Kinderbetreuung : Den Kitas fehlt es an Qualität

Bildungsausbau im Hau-Ruck-Verfahren: Bald haben Eltern Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz. Deshalb gibt es nun mehr Plätze, aber auch neue Probleme, findet C. Eubel.

Es ist ein Versprechen, mit dem die Politik ungeheuer hohe Erwartungen geweckt hat. Ab dem 1. August haben Eltern erstmals einen Rechtsanspruch auf eine Ganztagsbetreuung für ihre ein- bis dreijährigen Kinder. Niemand könne sich mehr aus der Verantwortung stehlen, hatte Ursula von der Leyen im April 2007 prophezeit. Die CDU-Politikerin war damals Bundesfamilienministerin – und Bund, Länder und Kommunen hatten sich beim "Krippengipfel" gemeinsam das Ziel gesetzt, in ganz Deutschland die Betreuungsangebote für Kleinkinder massiv auszubauen. Doch inzwischen zeichnet sich ab: Die Zahl der Plätze wird nicht reichen, um alle Wünsche zu befriedigen.

Zwar sind in vielen Kommunen im Hauruck-Verfahren neue Kitas gebaut worden. Doch spätestens bei der Suche nach geeignetem Personal stellen die Verantwortlichen in den Städten und Gemeinden fest, dass es zu wenig ausgebildete Erzieherinnen und Erzieher gibt. Auch, weil es die Länder in den vergangenen Jahren versäumt haben, rechtzeitig ihre Ausbildungskapazitäten hochzufahren.

Um den Rechtsanspruch auf dem Papier erfüllen zu können, wird deshalb im Moment an vielen Schrauben gedreht: In einem Teil der Kindergärten werden die Gruppen vergrößert, in anderen wird kurzfristig angelerntes Personal eingestellt. Nicht zuletzt werben die Kommunen sich gegenseitig Erzieherinnen ab, mit Ballungsraumzulagen oder dem Versprechen auf ein Laptop. Von der Familienministerin bis zu den kommunalen Spitzenverbänden schauen im Moment alle Verantwortlichen gebannt darauf, ob die versprochenen Zahlen eingehalten werden können oder nicht. Im bundesweiten Durchschnitt soll für 39 Prozent der Unter-Dreijährigen eine Betreuung in einer Krippe oder bei einer Tagesmutter zur Verfügung stehen, insgesamt 780.000 Plätze.

Kita-Ausbau: Der Blick auf die Qualität geht verloren

Dabei ist der Blick auf die Qualität verloren gegangen. Seit Jahren sind sich Experten einig, dass der Erzieherberuf in Deutschland stärker professionalisiert und aufgewertet werden sollte. Eine Umfrage des Familienministeriums unter Tagesmüttern zeigte vor kurzem, dass fast jede dritte von ihnen überlegt, ihre Arbeit einzustellen – in erster Linie wegen der geringen Entlohnung. Bei selbstständigen Tagesmüttern reicht das Einkommen aus dem Job oft noch nicht einmal, um die eigene Existenz zu sichern. Doch beim Kita-Ausbau setzen Bund und Länder unverdrossen darauf, einen Teil des Bedarfs durch Tagesmütter abzudecken.

Wer keine großen Enttäuschungen provozieren will, muss weiter massiv in den Ausbau und die Qualität der Kinderbetreuung investieren. Die Kommunen prognostizieren schon jetzt, dass die Zahl der Eltern, die eine Betreuung für ihre Kleinkinder suchen werden, in den nächsten Jahren weiter steigen wird. Besser bezahlte Erzieherinnen und kleinere Gruppen – davon würden viele Kinder (und ihre Eltern) profitieren.

Im internationalen Vergleich zahlt Deutschland relativ viel Geld direkt an Familien und investiert wenig in Kinderbetreuung, wie vor kurzem Wissenschaftler der Bundesregierung erneut bestätigt haben. Doch die Union setzt im Wahlkampf darauf, höhere Steuerfreibeträge für Familien und ein höheres Kindergeld zu versprechen. Die Sozialdemokraten kündigen zwar an, zwei Milliarden Euro in den Kita-Ausbau stecken zu wollen, versprechen Eltern aber zugleich Beitragsfreiheit. Wer eine gute Kinderbetreuung garantieren will, sollte seine Prioritäten noch einmal überdenken.

Erschienen im Tagesspiegel

Verlagsangebot

DIE ZEIT wird 70 ...

... und ihre Journalisten erzählen von den Geschichten ihres Lebens. Von Geheimnissen und Irrtümern unserer Zeitung. Und von den besten Lesern der Welt. Eine Festausgabe.

Mehr erfahren

Kommentare

35 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

ja und nein

Sie haben Recht: Kinder über 3 Jahren haben zunächst nichts davon.

Die Frage allerdings ist, was Sie uns damit mitteilen möchten? Vielleicht, dass wir die Renten erhöhen sollten? Die meisten von uns werden immerhin irgendwann mal Rentner sein.

Ernsthaft:
mir ist es lieber, wenn der komplette Erziehungszweig schritt für Schritt umgebaut wird. Ich für meinen Teil betrachte den Kita-Ausbau als einen Teilschritt. Andere werden kommen, früher oder später. Hätte man mehr auf die Qualität geachtet, wäre vermutlich eine Kitaplatz-Garantie bis jetzt auch nicht durchsetzbar gewesen. Der Staat verschenkt in beiden Fällen Potenzial, das ist klar, nur wird sich - aus staatlicher Sicht - durch die Platzgarantie kurzfristig mehr vom Steuerzahler einnehmen lassen, weil nicht mehr so viele zu Hause bleiben müssen, um ihre Kinder zu betreuen.

Was hingegen passiert, wenn man alles gleichzeitig angeht, sieht man zur Zeit gut im Bereich Energie. Wenn man dieses Durcheinander den Kindern ersparen kann, findet dies hingegen meine Zustimmung

Fairness

Die Redigierung will nicht fair sein, sondern gut in den Medien dastehen, damit sie eine Wahl gewinnen kann.
Hierfür braucht sie vor der Wahl nur genug Krippenplätze. Da das Betreuungsgeld eh unbeliebt ist, stört es auch keinen Wähler, dass so gut wie alle Kinder vor der Wahl wegen der Stichtage nichts bekommen.
Praktisch, wenn alle glauben, dass wenigstens die bösen Familien mit konservativem Weltbild (einer erzieht die Kinder zu Hause) vom Staat unterstützt würden.

Ein paar Grundüberlegungen

Die Gruppengröße bzw der Personalschlüssel sind für so kleine Kinder ein ganz wichtiges Qualitätskriterium: In diesem Alter brauchen sie noch ganz viel Blick- und Körperkontakt, um sich sicher zu fühlen.

Deshalb kommen z. B. in Norwegen auf eine Erzieherin höchstens 3 Kinder unter Jahren, damit diese elementaren Grundbedürfnisse auch erfüllt werden.

Die Gruppengröße spielt eine wichtige Rolle, weil (Klein)Kinder bei ihren ganz normalen Lebensäußerungen eine Menge Lärm verursachen und gleichzeitig selbst sehr lärmempfindlich sind. In Studien zeigte sich, dass sie weniger komplex spielen, wenn sie dem leider üblichen Lärmpegel eines Kindergartens ausgesetzt sind. Und je mehr Kinder noch mit im Raum sind, desto lauter wird es eben.

In Deutschland werden die in skandinavischen Ländern üblichen Qualitätsstandards leider nur in Ausnahmefällen erreicht.

Ausbildung und Qualität

Er kann jederzeit eine Ausbildung machen, generell werden Quereinsteiger sogar recht gerne gesehen.

Das Problem dürfte die Finanzierbarkeit sein:
Die Ausbildung ist a) Ländersache und b) eine schulische und keine "normale" duale Ausbildung.
Das heißt, er wäre auf Bafög angewiesen, was es normalerweise mit 31 Jahren nicht mehr gibt.

Aktuell allerdings werden - aufgrund des Fachkräftemangels - auch andere Ausbildungsformen angeboten, so gibt es Modelle, die auf eine duale Ausbildungsstruktur setzen oder es gibt Teilzeit-Ausbildungen, extra für Quereinsteiger.
Informieren ist nicht so leicht, denn die Ausbildung ist Ländersache und jeder kocht sein eigenes Süppchen.

Viel wichtiger finde ich die Qualität der Ausbildung: Es werden leider vermehrt "Schnellstausbildungen" angeboten, oft von Trägern, die keine Erfahrung in der Erzieher-Ausbildung haben.
Wenn Kita-Plätze fehlen, und Personal fehlt - wo sollen plötzlich die guten und praxisorientierten(!) Lehrkräfte für die angehenden Erzieher so schnell herkommen?

Auch hier wurden Standards schon heruntergesetzt.
Zudem kommen aktuell immer mehr Praktikanten, die "nur" aufgrund der z. Zt. guten Berufsaussichten Erzieher werden wollten.
Oft waren es aber auch junge Erwachsene, die dafür *nicht* geeignet waren - gerade, wenn sie psychische Probleme haben.

(Ich habe den Job vor einem Jahr aufgegeben, obwohl oder gerade weil ich ihn gut und gerne gemacht habe - und bin um den radikalen Ausstieg sehr froh!)