ZEIT ONLINE: Haben Sie die Hoffnung schon aufgegeben, dass der Kapitalismus als System verschwindet?

Wagenknecht: Nein, auf keinen Fall – das ist Teil meiner Motivation. Ich halte es für ausgeschlossen, dass der Kapitalismus das Ende der Geschichte ist. Wir erleben zurzeit in Europa besonders drastisch wie die aktuelle Krise den Wohlstand verringert, selbst in Deutschland erwartet kaum noch einer, dass es seinen Kindern und Enkeln einmal besser gehen wird. Das ist ein doch ein Beleg für das Versagen der aktuellen Wirtschaftsordnung.

ZEIT ONLINE: Warum hält sie sich dann?

Wagenknecht: Weil viele keine Alternative zu ihr sehen. Aber das beginnt sich langsam zu ändern. Hätten wir in den neunziger Jahren darüber gesprochen, hätten sicher die meisten gesagt, dass dem Kapitalismus die Zukunft gehört. Heute ist Kapitalismuskritik längst keine Außenseiterposition mehr.

ZEIT ONLINE: Der Sozialismus ist schon einmal gescheitert…

Wagenknecht: …aber das ist überhaupt kein Beleg dafür, dass der Kapitalismus die Lösung ist. Es ist nur ein Beleg dafür, dass Sozialismus etwas anderes sein muss als das frühere System in Osteuropa. Damals war die Idee, die Marktmechanismen ganz aufzuheben und durch eine zentrale Planung zu ersetzen. Die parlamentarische Demokratie wurde durch ein sehr restriktives staatliches System abgelöst. Diese Konzepte sind gescheitert.

ZEIT ONLINE: Also doch eine Marktwirtschaft?

Wagenknecht: Nicht die Märkte sind das Problem, sondern das private Eigentum an großen Unternehmen, das gesellschaftliche Macht und die leistungslose Aneignung der Arbeitsergebnisse anderer ermöglicht. Die Märkte müssen allerdings begrenzt werden auf die Bereiche, in denen sie funktionieren können.

ZEIT ONLINE: Welche Bereiche sind das?

Wagenknecht: Alle, in denen es echten Leistungswettbewerb gibt und man sich nur dank besserer Ideen und höherer Qualität einen Vorteil verschaffen kann. Wenn viele Unternehmen auf einem Markt miteinander konkurrieren, dann müssen sie versuchen, besser und produktiver zu sein als der Konkurrent. Das ist eine Triebfeder für technologische Innovation. Auch bei den kommerziellen Konsumgütern ist Wettbewerb wichtig, damit das produziert wird, was die Leute kaufen wollen. Man muss natürlich schauen, dass es funktioniert. Wenn es im deutschen Lebensmitteleinzelhandel fünf große Konzerne gibt, die den Markt beherrschen und Zulieferern wie Kunden die Preise diktieren, hat das nichts mehr mit Markt zu tun. Märkte funktionieren nur dort, wo die Unternehmen nicht zu groß werden.

ZEIT ONLINE: Technologie, Einzelhandel – überall sonst sind Märkte sinnlos?

Wagenknecht: Märkte sind in vielen Bereichen sinnvoll, aber wir müssen begreifen, wann sie funktionieren. Ein negatives Beispiel ist die Energiewirtschaft. Dass es eine verrückte Idee war, die Energiewende marktkonform zu organisieren, zeigt sich jetzt. Hier wäre eine organisierte Gestaltung dringend notwendig, wenn die aktuelle Abzocke der Haushalte gestoppt werden soll. Auch im Gesundheitsbereich: Dass Krankenhäuser privatisiert werden und am Ende 20 Prozent Rendite generieren sollen, ist einfach absurd und gegen jeden humanen Anspruch. Kranke sind doch keine "Kunden", die man danach bewerten kann, ob sie viel oder wenig Geld mitbringen und ob ihre Behandlung sich rentiert. Das gleiche gilt für Schüler, deshalb ist Privatisierung auch in der Bildung völlig fehl am Platz. Und an die segensreiche Wirkung von Finanzmärkten glaubt hoffentlich heute kaum noch einer.

ZEIT ONLINE: Sie wollen ein System, das Sie einen kreativen Sozialismus nennen. Wie genau soll das aussehen?

Wagenknecht: Kreativität muss sich lohnen. Wer eine gute Idee hat, etwas erfunden hat oder ein neues Unternehmen gründen will, der muss dabei unterstützt werden. Wer hilfsbedürftig ist, dem muss ein menschenwürdiger Standard garantiert werden. Aber niemand sollte mehr die Möglichkeit haben, von der Arbeit anderer zu leben, weil er reiche Eltern hatte und ein Riesenvermögen in die Wiege gelegt bekommen hat.