Nun ist es offiziell: Deutschland wird nichts gegen die Spionage-Aktivitäten der amerikanischen NSA unternehmen. Die deutschen Nachrichtendienste werden wie gehabt mit den Daten der Amerikaner arbeiten, als habe es die ganze Aufregung der vergangenen Monate nie gegeben.

Woher ich das weiß? Gab es etwa schon einen geheimen Beschluss im Bundestag, von dem nur ich (Amerikaner! Direkter Draht zur NSA!) erfahren habe? Oder ein Volksbegehren, das verlangte, der BND solle weiterhin NSA-Daten nutzen? Wie komme ich darauf, dass das deutsche Volk in der Frage schon entschieden hat, und zwar zu Gunsten der Überwachung?

Weil niemand in Deutschland die ganze Aufregung um die NSA wirklich ernst nimmt. Es ist kein Skandal, es ist auch kein Problem: Es ist Unterhaltung.

Woran mache ich das fest?

Erstens die Medienberichte. Es ist relativ leicht, in Deutschland seriöse von unseriöser Berichterstattung zu unterscheiden. Wenn es möglich ist, endlos darüber zu debattieren, ohne zu verstehen, worum es wirklich geht, ist es unseriös. Im Falle der Spionageaffäre wird "die Totalüberwachung durch die Amerikaner" diskutiert. Längst weiß man aber, dass es keine "Totalüberwachung" gibt.

Ja, die NSA, der BND und andere Spionagedienste zapfen eine Menge Internet- und Telefon-Daten an – potenziell jede unserer E-Mails zum Beispiel – und werten sie auch aus. Doch das ist noch nicht "Überwachung": Im Deutschen sagt man dazu "Rasterfahndung". Die Computer-Auswertung dient zunächst dazu, verdächtige Personen zu identifizieren; erst dann wird deren persönliche Kommunikation tatsächlich von Agenten "überwacht". Diese echte Überwachung betrifft nur einen Bruchteil der gesammelten Daten: Sie beschränkt sich auf tatsächliche Verdächtige. Das ist auch der Job der NSA und des BND.

Zugegeben, schon das ist Skandal genug, aber darüber diskutiert man hierzulande nicht. Man fabuliert das Ganze weiter, als lebten wir schon in einem echten Überwachungsstaat, in dem Gerichtsbeschlüsse längst überflüssig geworden sind und auf jeden von uns zwei Spione kommen. Wenn Ihre Lieblingszeitung sich wie ein Spionagethriller liest – das ist ein sicheres Zeichen, dass es kein ernstzunehmendes Thema ist, sondern ein Sommerlochdialog.

Zweitens, die Politiker. Die sind natürlich empört. Es heißt gar, Angela Merkel habe US-Präsident Barack Obama zur Rede gestellt, und Innenminister Friedrich sei nach Washington gefahren, um über die Überwachung zu reden. Leider war alles, was er dort darüber erfuhr, streng geheim, und er kann es uns nicht erzählen. Gut so, denn jetzt kann sich die Opposition lautstark darüber beschweren und so tun, als hätte sie an Stelle der Regierung ganz anders gehandelt.