US-Präsident : Der alte, vielleicht der wahre Obama

Der US-Präsident hat eine wichtige, zukunftsweisende Rede gehalten. Obama bleibt Mutmacher und Visionär, zumindest wenn er in Berlin ist. Gut so, kommentiert M. Klingst.
US-Präsident Barack Obama während seiner Rede vor dem Brandenburger Tor © Timur Emek/Getty Images

In der Tat, Barack Obama sprach keinen Satz, der es mit der legendären "Ich-bin-ein-Berliner"-Rede von John F. Kennedy hätte aufnehmen können. Oder mit den geschichtsträchtigen Worten Ronald Reagans, der einst die Sowjetunion aufforderte, endlich die Berliner Mauer einzureißen.

Aber es ist eben auch eine völlig andere Zeit. Der Kalte Krieg ist längst vorbei und auch die Mauer steht nicht mehr. Die aktuellen Bedrohungen für die Welt sind von einer ganz anderen Art. Oft komplizierter, diffuser und schwerer greifbar. Vergleiche zwischen Obamas Rede vom Mittwoch und den geschichtsträchtigen Ansprachen seiner Vorgänger sind darum unstatthaft.

Dennoch hielt Obama eine Rede mit Berliner Geist. Was er sagte, war wichtig und zukunftsweisend: Denn Amerikas Präsident forderte die Welt auf, knapp 24 Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer nun auch die Mauern in den Köpfen und Herzen einzureißen. Die Mauern der Ignoranz und Intoleranz. Der Fremdenfeindlichkeit und Borniertheit.

Der junge, frische, unverkrampfte Amerikaner ist zurück

Im Grunde schloss Obama den Kreis zu seinem ersten Berliner Auftritt vor fünf Jahren. Damals begeisterte der schwarze Präsidentschaftskandidat mehr als 200.000 Deutsche. Sie waren in Massen zur Siegessäule geströmt, denn nach den verheerenden Bush-Jahren weckte dieser junge, frische, unverkrampfte Amerikaner gewaltige Erwartungen weit über Amerika hinaus.  

Vor dem Brandenburger Tor redete jetzt wieder dieser alte Obama. Es trat der Mutmacher-Obama auf, der Hoffnungsträger, der Liberale und Visionär. Es sprach vielleicht sogar der wahre Obama, den man in der Zwischenzeit fast vergessen hatte.

Wie zu seinen Anfängen als Präsident verkündete er, nach einer atomwaffenfreien Welt zu streben. Das Gefangenenlager in Guantánamo schließen zu wollen. Weit mehr für den Klimaschutz zu tun. Die Menschenrechte zu achten. Armut, Ungleichheit und Krankheit in der Welt zu bekämpfen. Die Balance zwischen Sicherheit und Freiheit zu wahren.

Das waren nicht nur Botschaften, die deutsche Herzen höher schlagen lassen. Es waren auch deutliche Botschaften an sein amerikanisches Volk – vor allem an alle, die ihn gewählt haben.

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Kommentare

122 Kommentare Seite 1 von 17
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gut reden kann er

Zitat: Bei der letzten Wahl war Obama doch nur mehr das "geringere Übel", nicht mehr, nicht weniger.

Das wäre Steinbrück auch. Trotzdem wird er nicht gewählt.

Obama ist amerikanischer Präsident und nicht europäischer. Die Erwartungen sind und waren einfach lächerlich. Er ist doch nicht der Alleinentscheider in den USA. Politik machen doch weltweit die Großkonzerne. An deren Fäden hängt auch ein amerikanischer Präsident.

So ein Schmarren!

Die meisten Deutschen wissen auch ohne Obama daß Frau Dr. Merkel eine denkbar schlechte Politikerin ist. Für den großteil des Volkes jedenfalls, Großindustrie, Banken und einige wenige sehen das natürlich anders...

Die Menschen sind von Obama auch nicht enttäuscht, weil er nicht alle und jede noch so kleinste Ihrer Erwartungen nicht erfüllt hat.

Sie sind nicht einmal enttäuscht, daß er seine Versprechen nicht erfüllt hat.

Sie sind enttäuscht, weil er nur redet von Veränderung.
Aber nicht handelt...

Und jetzt werde ich vermutlich wieder hören, daß sein Spielraum ja ach so klein ist.
Das System, er selbst kann nicht, er will ja, aber...

Ist das nicht der beste Beweis, daß dieses System falsch ist?

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