Steinbrücks Tränen"Das war der emotionale Höhepunkt des Wahlkampfes"

Peer Steinbrücks Tränen sind der SPD Glück und Mahnung zugleich, sagt Politikberater Stauss. Angela Merkel hingegen könnte ihrem Mann mal ihre Liebe gestehen, findet er. von 

ZEIT ONLINE: Als Spitzenpolitiker Emotionen zu zeigen: Ist das gefährlich oder hilfreich?

Stauss: Das kommt darauf an. Wichtig ist Authentizität und jeder Politiker ist anders, der eine ist emotionaler, der andere weniger. Das beobachten wir in diesem Wahlkampf besonders am Beispiel von Angela Merkel und Peer Steinbrück. Merkel zeigt kaum Emotionen, und das trägt auch zu dem positiven Bild bei, das viele Deutsche von ihr haben. Sie scheint alles im Griff zu haben.

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ZEIT ONLINE: Steinbrück wirkte bisher auch eher unnahbar, viele Wähler fanden ihn gar arrogant. Am Wochenende hat er Nerven gezeigt. Hilft ihm dieser Gefühlsausbruch?

Frank Stauss

©Bernhard Huber

Frank Stauss begann seine Karriere als Wahlkämpfer 1992 in der Clinton/Gore-Kampagne und hat mit seiner Agentur Butter seither 23 Wahlkämpfe geführt. Unter anderem für Gerhard Schröder, Hannelore Kraft und Klaus Wowereit. In seinem neuen Buch Höllenritt Wahlkampf berichtet der 48-Jährige davon. Für ZEIT ONLINE analysiert er in loser Folge die Coups und Pleiten der Parteien im Kampf um die Macht, denn "Wahlkampf ist jeden Tag".

Sauss: Emotional, also impulsiv, war Steinbrück schon immer. Denken Sie an die ein oder andere flapsige Äußerung, die er in seiner Zeit als Finanzminister oder jetzt im Wahlkampf gemacht hat. Aber jetzt hat er Schwäche offenbart, das hat eine andere Dimension. Es kann ihm nützen, denn erstmals wirkte er sehr nahbar, man merkte, dass ihm die schlechte Situation der SPD nahegeht. Dass er übrigens den Rest der Veranstaltung gut gelaunt und schlagfertig war, ist schon in Vergessenheit geraten. Aber die meisten Menschen haben in den Fernsehnachrichten nur den schwachen Moment gesehen. Das war vielleicht der emotionale Höhepunkt des Wahlkampfes. Der SPD sollte dieser Auftritt allerdings auch eine Warnung sein.

ZEIT ONLINE: Wieso?

Stauss: Man hat gesehen, was für ein Druck auf Steinbrück lastet und wie sehr ihn das belastet. Es war auch ein hilfloser Moment. Das ist entscheidend für die Kampagne, die SPD muss jetzt endlich zusammenstehen und gemeinsam kämpfen. Sie darf den Kandidaten nicht alleine lassen.

ZEIT ONLINE: Vielleicht war bei Steinbrück auch ein bisschen Kalkül dabei? So bekommt er die eigenen Reihen hinter sich.

Stauss: Nein. Ich hab mir den Auftritt genau angesehen, Steinbrücks Reaktion folgte aus der Situation heraus. Ihm wurde plötzlich mehr als bewusst, mit welchen Entbehrungen dieser schwierige Wahlkampf für seine Familie und ihn selbst verbunden ist. Wahrscheinlich fragte er sich: Warum tue ich mir das an?


ZEIT ONLINE: War dies der emotionalste Moment, den Sie je in einem Wahlkampf erlebt haben?

Stauss: Auf jeden Fall ist er oben mit dabei. Gerhard Schröder war auch ein sehr emotionaler Mensch. Wenn der etwas blöd fand, dann hat er es auch gesagt. Ich erinnere mich auch gut an das TV-Duell vor der Bundestagswahl 2005, da hat Schröder seiner Frau eine sehr offensive Liebeserklärung gemacht. Die politischen Berater und die Journalisten haben gesagt: Mein Gott, was für eine Sülze. Doch nach dem Auftritt sind die Umfragewerte durch die Decke gegangen. Bei der Bevölkerung kam es offenbar an. Schröder, das war immer Drama, das hat zu ihm gepasst und meistens gut funktioniert.

ZEIT ONLINE: Wenige Wochen später hat er sich mit einem arroganten Auftritt am Wahlabend im Fernsehen viele Sympathien verspielt. Er wollte nicht einsehen, dass er die Kanzlerschaft an die CDU verloren hatte.

Stauss: Politiker sind auch nur Menschen. Sie lernen natürlich, ihre Emotionen zu kontrollieren, aber sie schaffen es nicht immer. Der Druck an so einem Wahlabend ist enorm, vor allem, wenn die Ergebnisse so knapp sind. Klar, Schröders Ruf war danach angeknackst, aber wir sollten uns freuen: Uns hat er einen echten Klassiker beschert.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kritik. Danke. Die Redaktion/kvk

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    sollten eine Mahnung an die Presse sein....

    Steinbruecks vermeintliche Geldgier hier aufführen, nach dem Motto er habe es nicht anders verdient, sollte druber nachdenken WER eigentlich der Materialist ist....

  2. warum bringt die Zeit eigentlich jede Woche einen Artikel von Stauss über den Wahlkampf..guter spin :D..egal
    klar, dass er der Weinerei etwas positives abgewinnt..
    die bösen Medien sollten also auf der emotionalen Schien zur Räson gebracht werden?
    Das ich nicht lache.
    Und hätte Merkel mal neben Sauer geheult, wäre der Tenor doch ein gänzlicher anderern.
    Ich denke weiter, dass Sauer für eine Emotionalisierung des Wahlkampfes a la Obama gar nicht zu haben ist.

    Nahles sagte schon ,dass sie den Wahlkampf amerikanisieren wolle..
    mit tollem ERfolg..sieht man die Obama-Manie, die über Dland hinwegfegt, kann man nur noch auf einen Rest Verstand beim Wahlvolk hoffen.

    4 Leserempfehlungen
  3. >> Angela Merkel hingegen könnte ihrem Mann mal ihre Liebe gestehen ... <<

    ... das doch schön - wenn es uns erspart bliebe!

    Aber auch hier gilt wieder, dass Herr Stauss *leider* vollkommen recht hat.

    Der Teufel weiß, woran die Leute ihre Wahlentscheidung festmachen. Man erinnere sich, als Steinmeiers Beliebtheitswerte plötzlich stiegen, weil er seiner Frau eine Niere gespendet hat.

    Die Wähler - viele Wähler - lassen sich wohlig in emotionale Sülze gießen, während ihnen die Demokratie unter dem Hintern weggezogen wird. Der Wackelpeter soll wohl den Aufprall bremsen.

    13 Leserempfehlungen
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    ..Deutschland wird amerikanisiert..die Leute wollen etwas Obama...so tragisch ,wie es ist..
    um ehrlich zu sein, denke ich aber, dass P€€r damit einen Bock geschossen hat..
    Jemand der Kanzler werden will und sich immer als eisenhart gebärdete, vor allem mit seiner Vorgeschichte mit den Glaubwürdigkeitsproblemen, der kann so nicht Ernst genommen werden

    falls er diesen respektlosen Schmarrn hier überhaupt zur Kenntnis genommen hat.

    Jedem Journalisten, dürfte spätestens seit 2005 bekannt sein, dass Sauer sein Privatleben vor den Medien abschirmt und Anfragen zu Interviews, die sich nicht auf seine wissenschaftliche Arbeit beziehen, konsequent ablehnt, um die Seriosität seiner Forschungsarbeit und eigener Spitzen-Karriere nicht zu gefährden. Auch aus diesem Grunde hält sich das Ehepaar Merkel/Sauer mit gemeinsamen öffentlichen Auftritte eher zurück.

    Dem Ehepartner der Bundeskanzlerin würde nicht mal im Traume einfallen, sich für Merkels Wahlkampf instrumentalisieren zu lassen.
    Es sei denn er "opfert" sich bei Staatsbesuchen fürs "Damenprogramm" (erstmals ab 2007, Heiligendamm)
    Daran soll er übrigens nach anfänglicher Abwehr und Abneigung inzwischen doch großen Gefallen gefunden haben...

    Eher würde Merkel die Wahl verlieren wollen, als um eines durchsichtigen Show-Effekts ihren Ehefrieden zu riskieren. Davon kann man wohl ausgehen.
    Die Kanzlerin hat aber auf Nachfrage in Interviews hin und wieder durchblicken lassen, wie und was sie sehr an ihm schätzt
    ---
    Und was die vermeintlich "sensible Seite" von Peer betrifft:
    Vermutlich werden sich am Sonntag die linken Genossen an ihren "emotionalen Tiefpunkt" erinnert haben, als Steinbrück sie nach der verlorenen Bundestagswahl anno 2009 als "HEULSUSEN" beschimpfte.

    Möge den Steinbrücks ab 23.9. viel Zeit zum Scrabble spielen u.a.m. beschieden sein...

    • taffy2
    • 18. Juni 2013 18:57 Uhr
    4. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Danke. Die Redaktion/kvk

    • Afa81
    • 18. Juni 2013 19:03 Uhr

    ...wir jetzt schon. Steinbrück hat geheult. Ihr habt davon berichtet - ich hätte es nicht getan. Und jetzt muss es noch diskutiert werden. Kommt morgen dann ein Interview mit einem Tiefenpsychologen, der herausfindet, dass Steinbrück ein menschliches Juwel ist? Ich denke, es reicht wieder. Steinbrück ist ein Mensch - deshalb hat er auch Emotionen. Und Merkel - ich hab ne Überraschung parat: Sie ist auch ein Mensch. Nur passen Tränen nicht zu ihrem Bild. Das heißt nicht, dass sie nicht im stillen Kämmerlein auch hin und wieder heult (was mich absolut nicht wundern würde). Und ob sie zu Hause ihrem Mann nicht auch mal dankt, das wisst ihr doch garnicht. Man muss nicht alles in der Öffentlichkeit platt treten und in Prozente ummünzen.

    Dass die Zeit eine Stiftung von Herrn "Er kanns" ist und daher wöchentlich, ja fast täglich ein Interview mit oder über Steinbrück bringt, in welchem er vielleicht offensichtlich kritisiert, aber unterschwellig als "ich sag halt meine Meinung" oder "ich bin halt so - ich bin Mensch" etc. und damit als ultra ehrlich (das Hauptmanko von Politiker ist ja, dass wir kein Vertrauen mehr in sie haben) dargestellt wird, ist ja in Ordnung. Aber machts doch nicht ganz so auffällig, bitte.

    Einfach mal um eine Ecke weiter denken, dann macht das alles extrem viel Sinn und aus dem Fettnäpfchen wird ne Goldgrube. Gabriel schmiert den Dreck an die Wand - Steinbrück putzt ihn wieder runter und tut dann so, als würde ihn das ärgern. Also bitte, wer das frist...

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    dafür *Daumen hoch*...

  4. fällt mir bei Steinbrück-Tränen sofort das Wort "Schmierenkomödie" ein?

    Der Mann hat längst gewußt, was er sich mit der Kandidatur aufgehalst hat. Jetzt laufen Tränen, weil er mit der Gattin nicht mehr so oft "Mensch ärgere dich nicht!" spielen kann? Welch zart besaiteter Indianerschreck in Fort Yuma!

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    Entfernt. Bitte verfassen Sie differenzierte Kommentare. Danke, die Redaktion/ls

  5. ..Deutschland wird amerikanisiert..die Leute wollen etwas Obama...so tragisch ,wie es ist..
    um ehrlich zu sein, denke ich aber, dass P€€r damit einen Bock geschossen hat..
    Jemand der Kanzler werden will und sich immer als eisenhart gebärdete, vor allem mit seiner Vorgeschichte mit den Glaubwürdigkeitsproblemen, der kann so nicht Ernst genommen werden

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Hach, wäre ..."
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    >> Jemand der Kanzler werden will und sich immer als eisenhart gebärdete, vor allem mit seiner Vorgeschichte mit den Glaubwürdigkeitsproblemen, der kann so nicht Ernst genommen werden <<

    ... mich hingegen entschlossen, zunächst einmal diejenigen nicht mehr ernst zu nehmen, die darüber berichten.

  6. Ich fand das eine natürlich Reguhg, alles andere wäre künstlich gewesen oder wäre noch negativer kommentiert worden.

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