100 Tage vor der Bundestagswahl sollte der gemeinsame Auftritt des Kanzlerkandidaten mit seiner Frau ein Höhepunkt des Parteikonvents in Berlin werden. Dies entsprach durchaus den Erwartungen von SPD-Führung, Delegierten und Presse. Mit einem solchen Gefühlsausbruch von Peer Steinbrück hatten sie wohl nicht gerechnet. "Vielen Dank, Peer, dass wir diesen Einblick in Dich und Deine Seele haben durften", sagte Parteichef Sigmar Gabriel in seinem Schlusswort.

Zu der bemerkenswerten Szene kam es während des Podiumsgesprächs mit Gertrud und Peer Steinbrück, ihrem ersten derartigen Bühnenauftritt seit der Kür ihres Mannes zum Kanzlerkandidaten. Begonnen hatte dieser eher locker und heiter. Freimütig erzählte etwa Frau Steinbrück, wie sie von der Entscheidung für die Kanzlerkandidatur aus den Nachrichten erfahren hat, "auf jeden Fall nicht direkt von Peer".

Generell präsentierte sich Gertrud Steinbrück selbstbewusst und unabhängig. "Sollte ich jetzt vielleicht zu Hause sitzen und mich fragen: Passt meine Garderobe zu seinem Job?" Sie stellte klar, dass für sie ihr eigener Beruf als Gymnasiallehrerin im Zentrum steht. Auch außerhalb des Parteikonvents kam sie damit an. "Wir wählen dem Peer seine Frau ihren Mann", zitierte Gabriel spontane Twitter-Botschaften.


Sprachlos und gerührt

Doch auch der Kanzlerkandidat ging aus sich heraus, plauderte über Städtetrips am Wochenende mit seinen Kindern und seine verkaterte Stimmung, als er seiner späteren Frau 1973 im VW-Bus mit Freunden unterwegs ins Skicamp erstmals begegnete. "Ich habe nicht gedacht, dass wir hier so viel erfahren und auch lachen können", sagte Parteivize Manuela Schwesig.

Dann aber wurde Gertrud Steinbrück ernst: "Ich halte es nicht aus, wenn ich sehe, dass eigentlich nur das aus ihm herausgefiltert werden soll, was negative Gefühle auslöst", kritisierte sie die Medienberichte über ihren Mann. Dabei wisse sie doch von ihm, dass er vor allem "was bewegen" wolle.

Bei diesen Worten kamen Peer Steinbrück die Tränen. Als sich Moderatorin Bettina Böttinger an ihn wenden wollte, brachte er kurzzeitig kein Wort heraus. Spontan erhoben sich die rund 200 Delegierten im Berliner Tempodrom und spendeten stehenden Applaus. Böttinger richtete schnell eine belanglose Frage an Gertrud Steinbrück, bis sich der sozialdemokratische Frontmann wieder gefangen hatte.


Gabriel zeigte sich berührt: "Wir haben Jemanden gesehen, der tief beeindruckt ist davon, was mit und aus ihm versucht wird zu machen." Gerade Gabriel war zuvor noch im Spiegel ein gespanntes Verhältnis zum Kanzlerkandidaten attestiert worden, der ihn zu größerer Loyalität gemahnt haben soll.

"Diese hundert Tage durchstehen"

Der Parteichef wies die Darstellung ernster Differenzen zurück. "Gelegentlich gibt es auch Reibereien", gab er zwar zu, doch: "Es gibt zwischen uns keine Streitereien". Demonstrativ Seite an Seite waren zuvor beide zu Fuß von der nahen Parteizentrale zum Tempodrom gegangen.

Angesichts dieser zwischenmenschlichen Gesten traten die inhaltlichen Schwerpunkte des insgesamt nicht einmal vierstündigen Konvents in den Hintergrund. In einem einmütig angenommenen Leitantrag wurden die SPD-Forderungen nach gebührenfreien Kitas für alle, gesetzlichem Mindestlohn und auskömmlicher Rente noch einmal zugespitzt, ebenso die geplante Finanzierung durch höhere Steuern für Reiche.

"Wenn es drauf ankommt, dann stehen wir zusammen und dann gewinnen wir in diesem Land auch die Wahlen", stimmte Gabriel seine Partei zum Abschluss auf Wahlkampfmodus ein. Eine eigene Sichtweise hatte hierzu wiederum Gertrud Steinbrück: "Ich versuche, das Ding so zu fahren, dass wir diese hundert Tage durchstehen."