DemokratieWeniger Beteiligung zur Bundestagswahl erwartet

Die Wahlbeteiligung im September wird gegenüber 2009 weiter sinken, prognostiziert eine Studie. Nicht aus Frust oder Protest, sondern aus wachsender Gleichgültigkeit.

Zur Bundestagswahl im September wird laut einer Umfrage eine geringere Wahlbeteiligung erwartet. Die Zufriedenheit der Deutschen mit der Demokratie steige zwar, trotzdem sinke die Bereitschaft zum politischen Engagement, heißt es in einer Studie der Bertelsmann Stiftung und des Instituts für Demoskopie Allensbach. Grund für die Wahlmüdigkeit sei aber nicht Frust oder Protest, sondern eine wachsende Gleichgültigkeit.

Demnach verabschieden sich vor allem einkommensschwache und bildungsferne Menschen aus der aktiven Teilhabe an Demokratie. "Je geringer der Sozialstatus und je größer das politische Desinteresse im Freundeskreis, desto weniger wahrscheinlich wird der Gang zur Wahlurne", schreiben die Autoren der Studie. Dafür wurden 1.548 Menschen ab 16 Jahren befragt und Daten zur Wahlbeteiligung der vergangenen Jahre analysiert.

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Bis Mitte der achtziger Jahre lag die Beteiligung an Bundestagswahlen noch bei 90 Prozent, 2009 nur noch knapp über 70 Prozent. Grund sei in erster Linie, dass Einkommensschwache und Bildungsferne am Wahlsonntag zu Hause blieben. "Aktuell sagen 68 Prozent aus der oberen Schicht, dass sie bei der Bundestagswahl in jedem Fall wählen werden. In der unteren Schicht sind es dagegen nur 31 Prozent", halten die Demoskopen fest.

Zufriedenheit mit Demokratie im Osten gestiegen

Zugleich wachse die allgemeine Zufriedenheit mit der Demokratie und dem politischem System, hieß es. Dies gelte besonders für die Ostdeutschen: 2003 äußerten sich lediglich 47 Prozent der Ost-Bürger zufrieden, inzwischen tun dies 74 Prozent (West: von 72 auf 84). Nur 11 Prozent der Bundesbürger geben an, mit der Demokratie unzufrieden zu sein. Zehn Jahre zuvor waren es 29 Prozent.

Besonders überraschend ist außerdem, dass eine wachsende Mehrheit der Bürger (65 Prozent) der Studie zufolge durchaus große Unterschiede zwischen den im Bundestag vertretenen Parteien ausmacht. Lediglich 24 Prozent sagen demnach aktuell, die Parteien seien im Grunde alle gleich. Zu Beginn der 1990er Jahre sagten das noch 31 Prozent.

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Leserkommentare
  1. Das wäre doch interessant zu wissen.

    Und nebenbei: Ich dachte wir hätten den Scheitelpunkt des Leidensdruckes (H4, Niedriglohn, Kurzarbeit etc. pp.) langsam erreicht - so dass die Leute auch in Scharen aufstehen und protestieren würden. Aber so weit ist es wohl noch nicht.

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    • OlafHH
    • 25. August 2013 8:08 Uhr

    ...eine interessante soziologische Studie aus 1933 (Österreich) über die "Arbeitslosen von Marienthal", die wohl noch heute in methodischer und anderer Hinsicht als Klassiker gilt und mir vieles erklärt, was eine vermeintliche "Leidensfähigkeit" von Menschen angeht, die ohne Arbeit sind bzw. leben müssen. Mit Sicherheit gibt es Nachfolgestudien aus jüngerer Zeit.
    Zur ersten Orientierung:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Die_Arbeitslosen_von_Marienthal

    Hier die homepage des AGSÖ mit Zugang zur Studie selbst:

    http://agso.uni-graz.at/marienthal/00/einfuehrung.htm

  2. weil die Gleichgültigkeit zunimmt. Na ja, wer's glaubt!
    Oder: wer gleichgültig ist, der zeigt damit ja seine Zufriedenheit. (Ironie aus).

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    ...ich stimme ihren ausführungen ausdrücklichst zu, könnte mich bei dieser art der ironie aber nur schwer zwischen sarkasmus oder zynismus entscheiden...
    andererseits heißt gleichgültig ja in der tat gleich=gültig...also egal, bedeutungslos, belanglos, wertlos...unwichtig...;-)

  3. ...kann eine Iteration oder Folge von Frust/Protest sein.

    Und dass man diese nur unter den Dummen (ok "Bildungsschwachen") findet, ist wohl eher das Wunschdenken manch Politiker.

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    Stichwort Asymmetrische Demobilisierung:

    http://de.wikipedia.org/wiki/Asymmetrische_Demobilisierung

    Es ist von der "Regierung"/Merkel durchaus gewollt, dass es der politische Gegner nicht schafft seine Wähler zu mobilisieren.

  4. Wählen gehen, wie wollen sie denn sonst die Chancengleichheit erhöhen?

    Eigentlich dürften auch nur die Leute über die deutsche Politk meckern, die Wählen gehen.
    Außerdem denke ich immer öfter, dass wir von der Regierung angemessen vertreten sind.
    So wie die Bürger genug von der Politik hat, hat die Politik genug vom Bürger.

    Ich überlege ja schon länger mich politisch zu angagieren, aber beim "wozu eigentlich?" hört es dann wieder auf.
    Wenn man sieht wie lange sich Die Linke z.B. zusammengerauft hat und seitdem ständig etwas für die Bürger tut (TLG Klage, Verfassungsklage gegen den ESM, Unterstützung aller größeren Streiks, als einzige Fraktion gegen Rüstungstransporte etc.), ohne das auch nur in geringster Weise mit Zuspruch (im Gegenteil gehen die Prozente gerade runter) belohnt zu bekommen.
    Bei dem Volk kann man es im Moment einfach lassen und das ist sehr traurig.

    Die Flut ist auch ein schönes Beispiel.
    Jetzt helfen sich wieder alle Solidarisch und dann gehen alle wieder auseinder und dann gehts wieder gegeneinander.
    Wenn es dann innerhalb der nächsten 20 Jahren die nächste Flut gibt, wurde sich wieder unzureichend vorbereitet, weil man nicht mal im Traum darauf kommt genauso Solidarisch (durch Streiks, Wahlen etc.) mal die entsprechenden Baumaßnahmen voran zu treiben.
    Man sollte vielleicht mal Überlegen, dass die Hauptschuldigen für die Flut beinahe ungeschoren davon kommen, während der kleine Mann wieder spenden soll und Säcke stappelt.

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    << Gerade die Sozialschwachen müssten eigentlich Wählen gehen, wie wollen sie denn sonst die Chancengleichheit erhöhen?
    Eigentlich dürften auch nur die Leute über die deutsche Politk meckern, die Wählen gehen <<

    Die Aussage gründet auf der m.E. irrigen Annahme dass sich durch Wahlen überhaupt etwas (relevant) verändern würde.
    Haben Sie vielleicht mal darüber nachgedacht, dass die repräsentative Demokratie aufgrund ihrer Struktur und den Verhältnissen in denen sie existiert (kapitalistische Wirtschaftsform) die in sie gesteckten Erwartungen, also die (gleiche) Vertretung der Gesamtheit der Bevölkerung, überhaupt nicht leisten kann?

    • Agorist
    • 17. September 2013 16:15 Uhr

    nämlich die, die das gesamte System für verbrecherisch halten und sich deshalb nicht an den Wahlen beteiligen.

    Würden Sie sich an den Wahlen zum lokalen Mafiaboss beteiligen? Oder würden Sie das vielleicht doch ablehnen, weil sie dann irgendwo doch eine Mitverantwortung für die Verbrechen des dann gewählten Mafiabosses hätten?

    Ich lehne die Teilnahme an der Wahl aus genau diesen Gründen ab. Ich darf trotzdem weiterhin die Verbrechen des Staates anprangern, genau wie auch die, die auf eine Teilnahme an den Wahlen des lokalen Mafiabosses verzichten, immer noch ein Recht haben, die Verbrechen der Mafia weiter anzuprangern.

  5. oder einfach nur wachsende Resignation.

    Im übrigen sind Politik und Demokratie wohl zwei ganz unterschiedliche Dinge.

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    Schade nur, dass es nicht so sein müsste.

    Wenn man nicht mal Der Linken, AfD und den Piraten einen Umbruch zutraut, warum dann nicht (wie in Italien) eine Partei aus dem nichts gründen und 20% holen um es der Regierung zu zeigen?
    Unmöglich?
    Geschichtlich gesehen nicht.

    "...eine Partei aus dem nichts gründen und 20% holen um es der Regierung zu zeigen?" - aber dann wäre man ja parlamentarisch zur politik gezwungen, statt demokratisch gestalten zu können! oder wollen sie dann pappschilder auf die gewonnenen sitze stellen?

  6. 6. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit konstruktiven Beiträgen. Danke, die Redaktion/sam

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    Entfernt. Kritik an der Moderation richten Sie gerne an community@zeit.de. Danke, die Redaktion/sam

  7. "Grund sei in erster Linie, dass Einkommensschwache und Bildungsferne am Wahlsonntag zu Hause blieben."
    Warum sollten sie auch an der Wahl teilnehmen ? Weder CDU/CSU, SPD und Grüne, von der FDP ganz zu schweigen, vertreten die Interessen dieser prekären Gruppen. Alleine die LINKE liegt, was soziale Reformen angeht, im Spektrum der Benachteiligten. Aber dank der dauernden und auch eintönigen Propaganda der "großen" Parteien, daß die LINKE die Wurzel allen Übels ist, werden diese nicht als Alternaive wahrgenommen !
    Fragt sich nur, was das mit Bildung zu tun hat !

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    ....naja, hätten diese Gruppen mehr davon wären sie gegen die "Propaganda" immun oder würden sie als solche erkennen.
    Oder es ist alles in Ordnung mit der Bildung weshalb die LINKEN nicht gewählt werden.
    Je nach dem wie sie das jetzt sehen wollen :-)

  8. ...zu haben scheinen.
    Als "Volksvertreter" würde ich mich wenn nicht schämen so doch fragen ob ich wirklich das Volk vertrete wenn gut ein Drittel garnicht erst wählen geht und das vorallem eine näher bestimmbare Gruppe dem demokratischen Prozess gleichgültig gegenüber steht.
    Das kann sich sehr leicht gegen einen wenden, wenn man Demokrat und Parlamentariere ist.
    Sicher, man kann die Menschen nicht zwingen sich an Wahlen zu beteiligen, aber der Unterton sollte einem der Demokratie verpflichteten Menschen zu bedenken geben.
    Macht es aber anscheinend nicht.

    7 Leserempfehlungen
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    ...staubsaugervertreter verkaufen staubsauger...
    ...versicherungsvertreter verkaufen versicherungen...
    ...volksvertreter...???
    ...zugegebenermaßen ein uraltwitz, doch angesichts der hier 'verkauften' meinungsmache über mögliche ursachen von wählerabstinenz, gesponsort von einem unternehmen, dessen manipulativer eigennutz eigentlich hinlänglich bekannt sein sollte, doch mit einiger brisanz - finde ich!
    im übrigen denke ich, dass die jungen menschen einfach nur ehrlicher sind und genau deswegen naturgemäß weniger wert auf 'gesichtswahrende' ausreden legen. so könnte es ja durchaus sein, dass sie wirklich zufriedener sind als traditionell nörgelnde stamm- oder wechselwähler und dennoch den sinnspruch "wenn wahlen wirklich etwas ändern könnten, wären sie schon längst verboten." kennen und beherzigen?!

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, zz
  • Schlagworte Autor | Bertelsmann Stiftung | Bundestag | Bundestagswahl | Demokratie | Studie
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