ZEIT ONLINE: Als Spitzenpolitiker Emotionen zu zeigen: Ist das gefährlich oder hilfreich?

Stauss: Das kommt darauf an. Wichtig ist Authentizität und jeder Politiker ist anders, der eine ist emotionaler, der andere weniger. Das beobachten wir in diesem Wahlkampf besonders am Beispiel von Angela Merkel und Peer Steinbrück. Merkel zeigt kaum Emotionen, und das trägt auch zu dem positiven Bild bei, das viele Deutsche von ihr haben. Sie scheint alles im Griff zu haben.

ZEIT ONLINE: Steinbrück wirkte bisher auch eher unnahbar, viele Wähler fanden ihn gar arrogant. Am Wochenende hat er Nerven gezeigt. Hilft ihm dieser Gefühlsausbruch?

Sauss: Emotional, also impulsiv, war Steinbrück schon immer. Denken Sie an die ein oder andere flapsige Äußerung, die er in seiner Zeit als Finanzminister oder jetzt im Wahlkampf gemacht hat. Aber jetzt hat er Schwäche offenbart, das hat eine andere Dimension. Es kann ihm nützen, denn erstmals wirkte er sehr nahbar, man merkte, dass ihm die schlechte Situation der SPD nahegeht. Dass er übrigens den Rest der Veranstaltung gut gelaunt und schlagfertig war, ist schon in Vergessenheit geraten. Aber die meisten Menschen haben in den Fernsehnachrichten nur den schwachen Moment gesehen. Das war vielleicht der emotionale Höhepunkt des Wahlkampfes. Der SPD sollte dieser Auftritt allerdings auch eine Warnung sein.

ZEIT ONLINE: Wieso?

Stauss: Man hat gesehen, was für ein Druck auf Steinbrück lastet und wie sehr ihn das belastet. Es war auch ein hilfloser Moment. Das ist entscheidend für die Kampagne, die SPD muss jetzt endlich zusammenstehen und gemeinsam kämpfen. Sie darf den Kandidaten nicht alleine lassen.

ZEIT ONLINE: Vielleicht war bei Steinbrück auch ein bisschen Kalkül dabei? So bekommt er die eigenen Reihen hinter sich.

Stauss: Nein. Ich hab mir den Auftritt genau angesehen, Steinbrücks Reaktion folgte aus der Situation heraus. Ihm wurde plötzlich mehr als bewusst, mit welchen Entbehrungen dieser schwierige Wahlkampf für seine Familie und ihn selbst verbunden ist. Wahrscheinlich fragte er sich: Warum tue ich mir das an?


ZEIT ONLINE: War dies der emotionalste Moment, den Sie je in einem Wahlkampf erlebt haben?

Stauss: Auf jeden Fall ist er oben mit dabei. Gerhard Schröder war auch ein sehr emotionaler Mensch. Wenn der etwas blöd fand, dann hat er es auch gesagt. Ich erinnere mich auch gut an das TV-Duell vor der Bundestagswahl 2005, da hat Schröder seiner Frau eine sehr offensive Liebeserklärung gemacht. Die politischen Berater und die Journalisten haben gesagt: Mein Gott, was für eine Sülze. Doch nach dem Auftritt sind die Umfragewerte durch die Decke gegangen. Bei der Bevölkerung kam es offenbar an. Schröder, das war immer Drama, das hat zu ihm gepasst und meistens gut funktioniert.

ZEIT ONLINE: Wenige Wochen später hat er sich mit einem arroganten Auftritt am Wahlabend im Fernsehen viele Sympathien verspielt. Er wollte nicht einsehen, dass er die Kanzlerschaft an die CDU verloren hatte.

Stauss: Politiker sind auch nur Menschen. Sie lernen natürlich, ihre Emotionen zu kontrollieren, aber sie schaffen es nicht immer. Der Druck an so einem Wahlabend ist enorm, vor allem, wenn die Ergebnisse so knapp sind. Klar, Schröders Ruf war danach angeknackst, aber wir sollten uns freuen: Uns hat er einen echten Klassiker beschert.