ZEIT ONLINE: Ostdeutsch, sozialdemokratisch, katholisch – welcher dieser biografischen Grundpfeiler ist Ihr prägendster?

Wolfgang Thierse: Historisch ist die Rangfolge eindeutig. Katholisch bin ich am längsten, nämlich seit meiner Taufe. Ostdeutsch bin ich durch den biografischen Zufall, dass der kleinste Teil meiner Familie, aus Schlesien vertrieben, in der sowjetischen Besatzungszone gelandet ist. Also habe ich volle 40 Jahre DDR hinter mir. Und Sozialdemokrat bin ich innerlich seit den 1960er Jahren, Mitglied seit 1990. Aber am prägendsten? Das kann ich nicht beurteilen.  

ZEIT ONLINE: Mit katholisch bringen Sie die wenigsten Menschen in Verbindung.

Thierse: In der Tat, das löst immer noch Überraschung aus. Die meisten halten mich für einen evangelischen Pastor. Das ist ein ehrenwerter Beruf, aber ich bin es nicht.

ZEIT ONLINE: Während Ihrer 24 Jahre im Parlament haben Sie sich den Ruf erworben, Sprachrohr der Ostdeutschen zu sein. Sind ostdeutsche Erfahrungen im Parlament ausreichend repräsentiert? 

Thierse: Wenn ich es richtig beobachte, nimmt die Zahl der Ostdeutschen im Parlament weiter ab. In allen Parteien sind auch die Kandidaten aus Ostdeutschland häufig Westdeutsche. Ich halte es zunächst mal für normal, dass sich der Ost-West-Unterschied gewissermaßen natürlich verringert. Trotzdem finde ich es bedauerlich, dass die existenziellen Erfahrungen einer Diktatur, des Zusammenbruchs eines Systems, der Entwertung von Lebenserfahrungen immer weniger präsent sind. Denn Erfahrungen grundieren politisches Handeln. Die Erfahrung des Umbruchs und Aufbruchs geht verloren. 

ZEIT ONLINE: Ist es denn heute in der Politik tatsächlich noch wichtig, ob man aus Ost- oder Westdeutschland kommt?

Thierse: Nicht auf vordergründige Weise. 23 Jahre nach dem Ende der DDR spielt das eine allmählich abnehmende Rolle. Aber ich glaube, dass die existenzielle Erfahrung, die ich gerade beschrieben habe, im Bundestag anwesend sein sollte – so wie es wichtig ist, dass im Parlament nicht nur Menschen aus Großstädten, sondern auch vom Land vertreten sind und unterschiedliche berufliche Erfahrungen haben.

ZEIT ONLINE: Sie haben kürzlich gesagt, dass ein gnädigerer Umgang mit DDR-Biografien angezeigt wäre. Was genau meinen Sie damit?

Thierse: Das habe ich in Bezug auf Bundeskanzlerin Angela Merkel gesagt, als es eine gewisse Aufregung verursacht hat, dass sie in der DDR ein durchschnittliches, angepasstes Leben geführt hat. Das darf man ihr nicht zum Vorwurf machen. Es wäre schön, wenn die CDU, deren Vorsitzende sie ist, gnädig im Urteil über ostdeutsche Biografien insgesamt wäre. Das ist sie nicht.

ZEIT ONLINE: Woran machen Sie das fest?

Thierse: Schwarz-Gelb hat durchgesetzt, dass noch bis mindestens 2019 in den Stasi-Akten nachgesehen werden muss, wenn sich jemand im öffentlichen Dienst bewirbt oder befördert werden soll. Das muss endlich vorbei sein.

ZEIT ONLINE: SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat im ZEIT-Interview die Westdeutschen dafür kritisiert, nach dem Mauerfall nicht genug Verständnis für die ostdeutschen Biografien aufgebracht zu haben. Stimmen Sie ihm zu?

Thierse: Das negative Faszinosum Stasi hat insgesamt die Bewertung ostdeutscher Biografien überschattet. Das halte ich für ein Problem, weil nämlich viele Ostdeutsche gezwungen wurden, sich zu verteidigen und gar nicht in die Lage versetzt worden sind, selbstkritisch mit ihrer Lebensgeschichte umzugehen. Sie hatten immer den Eindruck, sie stünden unter dem Makel des Verdachts. Insofern stimme ich Steinbrück zu, ja.

"Dem Mainstream hinterherlaufen, das hat es nicht nur in der DDR gegeben"

ZEIT ONLINE: Steinbrück hat als Beispiel für das mangelnde Verständnis die Mitgliedschaft in der SED genannt. Sehen Sie das auch so?

Thierse: Wenn in der DDR am Ende zwei Millionen Menschen in der SED waren, kann man unterstellen, dass der kleinere Teil das aus echter kommunistischer Überzeugung getan hat. Für die meisten war das ein Akt der Anpassung, des Versuchs, beruflich Karriere zu machen oder diese zu stabilisieren. Das mag man alles nicht mögen. Aber sich anpassen, dem Mainstream hinterherlaufen, das sind menschliche Verhaltensweisen, die es nicht nur in der DDR gegeben hat. Natürlich gibt es einen Unterschied: Diese Verhaltensweisen sind in einer Demokratie unschädlicher. Aber das ist ein Systemunterschied, kein Qualitätsunterschied menschlichen Verhaltens.

ZEIT ONLINE: Sie selbst sind aber weder in die SED oder eine Blockpartei gegangen.

Thierse: Das bedeutete auch eine Kraftanstrengung. Ich habe mich immer als einen Linken empfunden, aber als anti-kommunistischen Linken. Nach meiner Überzeugung ist es der falsche Weg, unter Preisgabe der Freiheit eine gerechte Gesellschaft herzustellen.  

ZEIT ONLINE: Zur Zeit der Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann (1976) verloren Sie wegen "unbotmäßiger Reden" Ihren Arbeitsplatz im Kulturministerium der DDR. Wie stark hat Sie diese Erfahrung geprägt?

Thierse: Unser erstes Kind war ein knappes halbes Jahr alt und ich stand plötzlich vor der Situation, rausgeworfen zu sein und das mit einer politisch geradezu verheerenden Beurteilung. Dennoch war das im Grunde kein Bruch. Es war eher eine persönliche Bestätigung. 

ZEIT ONLINE: 1977 kamen Sie an der Ost-Berliner Akademie der Wissenschaften unter, wurden Mitverfasser des "Historischen Wörterbuchs ästhetischer Grundbegriffe". Ihr damaliges Berufsleben haben Sie mal eine "grimmige Idylle der DDR" genannt. Was bedeutet das?

Thierse: Die Akademie der Wissenschaften war eine sehr geräumige Nische – Nische im Sinne von Günter Gaus' Begriff der DDR als Nischengesellschaft. Insofern war das wie ein idyllischer Ort, aber unter widrigen Verhältnissen ringsum. In der SED-Diktatur hat jeder versucht, der nicht überzeugt war von diesem System, einen Überlebensort zu finden.

ZEIT ONLINE: Im Sommer 1990 wurden Sie Parteichef der Ost-SPD und führten die sozialdemokratische Fraktion in der frei gewählten Volkskammer. In der Frage der staatlichen Vereinigung traten Sie zunächst für ein behutsames Tempo ein. Ist damals zu viel Osten auf der Strecke geblieben?

Thierse:  Das mag sein. Aber es gab keine praktikable Alternative. Wir Sozialdemokraten wollten einen schrittweisen Prozess der deutschen Einheit, gestreckt auf drei, vier Jahre. Doch das Tempo der Veränderung beschleunigte sich unerhört. Die wirtschaftliche Basis der DDR brach zusammen, die Bevölkerung wollte schnell zur D-Mark. Auch außenpolitisch war die Unsicherheit groß. Das alles sprach auf eine geradezu brutale Weise für einen schnellen Prozess der Vereinigung. Der Westen erschien einer Mehrheit der DDR-Bürger als Erlösung all ihrer Probleme und Bundeskanzler Helmut Kohl hat diese Stimmung mit großer patriarchaler Geste erfolgreich aufgegriffen.

"Der Hass auf die Sozialdemokratie ist das Lebenselexier der Linken"

ZEIT ONLINE: Sprechen wir über aktuelle Politik. Was muss die SPD unternehmen, um die Realos der Linkspartei, die vor allem in den ostdeutschen Landesverbänden sind, für sich zu gewinnen?

Thierse: Das ist ein mühseliger Prozess. Bei allen kulturellen und politischen Gegensätzen, die in der Linkspartei herrschen, wird sie doch zusammengehalten durch die Antipathie gegen die Sozialdemokratie. Der Hass auf die Sozialdemokratie ist gewissermaßen das ideologisch-emotionale Lebenselixier der Linken. Daraus auszuscheren, ist auch für die, die Sie Realos nennen, schwierig. 

ZEIT ONLINE: Das heißt, es liegt nicht an der SPD?

Thierse: Nein. Die SPD kann nur die Politik einer linken Volkspartei machen – und das ist immer Reformpolitik. Das ist nicht die Sehnsucht nach einer Systemalternative. Der SPD geht es darum, innerhalb des Systems immer wieder neu für mehr Gerechtigkeit zu sorgen. Das ist nüchterne Arbeit und befriedigt nicht das utopische Bedürfnis nach radikaler Alternative.

ZEIT ONLINE: Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat in einem ZEIT-Interview jeglichen Vergleich der NSA-Abhöraffäre mit der Stasi abgelehnt. Zu Recht?

Thierse: Selbst wenn insbesondere Ostdeutschen im Zusammenhang mit Edward Snowdens Enthüllungen die Stasi einfällt, gibt es doch einen gravierenden Unterschied. Nach allem, was wir bislang wissen, sind die gesammelten Informationen nicht dazu verwendet worden, Menschen zu zerstören. Das war ja eine Aufgabe der Stasi: Informationen zu sammeln, um Menschen "zu zersetzen". Das hören wir bisher nicht. Ich hoffe, das bleibt so.

ZEIT ONLINE: Reicht die Kontrolle der Geheimdienste aus? Ist das Parlamentarische Kontrollgremium im Bundestag das geeignete Instrument?

Thierse: Bezogen auf die deutschen Dienste ja, bezogen auf die US-amerikanischen Geheimdienste offensichtlich nicht. Deswegen muss zusammen mit einem Freihandelsabkommen mit den USA ein Datenschutzabkommen verhandelt werden. Dazu gehört auch die Kontrolle der Geheimdienste.  

ZEIT ONLINE: Herr Thierse, Sie waren sieben Jahre lang Präsident und acht Jahre lang Vizepräsident des Bundestages. Welche parlamentarische Reform muss kommen?

Thierse: Das Parlament muss man immer ein bisschen reformieren, ohne zu glauben, den ganz großen Wurf zu schaffen. Wir müssen erreichen, dass wir eine vernünftige Verteilung der Arbeit haben. Es muss nicht alles, auch das Unwichtigste, formell im Plenum verabschiedet werden. Manche Dinge, beispielsweise erste Lesungen von Anträgen oder Gesetzentwürfen, können genauso gut in öffentlichen Ausschusssitzungen stattfinden.    

ZEIT ONLINE: Wie kann das Plenargeschehen lebendiger, weniger vorhersehbar gestaltet werden?

Thierse: Beispielsweise funktioniert das Instrument der Regierungsbefragung nicht richtig. Da funkt es nicht. Das ist ein bisschen langweilig und mühselig. Da müsste man etwas tun, beispielsweise den Chef oder die Chefin der Bundesregierung persönlich befragen.

ZEIT ONLINE: Haben Sie Angst, nach Ihrem Abschied aus dem Parlament in ein Loch zu fallen?

Thierse: Nein, ich bin der gelassenen Überzeugung, dass ich mich nicht langweilen werde. Ich habe mich auch vor der Politik nicht gelangweilt, warum soll es jetzt anders sein.