Willy Brandt nahm sich als Kanzler manchmal Auszeiten. Er lag dann oft tagelang im Bett. Brandt litt an Depressionen. Das durfte damals aber keiner wissen. Seine Abwesenheiten wurden deshalb nach außen mit anderen Krankheiten kaschiert.

Zu Brandts Zeit ging das noch: Die Politik war noch nicht auf Dauerstress gestellt, unter den Journalisten in Bonn herrschte eine gewissen Diskretion. Und es gab noch kein Internet, das Gerüchte über den Gesundheitszustand oder andere Neuigkeiten von Prominenten im Sekundentakt verbreitet.

Als Wolfgang Schäuble 1990 von einem Attentäter so schwer verletzt wurde, dass er seitdem im Rollstuhl sitzt, kehrte er nach wenigen Wochen in den Politikbetrieb zurück. Das habe ihn innerlich am Leben gehalten, sagte er später in Interviews.

Politik ist verlockend. Der Umgang mit der Macht, die Möglichkeit, auf wichtige Entscheidungen Einfluss zu nehmen, kann süchtig machen. Viele kommen davon nicht los, selbst wenn sie dem Politikbetrieb mit seiner Dauerbelastung körperlich oder psychisch nicht mehr gewachsen sind.

Politik ist aber auch ein brutales Geschäft. Sie kennt keine Gnade. Politiker, vor allem, wenn sie höhere Ämter in einer Partei oder in einer Regierung bekleiden, sind heute in der Regel rund um die Uhr gefordert. 80-Stunden-Wochen sind normal, freie Stunden oder gar Tage zum Entspannen oder für die Familie selten. Schwäche zu zeigen oder gar zuzugeben, wird da schnell als Versagen gewertet. Er oder sie habe nicht die notwendige Härte, sich durchzubeißen, heißt es dann hinter vorgehaltener Hand. Oder wie es der Machtmensch Gerhard Schröder gerne formulierte: "Nur die Harten kommen in den Garten."

Politik als Droge

Als Wolfgang Schäuble zu Beginn dieser Legislaturperiode als Spätfolge seiner Querschnittslähmung mehrfach für Wochen ins Krankenhaus musste, wurde denn auch schnell die Frage gestellt, ob er als Finanzminister weiter amtieren könne. Schäuble beantwortete das auf seine Weise: Er verkündete, dass er auch vom Krankenbett aus die Geschäfte führe. Und er empfing in der Klinik Journalisten, um zu beweisen, dass er dazu in der Lage war.

Matthias Platzeck hat einen anderen Weg gewählt. Schon als er 2006 nach nur wenigen Monaten den Vorsitz der SPD niederlegte, nach zwei Hörstürzen und einem Kreislaufkollaps, machte er keinen Hehl daraus, dass ihn die Doppelbelastung als brandenburgischer Ministerpräsident und Chef der Bundespartei gesundheitlich überfordert hatte. Er fühlte sich dem nicht gewachsen und er zog, mit Rücksicht auf die Partei, aber vor allem auf sich selbst, die richtige Konsequenz.

Manche registrierten das damals mit Überraschung: Da ist einer, der seine Schwäche nicht versteckt. Der nicht verleugnet, wie mörderisch das Politikgeschäft sein kann. Und der sich dem nicht einfach unterordnet, sondern sich die Freiheit bewahren möchte, neben der Politik ein Stück normales Leben zu führen. Und aufzuhören, bevor es zu spät ist.

Nun hat sich Platzeck nach einem Schlaganfall entschieden, ganz aus der Politik auszusteigen. Er verdient dafür nicht Mitleid, sondern Anerkennung. Andere haben solchen Mut nicht aufgebracht, sondern in solchen Fällen einfach weitergemacht. Wer aber rücksichtslos mit sich selbst umgeht, kann auch keine gute, menschliche Politik machen. Schwäche kann so gesehen Stärke sein.