Andrea Nahles"Eine zunehmende Identifizierung mit der Heimat"

Provinzialität und Politik: SPD-Generalsekretärin Nahles lebt in der Eifel. Im Interview lobt sie das Landleben – und ist zugleich froh: "Die Autobahn ist nicht weit." von Raoul Löbbert

Frage: Frau Nahles, Sie haben Ihren persönlichen Beitrag zur demografischen Entwicklung Ihres Dorfes geleistet: Sie sind die Mutter einer Tochter. Ist die Eifel ein guter Ort, um dort aufzuwachsen?

Andrea Nahles: Und ob! Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Deshalb haben mein Mann und ich uns entschieden, dass unsere Tochter in dem Dorf aufwachsen soll, in dem auch ich groß geworden bin: in Weiler. Dort leben wir auf dem ehemaligen Bauernhof meiner Urgroßeltern. Da gibt’s viel Platz und frische Luft. Weiler ist ein Paradies für Kinder.

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Frage: Mit seinen 500 Bewohnern ist Weiler einer der wenigen Orte in der Eifel, die nicht schrumpfen. Was macht Weiler richtig, was andere Dörfer falsch machen?

Nahles: Weiler hat viel für die Infrastruktur getan: Es gibt eine Schule, einen Kindergarten und ein Neubaugebiet, wo man sich als junge Familie sein Häuschen hinsetzen kann. Außerdem verfügt Weiler über eine Kneipe und eine Kegelbahn. Das erhöht den Freizeitwert doch beträchtlich, finden Sie nicht?

Frage: Durchaus. Dennoch dürfte, was die Kneipen- und Kegelbahndichte anbelangt, jede Kleinstadt einen höheren Freizeitwert haben. Außerdem gibt es in einer Stadt viele Dinge, die den Weilern völlig fremd sind: der Supermarkt um die Ecke etwa. Warum bleiben die Menschen trotzdem?

Nahles: Vielleicht, weil sie es charmant finden, dass in Weiler der Supermarkt bei Bedarf direkt vor ihrer Haustür hält. Für alles Wichtige gibt es bei uns fahrende Bäcker, Metzger und Händler. Das Leben auf dem Land macht erfinderisch, ärmer ist es nicht.

Frage:Und wie erklären Sie das einer Frau, die in ihrem Bauernhof alt geworden ist und – ein gängiges Problem in dünn bevölkerten Regionen – in ihrer Nähe nun keinen Hausarzt mehr hat? Muss die Frau ins Heim?

Nahles: Sie muss nirgends hin. Zum Glück funktioniert die Hausarztversorgung in der Eifel noch. Das Land Rheinland-Pfalz hat dafür ein Modellprojekt entwickelt: Die Hausärzte sind in einem Verbund organisiert, sodass sie einander vertreten können. Hinzu kommen Ärzte, die per se keine Praxis eröffnen wollen und einspringen können, wo Not am Mann ist. Der Verbund stellt zum Beispiel auch junge Ärztinnen mit Kindern an, die sonst nicht praktizieren könnten. Davon abgesehen gibt es …

Frage:Lassen Sie mich raten: eine fahrende Apotheke.

Nahles: Ja klar.

Frage: Seit einigen Jahren kann man eine Renaissance des Landlebens beobachten, von der Magazine wie Landlust
profitieren. Bekommen Sie davon in Weiler etwas mit?

Nahles: Diese Verklärung des Landlebens beobachtet man meist doch bei Großstädtern, die seit Jahren keine Kuh oder Scheune gesehen haben. Bei vielen, die wie ich immer noch auf dem Land leben, beobachte ich seit einigen Jahren eine zunehmende Identifizierung mit ihrer Heimat. Wer heute auf dem Land aufwächst, möchte nicht mehr so schnell wie möglich wegziehen. Der lebt auf dem Land trotz aller Widrigkeiten – und er lebt gerne dort.

Frage: Vielleicht kommt er aber auch einfach nicht weg. Weiler hat keinen Bahnhof, und Busse gibt’s auch so gut wie nicht.

Nahles: Stimmt, aber die Autobahn ist nicht allzu weit entfernt. Natürlich ist die eingeschränkte Mobilität einer der typischen Schwachpunkte der Region. Wer keinen Führerschein hat, der hat es schwer und ist auf die Hilfe der Nachbarn angewiesen.

Frage: Sie selbst pendeln regelmäßig zwischen Berlin und Weiler hin und her.

Nahles: Ja, ich versuche, einmal in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten, und bin am Wochenende zu Hause – und zu Hause, das ist Weiler. Obwohl ich mittlerweile beinahe mehr Zeit im Auto auf Deutschlands Autobahnen verbringe als in meinem Bauernhof.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Bitte beteiligen Sie sich nur an Debatten, wenn Sie an konstruktiven und sachlichen Diskussionen interessiert sind. Danke, die Redaktion/fk.

    3 Leserempfehlungen
  2. Also ganz ehrlich, in einem Wahljahr hätte man auch im Sommerloch mehr erwarten können, als eine lockere Landreportage.

    Ein kleiner Aufhorcher war ja immerhin dabei:

    Zitat:
    "Frage: Sie selbst pendeln regelmäßig zwischen Berlin und Weiler hin und her.
    Nahles: Ja, ich versuche, einmal in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten, und bin am Wochenende zu Hause – und zu Hause, das ist Weiler. Obwohl ich mittlerweile beinahe mehr Zeit im Auto auf Deutschlands Autobahnen verbringe als in meinem Bauernhof."

    Tja, da wundert man sich dann in Berlin, warum der Klimaschutzgedanke nicht so recht durchschlägt im Volke. Frau Roth fliegt mal kurz zur Parkdemo in einen türkischen Park, die Nahles lebt überwiegend auf der Autobahn... und dann wird in der Fraktion wieder fleißig überlegt, wie man die uneinsichtigen Klimasünder da draußen an die Leine legen kann. Klimaschutz ist wohl mehr was, das besser andere machen sollten.

    4 Leserempfehlungen
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    allgemein gilt ja ,dass manche ein bisschen gleicher als gleich sind..
    dass sieht man nicht nur beim Autofahren, sondern auch allgemein in anderen Lebensbereichen..
    Bsp Fernreisen : die Anhänger der Grünen haben im Regelfall statistsich den größten Footprint ..die anderen können es dann eben raushauen und müssen darben.
    Wie in allen linksautoritären Systemen gibt es eine Funktionärskaste für die eben andere Regeln gelten..
    es ist hierhingehend kien Wunder, dass die meisten Grünenwähler eben beim Staat arbeiten

    Frau Merkel jettete auch zum Klimagipfel nach Japan und zurück, um dann dort symbolisch einen Baum zu pflanzen – pardon – ein Zeichen gegen den Klimawandel / für den klimaschutz zu setzen.

  3. allgemein gilt ja ,dass manche ein bisschen gleicher als gleich sind..
    dass sieht man nicht nur beim Autofahren, sondern auch allgemein in anderen Lebensbereichen..
    Bsp Fernreisen : die Anhänger der Grünen haben im Regelfall statistsich den größten Footprint ..die anderen können es dann eben raushauen und müssen darben.
    Wie in allen linksautoritären Systemen gibt es eine Funktionärskaste für die eben andere Regeln gelten..
    es ist hierhingehend kien Wunder, dass die meisten Grünenwähler eben beim Staat arbeiten

    3 Leserempfehlungen
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    • Hokan
    • 17. Juli 2013 21:10 Uhr

    Nehme mal an, Sie würden dann die NPD als Partei der Mitte einordnen. Hätte nicht gedacht, dass dieses Interview durch Kommentare wie den Ihren noch so unterhaltend wird.

  4. Frau Merkel jettete auch zum Klimagipfel nach Japan und zurück, um dann dort symbolisch einen Baum zu pflanzen – pardon – ein Zeichen gegen den Klimawandel / für den klimaschutz zu setzen.

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    Zitat: " Och, da nehmen die sich alle nix.
    Frau Merkel jettete auch zum Klimagipfel nach Japan und zurück, um dann dort symbolisch einen Baum zu pflanzen – pardon – ein Zeichen gegen den Klimawandel / für den klimaschutz zu setzen."

    Würde ich auch nie behaupten. Aber die will ja auch nicht mit den Grünen koalieren. Da treffen dann Autobahn und Steinkohle auf... naja Flugzeug und "Tank statt Teller" ;-)

  5. Zitat: " Och, da nehmen die sich alle nix.
    Frau Merkel jettete auch zum Klimagipfel nach Japan und zurück, um dann dort symbolisch einen Baum zu pflanzen – pardon – ein Zeichen gegen den Klimawandel / für den klimaschutz zu setzen."

    Würde ich auch nie behaupten. Aber die will ja auch nicht mit den Grünen koalieren. Da treffen dann Autobahn und Steinkohle auf... naja Flugzeug und "Tank statt Teller" ;-)

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    Und Frau Merkel will ja bekanntlich nur eines: An der Macht bleiben. Und wenn das Land darüber zugrunde geht. Unverkennbar Kohls Ziehtochter.

  6. Und Frau Merkel will ja bekanntlich nur eines: An der Macht bleiben. Und wenn das Land darüber zugrunde geht. Unverkennbar Kohls Ziehtochter.

    Antwort auf "Clash of Cultures"
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    Zitat: " Aber Frau Nahles ist doch SPD?"

    Ja eben. Will die SPD nicht mehr mit den Grünen? Vllt. haben Sie mich missverstanden. Kann in Foren ja schon mal vorkommen.

    Zitat: "Und Frau Merkel will ja bekanntlich nur eines: An der Macht bleiben. Und wenn das Land darüber zugrunde geht. Unverkennbar Kohls Ziehtochter."

    Tja, erzählen Sie mal einem Griechen, dass Deutschland aus Ihrer Sicht aktuell zugrunde geht. Dann können Sie mal erleben, wie sehr sich Innen- und Außenperspektive auf ein und denselben Sachverhalt unterscheiden können.

  7. Zitat: " Aber Frau Nahles ist doch SPD?"

    Ja eben. Will die SPD nicht mehr mit den Grünen? Vllt. haben Sie mich missverstanden. Kann in Foren ja schon mal vorkommen.

    Zitat: "Und Frau Merkel will ja bekanntlich nur eines: An der Macht bleiben. Und wenn das Land darüber zugrunde geht. Unverkennbar Kohls Ziehtochter."

    Tja, erzählen Sie mal einem Griechen, dass Deutschland aus Ihrer Sicht aktuell zugrunde geht. Dann können Sie mal erleben, wie sehr sich Innen- und Außenperspektive auf ein und denselben Sachverhalt unterscheiden können.

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    Die jetzigen Versäumnisse der jetzigen Regierung werden wir erst in 5-10 Jahren zu spüren bekommen.

    Genauso wie die Früchte der Weichenstellungen der Regierung Schröder erst jetzt durch die Regierung Merkel eingefahren werden. Dabei will ich noch gar nicht einmal so weit gehen wie manch Andere, zu behaupten, daß Deutschland ohne die (durchaus zu recht) vielgescholtene Agenda 2010 heute so dastünde wie Italien oder Spanien.

    Oder glauben Sie, daß Deutschland schlagartig aufblühte, nur weil eine CDU/FDP-Regierung gewählt wurde und seitdem nichts machte?

    An Merkels magische Kräfte glaube ich nicht...

    Aber vielleicht haben Sie recht, daß es alles nicht so dramatisch ist:
    Deutschland geht es nicht _wegen_ sondern _trotz_ seiner grottigen Regierung ziemlich gut. Auch wenn eine Zeitarbeiterin oder ein Langzeitarbeisloser mit so einem Satz (“Deutschland geht es gut”) konkret wenig anfangen kann...

    Deutschland wird Merkel wohl verkraften können. Auch wenn es der Mittelschicht und den sozial Schwachen nicht so gut geht und unter einer anderen Regierung evtl. besser gehen könnte.

  8. Die jetzigen Versäumnisse der jetzigen Regierung werden wir erst in 5-10 Jahren zu spüren bekommen.

    Genauso wie die Früchte der Weichenstellungen der Regierung Schröder erst jetzt durch die Regierung Merkel eingefahren werden. Dabei will ich noch gar nicht einmal so weit gehen wie manch Andere, zu behaupten, daß Deutschland ohne die (durchaus zu recht) vielgescholtene Agenda 2010 heute so dastünde wie Italien oder Spanien.

    Oder glauben Sie, daß Deutschland schlagartig aufblühte, nur weil eine CDU/FDP-Regierung gewählt wurde und seitdem nichts machte?

    An Merkels magische Kräfte glaube ich nicht...

    Aber vielleicht haben Sie recht, daß es alles nicht so dramatisch ist:
    Deutschland geht es nicht _wegen_ sondern _trotz_ seiner grottigen Regierung ziemlich gut. Auch wenn eine Zeitarbeiterin oder ein Langzeitarbeisloser mit so einem Satz (“Deutschland geht es gut”) konkret wenig anfangen kann...

    Deutschland wird Merkel wohl verkraften können. Auch wenn es der Mittelschicht und den sozial Schwachen nicht so gut geht und unter einer anderen Regierung evtl. besser gehen könnte.

    2 Leserempfehlungen
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    Zitat: "Oder glauben Sie, daß Deutschland schlagartig aufblühte, nur weil eine CDU/FDP-Regierung gewählt wurde und seitdem nichts machte?"

    Nö, keineswegs. Manchmal reicht es aber schon, einfach mal nichts und damit auch nichts falsch zu machen, das gilt auch und gerade für die Politik. Üblicherweise werden sich gegenseitig widersprechende Gesetze am Fließband produziert (schauen Sie mal ins Bundesgesetzblatt), gerade durch die fehlende Gesetzgebungshektik strahlt diese Regierung eine ungekannte Stabilität aus. Ausnahme: Der Energiesektor. Aber das liegt wohl in der Natur eines solchen landesweiten Umbruchs, in dessen Rahmen die staatlichen Steuerungskompetenzen ruckzuck an ihre Grenzen stoßen.

    Im Übrigen ist Ihr Kommentar angenehm differenziert.

    .
    <em>Genauso wie die Früchte der Weichenstellungen der Regierung Schröder erst jetzt durch die Regierung Merkel eingefahren werden.</em>

    13,6 Mio. an der Armutsgrenze?
    Verdoppelung der Obdachlosigkeit?
    Eine Hartz-IV bedingt explodierende Altersarmut?
    Zerstörung des Arbeitsmarktes durch Lohndumping?
    Schleifen des Sozialstaates?

    Etc., etc., etc..

    Etwas weniger Obrigkeits-/Mediengläubigkeit stünde ihnen gut zu Gesicht

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