Sahra Wagenknecht : "Der neue Sozialismus muss ein anderer sein"

Der Kapitalismus wird verschwinden, sagt die stellvertretende Linken-Chefin Sahra Wagenknecht im Interview. Er halte sich nur, weil viele keine Alternative sehen.
Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht © Tobias Schwarz /Reuters

ZEIT ONLINE: Haben Sie die Hoffnung schon aufgegeben, dass der Kapitalismus als System verschwindet?

Wagenknecht: Nein, auf keinen Fall – das ist Teil meiner Motivation. Ich halte es für ausgeschlossen, dass der Kapitalismus das Ende der Geschichte ist. Wir erleben zurzeit in Europa besonders drastisch wie die aktuelle Krise den Wohlstand verringert, selbst in Deutschland erwartet kaum noch einer, dass es seinen Kindern und Enkeln einmal besser gehen wird. Das ist ein doch ein Beleg für das Versagen der aktuellen Wirtschaftsordnung.

ZEIT ONLINE: Warum hält sie sich dann?

Wagenknecht: Weil viele keine Alternative zu ihr sehen. Aber das beginnt sich langsam zu ändern. Hätten wir in den neunziger Jahren darüber gesprochen, hätten sicher die meisten gesagt, dass dem Kapitalismus die Zukunft gehört. Heute ist Kapitalismuskritik längst keine Außenseiterposition mehr.

ZEIT ONLINE: Der Sozialismus ist schon einmal gescheitert…

Wagenknecht: …aber das ist überhaupt kein Beleg dafür, dass der Kapitalismus die Lösung ist. Es ist nur ein Beleg dafür, dass Sozialismus etwas anderes sein muss als das frühere System in Osteuropa. Damals war die Idee, die Marktmechanismen ganz aufzuheben und durch eine zentrale Planung zu ersetzen. Die parlamentarische Demokratie wurde durch ein sehr restriktives staatliches System abgelöst. Diese Konzepte sind gescheitert.

ZEIT ONLINE: Also doch eine Marktwirtschaft?

Wagenknecht: Nicht die Märkte sind das Problem, sondern das private Eigentum an großen Unternehmen, das gesellschaftliche Macht und die leistungslose Aneignung der Arbeitsergebnisse anderer ermöglicht. Die Märkte müssen allerdings begrenzt werden auf die Bereiche, in denen sie funktionieren können.

Sahra Wagenknecht

Vizevorsitzende der Linken: "Emanzipieren Sie sich von der Wall Street; der Finanzmafia müssen endlich Grenzen gesetzt, ihre Geschäfte reguliert werden."

ZEIT ONLINE: Welche Bereiche sind das?

Wagenknecht: Alle, in denen es echten Leistungswettbewerb gibt und man sich nur dank besserer Ideen und höherer Qualität einen Vorteil verschaffen kann. Wenn viele Unternehmen auf einem Markt miteinander konkurrieren, dann müssen sie versuchen, besser und produktiver zu sein als der Konkurrent. Das ist eine Triebfeder für technologische Innovation. Auch bei den kommerziellen Konsumgütern ist Wettbewerb wichtig, damit das produziert wird, was die Leute kaufen wollen. Man muss natürlich schauen, dass es funktioniert. Wenn es im deutschen Lebensmitteleinzelhandel fünf große Konzerne gibt, die den Markt beherrschen und Zulieferern wie Kunden die Preise diktieren, hat das nichts mehr mit Markt zu tun. Märkte funktionieren nur dort, wo die Unternehmen nicht zu groß werden.

ZEIT ONLINE: Technologie, Einzelhandel – überall sonst sind Märkte sinnlos?

Wagenknecht: Märkte sind in vielen Bereichen sinnvoll, aber wir müssen begreifen, wann sie funktionieren. Ein negatives Beispiel ist die Energiewirtschaft. Dass es eine verrückte Idee war, die Energiewende marktkonform zu organisieren, zeigt sich jetzt. Hier wäre eine organisierte Gestaltung dringend notwendig, wenn die aktuelle Abzocke der Haushalte gestoppt werden soll. Auch im Gesundheitsbereich: Dass Krankenhäuser privatisiert werden und am Ende 20 Prozent Rendite generieren sollen, ist einfach absurd und gegen jeden humanen Anspruch. Kranke sind doch keine "Kunden", die man danach bewerten kann, ob sie viel oder wenig Geld mitbringen und ob ihre Behandlung sich rentiert. Das gleiche gilt für Schüler, deshalb ist Privatisierung auch in der Bildung völlig fehl am Platz. Und an die segensreiche Wirkung von Finanzmärkten glaubt hoffentlich heute kaum noch einer.

ZEIT ONLINE: Sie wollen ein System, das Sie einen kreativen Sozialismus nennen. Wie genau soll das aussehen?

Wagenknecht: Kreativität muss sich lohnen. Wer eine gute Idee hat, etwas erfunden hat oder ein neues Unternehmen gründen will, der muss dabei unterstützt werden. Wer hilfsbedürftig ist, dem muss ein menschenwürdiger Standard garantiert werden. Aber niemand sollte mehr die Möglichkeit haben, von der Arbeit anderer zu leben, weil er reiche Eltern hatte und ein Riesenvermögen in die Wiege gelegt bekommen hat.

Verlagsangebot

Die Macht der Vorurteile

Vorurteile prägen unseren Alltag. Woher sie kommen. Wem sie nützen. Und warum man sie so schwer loswird. Jetzt in der neuen ZEIT.

Hier lesen

Kommentare

473 Kommentare Seite 1 von 48 Kommentieren

Ergänzung zu dem Interview

die Wiki-Beiträge "Postdemokratie" und "Green Economie" ergänzen das interview .

So wie niemand der verantwortlichen "Fachleute" den Banken-Crash vorhersehen wollte, will niemand derselben "Fachleute" die Zerstörung der Lebensgrundlage zukünftiger Generationen sehen.
Hier schließe ich die Meineid-Politiker ("zum Wohle...???) mit ein.
Nach uns die Sintflut.

Frau Wagenknecht liegt als westliche Ausnahme-Politikerin mit Ihren Sorgen um die "99%-Menschen" nicht verkehrt.
Wenn sie noch einen Plan hätte, wie global! menschenwürdige Arbeitsplätze mit Entlohnung für ein menschenwürdiges Leben geschaffen werden können, soll sie sicher nicht nur von mir aus einen vergoldeten Daimler fahren.

Wenn sie noch erklären könnte, wie global! me

Schneller & Langsamer

Ein völlig freier Markt würde nur zu einer schnelleren "kapitalistischen" Evolution führen. Bei einem nicht völlig freien Markt laufen die Schritte eben langsamer ab, das geht zeitweise bis zum vermeintlichen Stillstand. Trotzdem gibt es Veränderungen, die dauern dann halt nur länger.

Auch bei der normalen Evolution gibt's ja ein auf der Stelle trippeln, Seitwärts- oder Rückwärtsschritte. Manchmal braucht es auch mal die unvorhergesehe Naturkatastrophe oder den "Klimawandel", durch die erst Veränderungen nötig werden.

Hm...

...also in Berlin ist der Gegensatz zu einem SUV ein uralter Oldheimer der sicher zehnmal so viele NOx Abgase in die Athmosphäre bläst als ein dicker SUV, aber egal...

Ansonsten ist es mir egal, wem Sie den Preis für Polemik geben möchten - da Sie meinen Kommentar nichtmal wirklich verstanden haben. Sie können diesen auch nicht verstehen, denn Sie haben ein anderes Menschenbild als ich. Ich haben den vorangehenden Kommentar eher so aufgefasst: "Um gleich zu Beginn mal eines klarzustellen: Ihr seit auch nicht so toll mit Euren SUVs und zwar weil..."
Und jetzt stellt sich mir die Frage, wieso jemand so etwas schreibt - und zwar proaktiv, ohne dass er auf etwas Antwortet oder sich gegenüber einer diffamierenden Kritik verteidigt. Also, niemand hat hier behauptet, dass SUV Fahrer irgendwie wertvolleres Leben darstellen und überhaupt sind die Zeiten, wo man sich auf sein dickes Auto morz was einbildet seit Jahrzehnten vorbei in dieser Gesellschaft - das machen wirklich nurnoch die pumpstyler. Wieso also diese proaktive Richtigstellung? Weil sie natürlich auch eine Unterstellung beinhaltet. Und damit weist man auf die (ich denke mal moralischen) Versäumnisse der Mitmenschen (SUV Fahrer und andere Leistungsträger) hin - PAUSCHAL wohlgemerkt.
Tut mir leid aber jemanden anderen (oder eine ganze Schicht) schlecht zu machen um selbst in einem besseren Licht zu stehen - das ist ein uralter Hut in der Soziologie/Psychologie - genauso wie "Angriff ist die beste Verteidigung".

Strategie war genau richtig

Keine Sorge, ich kann das alles nachvollziehen, da braucht man kein Diplom für. Ihre Kritik am vorigen Beitrag schoss schlichtweg weit übers Ziel hinaus und las Sachen in den Kommentar hinein, die dort gar nicht vorkamen.

"proaktiv"
Ja, einen Punkt machen, bevor das übliche Lamentieren losgeht, d.h. Vorwärtsverteidigung. Dann kommen nämlich keine bräsigen Zweizeiler über die Linke, Frau Wagenknechts Privatleben usw, sondern dann muss verteidigt werden. Entweder durch eine sachliche Replik, oder eben durch Mutmaßungen.

Etwas sehr pauschal

Letztlich bleibt Fakt, dass alle "Verbesserungsvorschläge" die Reduktion als Basis haben, dies aber von Leuten proklamiert wird, die es sich soweit oben bequem gemacht haben, dass diese Forderung aus ihrer Perspektive sehr leicht zu erfüllen ist. "Immer die anderen" trifft daher genau auf diese Meinungsträger zu, denn sie fordern diese "Verbesserungsvorschläge" nicht von sich, sondern eben gerade von den (deutlich weniger verdiendenden) ein, dennen sie zunächst natürlich einreden wollen, sie wären in ihrem bescheidenen Kosumverhalten die Quelle allen Übels. Man kann sich das einreden lassen, muss aber nicht. Nachdenken sei jedem natürlich gerne erlaubt. Wer sich aber fremdbestimmt von Meinungsträgern anstecken läßt sie in geselschafltichen Selbstzweifeln zu verleiren, hat letztlich nichts weiter "gewonnen" als sich ungklücklich, verbittert und unzufrieden zu fühlen. Die "Meinungsträger" diskutieren derweil wahrscheinlich bei dem besten Rotwein und dem 6-Gänge Menü im Berliner "Schickimickie-Viertel" und feiern die hohe Buchauflage. Ganz systgemkritisch...und weltverbessernd...natüüüürlich! ;-)
Wie war das noch? : " Egal was passiert, man darf nie so tief sinken, den Kakao, durch den man gezogen wird, auch noch zu trinken."

Die Linken haben mehrere Probleme

Sie erkennen nicht, dass ein Staat nicht grundsätzlich moralischer ist als ein unternehmen, daher suchen Sie dort heil, wo im Zweifelsfall noch mehr Unheil herkommen kann.
Auch liegt Frau Wagenknecht meiner Meinung nach falsch, wenn Sie das private Eigentum an großen Unternehmen als Problem sieht.
Man sieht am französischen Modell, wo dies hinführt (Peugeot, Citroen,
Areva & Co). Ob private oder staatliche Macht die leistungslose Aneignung der Arbeitsergebnisse anderer ermöglicht ist doch am Ende egal.
Klar müssen Märkte begrenzt werden, damit sie gut funktionieren.
Ein weiteres Problem was viele in meinem Bekanntenkreis mit den Linken haben ist die Glaubwürdigkeit:
-Im Westen purer Populismus
-Im Osten eine zweite SPD mit hohem Anteil an ex SED Genossen.