe ständig gefragt gewesen. Der Anwalt von S., Johannes Pausch, wollte den Bericht gegenüber ZEIT ONLINE nicht bestätigen.

In der Verhandlung wird sich S. ab Dienstag allerdings selbst unangenehmen Fragen stellen müssen. Zum Beispiel, wieso ein angeblicher Mitläufer sich in so hohe Parteiämter wählen lässt. "Er ist mehr oder weniger da draufgesetzt worden", sagt sein Anwalt. Der rasante Aufstieg sei vor allem im "extremen Personalmangel und der Unlust der anderen" begründet gewesen.