Altkanzler Helmut Schmidt hält Peer Steinbrück zwar weiter für den richtigen Kanzlerkandidaten der SPD, zweifelt aber an dessen Wahlkampfqualitäten. Zur These, Steinbrück könne vielleicht Bundeskanzler, aber er könne nur schlecht Wahlkampf, sagte Schmidt dem Handelsblatt: "Könnte sein."

Schmidt hatte sich frühzeitig für Steinbrück als SPD-Kanzlerkandidaten ausgesprochen. In einem Interview mit dem Spiegel sagte er im Oktober 2011: "Er kann es." Ein Jahr später wurde Steinbrück vom SPD-Parteivorstand einstimmig als Kanzlerkandidat der SPD für die Bundestagswahl 2013 nominiert und am 9. Dezember auf einem Sonderparteitag gewählt.

Schmidt räumte ein, dass die SPD zurzeit mit Problemen zu kämpfen habe. "Sie tut sich schwer. Offenbar", sagte der 94-Jährige. Zugleich lobte er die finanzpolitische Expertise des SPD-Kanzlerkandidaten: "Peer Steinbrück ist von all den Leuten, die im Augenblick auf den öffentlichen Bühnen stehen, derjenige, der am ehesten einen Überblick über die Finanzprobleme der Europäischen Union hatte und weiterhin hat."   

Schmidt: Merkel hat keine Ahnung von Finanzen

Im Gegensatz zu Steinbrück attestierte Schmidt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) fehlendes Finanzwissen zur Lösung der europäischen Schulden- und Wirtschaftskrise. "Das ist eine, die über Finanzen nicht Bescheid weiß, aber über sie verfügt", sagte Schmidt dem Handelsblatt. Er verwies auf den enormen Zahlungsbilanzüberschuss, den Deutschland in jedem Jahr aufgrund seiner hohen Exporttätigkeit ausweist. 

"Ich bin der Meinung, wir müssen den Zahlungsbilanzüberschuss abbauen", sagte Schmidt. Dies solle durch die Anhebung der Löhne und Gehälter geschehen. Denn die Löhne und Gehälter seien in den vergangenen Jahren in Deutschland nicht in dem Maß gewachsen, in dem es angemessen gewesen wäre.  

"Reinigendes Gewitter"

Am Sonntag hatte Steinbrück, angesprochen auf Belastungen und Entbehrungen des Wahlkampfes, während eines Parteikonvents kurzzeitig die Fassung verloren. Dazu trugen Äußerungen seiner Frau Gertrud bei einem gemeinsamen Auftritt bei. Der Konvent stand unter dem Eindruck starker Spannungen zwischen Steinbrück und dem Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel. Dem Spiegel hatte Steinbrück gesagt, er erwarte, dass "sich alle – auch der Parteivorsitzende – in den nächsten 100 Tagen konstruktiv und loyal hinter den Spitzenkandidaten und die Kampagne stellen".  

SPD-Fraktionsgeschäftsführer Thomas Oppermann, in Steinbrücks Wahlkampfteam für die Bereiche Innen und Justiz zuständig, nannte das Zurechtweisen des Vorsitzenden ein "reinigendes Gewitter". Er fände es erstaunlich, mit welchen Nehmerqualitäten Steinbrück Belastungen bisher weg gesteckt habe, sagte Oppermann in der ARD. "So etwas lässt einen natürlich auch menschlich nicht unberührt." Die Emotionen zeigten, dass Steinbrück nicht nur "ein harter Hund", sondern  "auch sensibel und feinfühlig" sei.

In Umfragen kommt die SPD aber seit Wochen nur auf 24 bis 27 Prozent. Das würde für die erhoffte Koalition mit den Grünen nicht reichen.