Frage: Frau Nahles, Sie haben Ihren persönlichen Beitrag zur demografischen Entwicklung Ihres Dorfes geleistet: Sie sind die Mutter einer Tochter. Ist die Eifel ein guter Ort, um dort aufzuwachsen?

Andrea Nahles: Und ob! Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Deshalb haben mein Mann und ich uns entschieden, dass unsere Tochter in dem Dorf aufwachsen soll, in dem auch ich groß geworden bin: in Weiler. Dort leben wir auf dem ehemaligen Bauernhof meiner Urgroßeltern. Da gibt’s viel Platz und frische Luft. Weiler ist ein Paradies für Kinder.

Frage: Mit seinen 500 Bewohnern ist Weiler einer der wenigen Orte in der Eifel, die nicht schrumpfen. Was macht Weiler richtig, was andere Dörfer falsch machen?

Nahles: Weiler hat viel für die Infrastruktur getan: Es gibt eine Schule, einen Kindergarten und ein Neubaugebiet, wo man sich als junge Familie sein Häuschen hinsetzen kann. Außerdem verfügt Weiler über eine Kneipe und eine Kegelbahn. Das erhöht den Freizeitwert doch beträchtlich, finden Sie nicht?

Frage: Durchaus. Dennoch dürfte, was die Kneipen- und Kegelbahndichte anbelangt, jede Kleinstadt einen höheren Freizeitwert haben. Außerdem gibt es in einer Stadt viele Dinge, die den Weilern völlig fremd sind: der Supermarkt um die Ecke etwa. Warum bleiben die Menschen trotzdem?

Nahles: Vielleicht, weil sie es charmant finden, dass in Weiler der Supermarkt bei Bedarf direkt vor ihrer Haustür hält. Für alles Wichtige gibt es bei uns fahrende Bäcker, Metzger und Händler. Das Leben auf dem Land macht erfinderisch, ärmer ist es nicht.

Frage:Und wie erklären Sie das einer Frau, die in ihrem Bauernhof alt geworden ist und – ein gängiges Problem in dünn bevölkerten Regionen – in ihrer Nähe nun keinen Hausarzt mehr hat? Muss die Frau ins Heim?

Nahles: Sie muss nirgends hin. Zum Glück funktioniert die Hausarztversorgung in der Eifel noch. Das Land Rheinland-Pfalz hat dafür ein Modellprojekt entwickelt: Die Hausärzte sind in einem Verbund organisiert, sodass sie einander vertreten können. Hinzu kommen Ärzte, die per se keine Praxis eröffnen wollen und einspringen können, wo Not am Mann ist. Der Verbund stellt zum Beispiel auch junge Ärztinnen mit Kindern an, die sonst nicht praktizieren könnten. Davon abgesehen gibt es …

Frage:Lassen Sie mich raten: eine fahrende Apotheke.

Nahles: Ja klar.

Frage: Seit einigen Jahren kann man eine Renaissance des Landlebens beobachten, von der Magazine wie Landlust
profitieren. Bekommen Sie davon in Weiler etwas mit?

Nahles: Diese Verklärung des Landlebens beobachtet man meist doch bei Großstädtern, die seit Jahren keine Kuh oder Scheune gesehen haben. Bei vielen, die wie ich immer noch auf dem Land leben, beobachte ich seit einigen Jahren eine zunehmende Identifizierung mit ihrer Heimat. Wer heute auf dem Land aufwächst, möchte nicht mehr so schnell wie möglich wegziehen. Der lebt auf dem Land trotz aller Widrigkeiten – und er lebt gerne dort.

Frage: Vielleicht kommt er aber auch einfach nicht weg. Weiler hat keinen Bahnhof, und Busse gibt’s auch so gut wie nicht.

Nahles: Stimmt, aber die Autobahn ist nicht allzu weit entfernt. Natürlich ist die eingeschränkte Mobilität einer der typischen Schwachpunkte der Region. Wer keinen Führerschein hat, der hat es schwer und ist auf die Hilfe der Nachbarn angewiesen.

Frage: Sie selbst pendeln regelmäßig zwischen Berlin und Weiler hin und her.

Nahles: Ja, ich versuche, einmal in der Woche von zu Hause aus zu arbeiten, und bin am Wochenende zu Hause – und zu Hause, das ist Weiler. Obwohl ich mittlerweile beinahe mehr Zeit im Auto auf Deutschlands Autobahnen verbringe als in meinem Bauernhof.